• Interview mit Gravitationsphysiker: „Das gewaltigste Ereignis, das man jemals im Universum beobachtet hat“

Interview mit Gravitationsphysiker : „Das gewaltigste Ereignis, das man jemals im Universum beobachtet hat“

Karsten Danzmann über die Entdeckung der Gravitationswellen, die Verschwiegenheit von 1000 Leuten und ein neues Signal in den Messdaten.

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Der Schattenriss eines Mannes ist vor der Visualisierung der Gravitationswellen zu sehen.
Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover sind am Nachweis der Gravitationswellen beteiligt....Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Herr Danzmann, sind Sie neidisch, weil der Nachweis einer Gravitationswelle erstmals mit den amerikanischen Ligo-Detektoren gelang und nicht mit „Geo600“ in der Nähe Ihres Instituts in Hannover?

 Nein, Ligo ist auch unser Detektor, wir sind Teil der Kollaboration. Unsere Stärke war schon immer die Technologieentwicklung. Das, was wir für den kleineren Detektor Geo600 entwickelt und dort erprobt haben, steckt jetzt in dem erneuerten Ligo-Observatorium, wo die erste Welle nachgewiesen wurde. Und zwar gleich am ersten Tag, an dem es überhaupt möglich war, ein solches Ereignis zu messen. Da hatten wir schon Glück.

 Seit wann wissen Sie von der Entdeckung der Welle?

 Ungefähr eine Stunde, nachdem das Signal eintraf. Wir haben hier alle drauf geschaut und haben es erst mal nicht geglaubt. Das Signal war einfach zu schön. Wir dachten, es handelt sich um einen Test. Es hat eine Weile gedauert, bis uns allen klar wurde, was das war.

 Wann waren Sie sich sicher?

 Das Signal war so groß und dick, das konnte man mit bloßem Auge erkennen, dass das ein Treffer war. Aber man muss trotzdem vorsichtig sein. Es braucht Wochen bis Monate, um das Rauschen, also all die Störungen, die in den Messungen enthalten sind, zu verstehen. Erst als wir so viele Daten ausgewertet hatten, dass wir sagen konnten, die Fehlerwahrscheinlichkeit ist kleiner als eine Falschmessung in 200.000 Jahren, da haben wir gesagt: Das ist sicher.

Karsten Danzmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik.
Karsten Danzmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover (Albert Einstein Institut).Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Ihr ganzes Forscherleben haben Sie den Gravitationswellen gewidmet. Seit Wochen wissen Sie: Wir haben eine! Und Sie dürfen nichts sagen – das muss doch quälend sein.

Eigentlich nicht. Man muss seine Arbeit ordentlich machen. Es bringt weder uns noch der Öffentlichkeit etwas, wenn wir über Dinge reden, die wir nicht richtig verstanden haben. Das schadet letztlich nur. Ich habe immer gesagt: Seit der Vorhersage dieser Wellen hat es 100 Jahre gedauert, da kommt es auf ein paar Wochen auch nicht mehr an.

 Schon länger gab es Gerüchte über die Entdeckung. Haben diese geschadet oder eher genützt, weil Sie dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommen haben?

 Ich glaube, das war ausgeglichen. Dafür, dass ungefähr 1000 Menschen vier Monate davon wussten, ist ziemlich wenig an die Öffentlichkeit gelangt.

 Man erwartet, dass Advanced-Ligo etwa eine Handvoll solcher Ereignisse pro Jahr misst. Dann müssten Sie doch schon das nächste haben, wann wird das veröffentlicht?

 Wir sind dabei, die Daten auszuwerten. In dem Fachartikel, der am Donnerstag in den „Physical Review Letters“ veröffentlicht wurde, sind Informationen zu insgesamt 16 Messtagen enthalten. Da ist schon zu sehen, dass es noch ein weiteres verdächtiges Signal gibt. Ob es wirklich eine Gravitationswelle war oder doch etwas anderes dahintersteckt, das müssen wir noch analysieren. Geben Sie uns noch ein paar Wochen, vielleicht auch Monate.

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