Interview mit Ornithologen Peter Berthold : „Rebhühner sind bald ausgestorben“

Die Vogelwelt ist in Gefahr: Vielen Arten droht das Aussterben, auch in Deutschland, warnt der Ornithologe Peter Berthold. Selbst viele Naturschutzgebiete helfen nicht.

Ruth Renée Reif
Seltener Anblick. Die früher in Deutschland weitverbreiteten Rebhühner könnten ein Opfer der intensivierten Landwirtschaft werden.
Seltener Anblick. Die früher in Deutschland weitverbreiteten Rebhühner könnten ein Opfer der intensivierten Landwirtschaft werden.Foto: imago/blickwinkel

Vögel sind Gradmesser der Umweltqualität. Wo es den Vögeln gut geht, ist es auch für den Menschen gut zu leben. Aber die Vogelwelt ist in Gefahr. Der Ornithologe Peter Berthold warnt vor dem Verschwinden unserer Vögel aus der Natur. In seinem Buch „Unsere Vögel. Warum wir sie brauchen und wie wir sie schützen können“ (Ullstein, Berlin 2017) zeigt er Wege zu ihrer Rettung auf.

Herr Professor Berthold, in Ihrem Buch berichten Sie von einer dramatischen Abnahme des heimischen Vogelbestandes. Sind bereits Arten ausgestorben?

Wir haben seit 1800 etwa 80 Prozent der Vögel verloren. Wo früher 100 Vögel umherflogen und sangen, sind es heute nur noch 20. Eine Reihe von Arten ist auch schon ausgestorben. Hatten wir früher 268 Brutvogelarten, sind es heute nur noch 258. Weder der Steinsperling noch die Blauracke oder der Schlangenadler brüten mehr bei uns. In Zukunft wird die Liste der gefährdeten Vogelarten noch länger werden.

Um welche Arten fürchten Sie?

Dem Rebhuhn, von dem einst rund zehn Millionen Exemplare bei uns lebten, steht das Aussterben unmittelbar bevor. Dasselbe gilt für den Seggenrohrsänger. An Belgien können wir sehen, was uns droht. Es ist das Land Europas mit den höchsten Artenverlusten. Da ist bereits das Braunkehlchen ausgestorben, ebenso die Bekassine. In manchen Nachbarländern werden sie vielleicht noch länger vorkommen. Die Bekassine zum Beispiel brütet nach wie vor in Polen und in den skandinavischen Ländern. In Deutschland aber stehen diese Arten an der Schwelle des Aussterbens.

Das Nachbarland Schweiz beklagt, im 21. Jahrhundert bereits drei Brutvogelarten verloren zu haben. Nach Einschätzung der dortigen Vogelwarte befinde sich die Schweizer Vogelwelt im Umbruch. Gilt das für ganz Europa?

Umbruch ist ein beschönigender Ausdruck. Ich würde eher von Zusammenbruch sprechen. Von den 80 Prozent Vögeln, die wir seit 1800 weniger haben, verloren wir 15 Prozent im Zeitraum bis ungefähr 1955/60. 65 Prozent verschwanden in den letzten 50 Jahren, wobei wir die größten Verluste in den vergangenen 20 Jahren verzeichnen. Das heißt, der Rückgang der Vögel beschleunigt sich. Wenn sich das fortsetzt, gibt es in zehn Jahren noch einmal zehn Prozent Vögel weniger. Dann haben wir nur noch einen bescheidenen Rest.

Wo liegen die Ursachen für diesen dramatischen Rückgang?

Die industrielle Landwirtschaft lässt Vögeln kaum noch eine Chance. Sie führt zur Zerstörung von Biotopen und einer Abnahme des Nahrungsangebots. Wenn Wiesen gemäht werden, bevor es bei den Blumen zur Samenbildung kommt, verlieren Rebhühner, Goldammern und Sperlinge ihre Nahrung. Auf den Getreidefeldern bleibt durch den dichten Aufwuchs zwischen den Halmen kein Platz für Lerchen, Wachteln und andere Feldvögel. In den Städten stellen Hauskatzen eine Bedrohung dar. Man muss einen Verlust von 30 Millionen Vögeln pro Jahr annehmen. Studien ergaben, dass allein die Anwesenheit von Katzen die Altvögel vom Füttern der Jungen abhält.

Kommen nicht aber auch Vögel herzu, die bisher nicht hier lebten?

Wir haben Neuzugänge. Die Kanadagans, die Rostgans und die Nilgans sind gekommen. In Mecklenburg-Vorpommern brütet neuerdings der Nandu. Darum wird die Liste der in Deutschland brütenden Vogelarten jedes Jahr länger. Manche veranlasst dieses Paradoxon zu der irrigen Annahme, die Vogelwelt sei gar nicht gefährdet. Zählt man jedoch diese neuen Individuen zusammen, kommt man auf nicht einmal 100 000 Vögel. Mehr als ein paar interessante Farbtupfer am Himmel sind das nicht.

Peter Berthold war Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie und der Vogelwarte in Radolfzell. Er ist Verfasser des Standardwerks „Vogelzug“.
Peter Berthold war Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie und der Vogelwarte in Radolfzell. Er ist Verfasser des...Foto: privat

Nun gibt es in Europa 27 000 Naturschutzgebiete, davon über 8000 in Deutschland. Sind sie für Vögel nicht hilfreich?

Die Naturschutzgebiete bedecken vier Prozent der Landesfläche Deutschlands. Aber sie erfüllen ihre Aufgaben, die Natur nachhaltig zu schützen, überhaupt nicht. Sie sind zu klein, liegen zu weit auseinander und werden vor allem nicht ausreichend geschützt. Es gilt für sie immer nur eine Teilschutzverordnung. So ist es zwar verboten, Orchideen auszureißen oder Wiesen öfter zu mähen. Aber es darf der Wald genutzt werden, und auch die landwirtschaftliche Nutzung wird weitgehend beibehalten. Sogar Freizeitaktivitäten sind erlaubt. Meist erkennt man nur an der Naturschutzgebietstafel, dass es sich um ein Naturschutzgebiet handelt.

Würden Sie sagen, dass der Naturschutz in Deutschland die Vögel vernachlässigt?

Die Verwaltungsfachleute und Juristen in unseren Naturschutzbehörden besitzen kaum Kenntnisse von Biologie oder Ökologie. Sie betreiben immer noch den Käseglocken-Naturschutz des 19. Jahrhunderts. Wenn sie etwa vom Rückgang des Rotkopfwürgers erfahren, suchen sie nach Gegenmaßnahmen, wie die Förderung von Steinobst. Sie erkennen nicht, dass Klimaerwärmung, die veränderten Zusammensetzungen von Ökosystemen und anderes ein solches Problem der statischen Betrachtung entziehen. Gewisse Vogelarten wie das Auerhuhn werden wir bei uns nicht halten können.

Das heißt, wir müssen das Aussterben oder Abwandern gewisser Vogelarten hinnehmen?

Im Schwarzwald haben wir noch eine Population von ungefähr 600 Auerhühnern. Aber durch Klimaerwärmung und Stickstoffeintrag wächst ihnen der Wald zu. Man müsste ihn 300 Meter anheben, um wieder in Klimabereiche wie um 1900 zu gelangen. Gewaltige Anstrengungen zu unternehmen, um diese Vögel im Schwarzwald zu erhalten, wäre fehl am Platz. Dafür werden andere Vogelarten einwandern. Wenn die Fichten sterben, was durch die Klimaerwärmung zu erwarten ist, werden im Raum von Baden-Baden bis Hornisgrinde hinauf Halsbandsittiche in den dürren Bäumen brüten.

Sie haben 2004 die Aktion „Jeder Gemeinde ihr Biotop“ ins Leben gerufen. Kann damit der Bestand an Vögeln gesteigert werden?

Wir nehmen aus den Gemeindeflächen zehn Prozent heraus. Darauf gestalten wir ein naturnahes Gebiet: Wir legen Tümpel, Teiche und Gräben an und pflanzen Hecken und Bäume. Das lockt die noch vorhandenen Vögel an. Sie wandern hinein und brüten. In der Folge kann man feststellen, dass die Bestände sich schnell wieder erholen. Das macht uns Hoffnung.

Könnte aus den einzelnen Biotopen einmal ein zusammenhängendes Biotop-Gebiet werden?

Das ist die Idee des Biotopverbunds. Wenn wir alle zehn Kilometer neue Naturoasen aus Menschenhand haben, wie den Heinz-Sielmann-Biotop am Bodensee, ergibt sich der Biotopverbund von selbst. Entfernungen von zehn Kilometern können nicht nur Vögel und Libellen, sondern auch Amphibien und Fische überbrücken. Da brauchen wir nicht einmal Fahrstraßen. Das wäre meine Idealvorstellung.

Zukünftig werden noch mehr Menschen in Städten leben. Wie bewerten Sie das?

Möglicherweise ist das einer der Wege, der uns vor einem Zusammenbruch der Artenvielfalt bewahren kann. Die großen Städte werden im Laufe der Zeit zusammenwachsen. Frankfurt am Main und das Ruhrgebiet könnten einen urbanen Raum bilden mit einer weiteren Achse nach Rotterdam. Paradoxerweise haben wir in den Städten mittlerweile mehr Vögel als auf dem vollständig ausgeräumten Land. In Berlin etwa, der vogelreichsten Stadt Deutschlands, brüten nahezu 150 Vogelarten. Das sind beinahe zwei Drittel aller in Deutschland brütenden Arten. Es wäre also wünschenswert, in den Städten so viel Grün wie möglich einzurichten.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

42 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben