Karrierechancen junger Wissenschaftler : Unzufrieden mit dem Professoren-Programm

Nur 1000 Stellen, keine Frauenquote: Das Bundesforschungsministerium verteidigt sich gegen Kritik der Linken am Nachwuchspakt.

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Junge Männer und Frauen sitzen in einer Bibliothek, lesen und arbeiten an ihren Laptops.
Fragender Blick. Den bundesweit 179000 wissenschaftlichen Mitarbeitern bieten 1000 zusätzliche Professuren keine ausreichenden...Foto: Mike Wolff

Warum finanziert der Bund lediglich 1000 zusätzliche Professuren an den Universitäten, obwohl doch der Wissenschaftsrat vor zwei Jahren eine Erhöhung um 7500 Stellen empfohlen hat? Die Empfehlung habe sich „primär“ an die Länder gerichtet, antwortet Staatssekretär Thomas Rachel aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) auf eine entsprechende Kleine Anfrage der Linken im Bundestag. „Die Bundesregierung leistet mit der Förderung von 1000 Tenure-Track-Professuren hierzu einen wichtigen Beitrag.“

Länder müssen jahrzehntelang Gehälter und Pensionen zahlen

Die Professuren, die mit dem Bund-Länder-Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses finanziert werden, haben wie Juniorprofessuren eine Laufzeit von zunächst sechs Jahren. Nach einer positiven Evaluation sollen sie mit dem „Tenure Track“ von der befristeten Stelle in der untersten Besoldungsgruppe W1 verlässlich in eine W2- oder W3-Lebenszeitprofessur übergeleitet werden. Der Bund kommt mit einer Milliarde Euro bis zum Jahr 2032 für die Finanzierung der ersten sechs Jahre sowie bei Bedarf für eine zweijährige Übergangszeit auf. Danach sind die Länder in der Pflicht: Ihr Anteil an dem Programm besteht darin, die Professuren auch tatsächlich zu verstetigen. Sie müssen also über Jahrzehnte für die Professorengehälter und später für die Pensionszahlungen aufkommen.

Die Junge Akademie fordert 1000 Bundesprofessuren

Forderungen nach weit mehr als 1000 zusätzlichen Professuren hat nicht nur der Wissenschaftsrat erhoben. Die Hochschulrektorenkonferenz hält eine Zahl von 3000 für notwendig, um mehr Nachwuchswissenschaftlern verlässlichere Karrierewege zu bieten und das Betreuungsverhältnis von Lehrenden zu Studierenden zu verbessern. Der Hochschulverband sieht einen Bedarf von 7500 Stellen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat 5000 Tenure-Track-Professuren gefordert und mit einer wissenschaftlichen Expertise unterlegt. Bund und Länder müssten dafür ein Fünf-Milliarden-Euro-Programm auflegen.

Für die Junge Akademie, in die junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Disziplinen berufen werden, stehen nicht Tenure-Track-Programme für Promovierte, sondern Vollprofessuren für erfahrene Kräfte im Vordergrund. Die an der Berlin-Brandenburgischen Akademie und an der Leopoldina angesiedelte Gruppe hat jetzt die „Bundesprofessur“ vorgeschlagen. Sie soll Nachwuchsgruppenleiterinnen, Juniorprofessoren oder Forscherinnen mit ERC Starting Grant den Einstieg in eine Lebenszeitprofessur bieten. Der Bund solle über zehn Jahre jährlich 100 neue Stellen für fünf Jahre finanzieren; kosten soll das 150 Millionen Euro pro Jahr. Damit kommt die Junge Akademie wie der Nachwuchspakt auf insgesamt 1000 zusätzliche Professuren, die langfristig von den Ländern übernommen werden sollen. Die Nachwuchskräfte sehen in ihrem Vorschlag gleichwohl „einen Beitrag zum Abbau des bestehenden Missverhältnisses zwischen einem personenstarken Mittelbau und einer vergleichsweise kleinen Professorenschaft“.

Warum die Fachhochschulen (vorerst) leer ausgehen

Die Linke im Bundestag hält das jetzt beschlossene Bund-Länder-Programm dagegen für insgesamt unterdimensioniert. Angesichts von derzeit rund 179 000 Personen, die das BMBF bundesweit zur Gruppe des wissenschaftlichen Nachwuchses zählt, seien 1000 zusätzliche Professuren ein „Trostpflaster“, kommentiert die hochschulpolitische Sprecherin Nicole Gohlke. Es reiche nicht aus, um „dem Befristungsunwesen und den mangelnden Perspektiven in der Wissenschaft zu begegnen“. Die Linke moniert zudem, dass nur die Universitäten, nicht aber die Fachhochschulen von dem Programm profitieren. Auch hier beruft sich das BMBF auf den Wissenschaftsrat: Der habe neue Karrierewege für den wissenschaftlichen Nachwuchs an den Unis empfohlen. Sobald das erwartete Votum auch zur Personalentwicklung an Fachhochschulen vorliege, würden Bund und Länder „etwaigen weiteren Handlungsbedarf prüfen“, antwortet der Staatssekretär.

Geschlechtergerechtigkeit und Familienhilfe statt Frauenquote

Eine Unausgewogenheit des Programms gegenüber der Fortsetzung der Exzellenzinitiative, für die bis 2026 mehr als vier Milliarden Euro zur Verfügung stehen, kann das BMBF nicht erkennen. Beide Förderinitiativen würden sich sinnvoll ergänzen. Schließlich diene auch die Exzellenzinitiative der „Schaffung attraktiver Stellen“. Dies konterkariere allerdings das Ziel des Nachwuchspakts, weil es sich um weitere befristete Stellen handele, merkt die Linke an.

Streit gibt es auch um den Verzicht auf eine Frauenquote. Staatssekretär Rachel erklärt, man habe sich stattdessen für eine „Regelung zur Erhöhung der Chancengerechtigkeit bei beiden Geschlechtern“ entschieden: Die sechsjährige Startphase kann bei der Geburt oder Adoption von Kindern um bis zu zwei Jahre verlängert werden. Dies halte die Bundesregierung „gerade mit Blick auf die Qualifizierungsphase junger Wissenschaftlerinnen für sehr zielgerecht“.

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