Katholische Fluchthilfe für NS-Täter : Die Mission des braunen Bischofs

Barmherzigkeit für Judenmörder: Wie die katholische Kirche NS-Verbrechern zur Flucht verhalf. Eine Schlüsselfigur war Bischof Alois Hudal.

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Das Bild zeigt Hitler beim Händeschütteln mit einem katholischen Bischof.
Würdenträger der katholischen Kirche halfen vielen NS-Verbrechern, der Verantwortung für Gewaltverbrechen zu entkommenFoto: imago/Arkivi

Parallel zum Exodus der Juden als Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft gab es einen Exodus der Täter. Gestürzte Gewalthaber des NS-Regimes waren auf der Flucht vor Verantwortung und Strafe, manche verbargen sich unter falscher Identität, andere in Verstecken, viele saßen in Internierungslagern oder im Gefängnis. Mit dem alliierten Verfolgungseifer kontrastierten Mitleid und Solidarität auf deutscher Seite. Die Ausreise, die Flucht aus dem besetzten Deutschland und Österreich gestaltete sich schwierig, denn sie, der Uniformen, der Titel und der Macht ledig, waren jetzt kriminelle Subjekte, verfemt als ehemalige KZ-Kommandanten, NSDAP-Funktionäre, SS-Offiziere, auf der Flucht vor der Justiz, vor irdischer Gerechtigkeit, vor ihren Opfern, vor der Erinnerung.

Die Flucht prominenter nationalsozialistischer Verbrecher nach Südamerika wurde mit Adolf Eichmanns Entführung aus Argentinien durch den israelischen Geheimdienst Anfang der sechziger Jahre ein Thema, das die Öffentlichkeit bewegte. Im Gegensatz zu den Displaced Persons, die von internationalen Organisationen betreut wurden, durften die abgehalfterten Naziverbrecher nicht auf organisierte offizielle Hilfe für ihr Entkommen rechnen. Aber Helfer für die Nazis gab es doch.

Sie flohen auf der "Rattenlinie", auch "Klosterroute" genannt

Ein wichtiger Fluchtweg war die „Rattenlinie“ aus dem besetzten Deutschland und Österreich durch Südtirol nach Rom, wegen der Relaisstationen auch „Klosterroute“ genannt. In den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ war dieser Weg, trassiert und gepflegt von Geistlichen und Würdenträgern der katholischen Kirche, eine komfortable Möglichkeit, der Verantwortung für Gewaltverbrechen wie der Mitwirkung beim Judenmord zu entkommen.

Tatsächlich sind außer Eichmann viele Täter nach dem Zusammenbruch des NS-Staates nach Südamerika entkommen. Dazu zählten etwa der KZ-Arzt Josef Mengele, der Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka Franz Stangl, der stellvertretende Lagerkommandant von Sobibor Gustav Franz Wagner. Zur Flucht verholfen wurde auch dem einstigen Gestapo-Chef in Lyon, Klaus Barbie, dem Kommandanten des Ghettos Przemysl, Josef Schwammberger, und dem SS-Hauptsturmführer Erich Priebke, der am Massaker in den Ardeatinischen Höhlen in Rom beteiligt war. Ihre Helfer saßen in Italien, vor allem in Südtirol und Rom.

Eine Schlüsselfigur war der 1885 in Graz geborene Alois Hudal, Theologieprofessor und seit 1923 Rektor des Collegio Teutonico di Santa Maria dell’Anima in Rom. Seit 1933 Bischof und päpstlicher Thronassistent, stand er Papst Pius XII. persönlich nahe und durfte sich bis Anfang 1950 des besonderen Segens des Papstes für sein Nazihilfswerk erfreuen.

Bischof Hudal fühlte sich berufen, seinen Gesinnungsgenossen zu helfen

Christliche Barmherzigkeit war nicht die einzige Triebfeder des Bischofs. Er sympathisierte von Anfang an mit dem Nationalsozialismus und unternahm 1942 einen Versuch zu Friedensgesprächen mit einem Amateurgeheimdienstler im SS-Rang. Hudal fühlte sich nach dem Untergang des Dritten Reiches berufen, den Gesinnungsgenossen zu helfen.

Ein weiteres, sehr wichtiges Motiv der katholischen Kirche, insbesondere prominent vertreten durch Papst Pius XII., war das Bestreben, den Untergang des christlichen Abendlandes zu verhindern. Das Abendland sahen kirchliche Würdenträger durch den Bolschewismus stark bedroht. Die Ideologie des Nationalsozialismus mit ihren Charakteristika Rassismus, Antisemitismus, Herrenmenschentum, Militarismus, praktiziert und mit vielen Millionen Opfern als menschenfeindlich bezeugt, erschien nicht nur Würdenträgern der katholischen Kirche als geringeres Übel gegenüber der bolschewistischen Gefahr.

Das Schicksal der europäischen Judenheit wurde zwar als Tragödie wahrgenommen. Aber gegenüber der mit Schuld aufgeladenen Präsentation des Holocaust durch die alliierten Sieger, die vor allem als Besatzungsmächte und als Herrscher über Deutschland wahrgenommen wurden, blieb die Indoktrination durch Goebbels, der die Einheit eines vermeintlichen Weltjudentums und bolschewistischen Herrschaftsstrebens gepredigt hatte, wirksam.

"Er verschaffte mir ein Visum für Syrien und eine Stelle in Damaskus"

Die christliche Barmherzigkeit des Vatikans galt nicht nur den in italienischen Lagern internierten ehemaligen deutschen und österreichischen SS-Angehörigen, Nationalsozialisten und ihren Verbündeten, kroatischen Ustaschas oder Ukrainern. Die Pilgerfahrt nach Rom versprach auch entflohenen Internierten aus Deutschland, Österreich und Kroatien Hilfe beim Entkommen vor irdischer Gerechtigkeit. Viele brachen auf und entsannen sich katholischer Wurzeln oder fühlten spirituelle Bedürfnisse, die sie zuvor nicht gekannt hatten.

NS-Verbrechern wie dem Kommandanten des Vernichtungslagers Treblinka, in dem 900 000 Juden ermordet wurden, SS-Hauptsturmführer Franz Stangl, zeigte sich Bischof Hudal äußerst liebreich. Dem gebürtigen Österreicher Stangl war im Mai 1948 die Flucht aus der Internierungshaft in Linz gelungen. Er hatte sich nach Rom durchgeschlagen, weil er wusste, dass im Vatikan ein Bischof Hilfsdienste für Leute seines Schlages leistete.

Der Gottesmann verschaffte dem Massenmörder eine Unterkunft, gab ihm Geld und besorgte einen Pass. Stangl erinnerte sich später: „Er verschaffte mir ein Visum für Syrien und eine Stelle in einer Weberei in Damaskus und gab mir eine Schiffskarte. Und so bin ich nach Syrien gekommen. Und nach einiger Zeit kam meine Familie mir nach, und drei Jahre später, 1951, wanderten wir nach Brasilien aus …“

Hudal hoffte auf eine große Revision der deutschen Geschichtsschreibung

Anfang 1949 hatte Bischof Hudal in einem Artikel in „Der Weg“, einer von alten Nazis im revisionistisch-rechtsextremen „Dürer Verlag“ in Buenos Aires herausgegebenen Zeitschrift, seine Gesinnung öffentlich dargelegt. In seinem Artikel warnte der katholische Oberhirte: „Glaubt auch nicht ohne weiteres allen Prozeßakten von Nürnberg, Landsberg und manchen Spruchkammern. Nur wenige Jahre werden vergehen, und die große Revision der deutschen Geschichtsschreibung der letzten 30 Jahre wird beginnen, um auch unserem Volke wieder zu Recht und Gerechtigkeit zu verhelfen.“

Mit solcher Anbiederung an unverbesserliches Nazitum hatte Bischof Hudal als kirchlicher Würdenträger ein bisschen überzogen. Das vatikanische Staatssekretariat erteilte ihm einen Verweis. Wenig später war Hudals Wirken Anlass eines neuen Skandals. Zu seinen Schützlingen gehörte Otto Wächter, ein hochrangiger Funktionär des NS-Regimes. Als Distriktschef und Stellvertreter des Generalgouverneurs Hans Frank war er mitverantwortlich für die Ausbeutung und das Unrecht in Polen, die Unterdrückung und Verfolgung der Einwohner und für den Judenmord.

Auch ihm gelang die Flucht nach Rom, wo er besondere Zuwendung durch Bischof Hudal erfuhr: „Im römischen Spital Santo Spirito starb in meinen Armen, von mir bis zum Ende betreut, der Vizegouverneur von Polen der von alliierten und jüdischen Stellen überall gesucht wurde.“ Wächter erlag laut Hudal einer Vergiftung, die der Nazifunktionär auf den amerikanischen Geheimdienst zurückführte.

Vom Roten Kreuz zu "Staatenlosen" erklärt, mit Hilfe von Pfarrämtern in Südtirol

Jetzt fiel Hudal endgültig in Ungnade, Pius XII. empfing ihn fortan nicht mehr, um die Kirche nicht zu kompromittieren. 1952 schied Bischof Hudal verbittert aus dem Amt als Rektor der Anima, 1963 ist er gestorben, von Nazis als Wohltäter verehrt, ein Fluchthelfer für Gewaltverbrecher, der sich in posthum erschienenen Memoiren seiner Taten brüstete.

Wichtige Hilfsdienste für die Werke katholischer Nächstenliebe leistete auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, das Pässe für die auswanderungswilligen Nationalsozialisten ausstellte, nachdem die päpstliche Hilfsstelle deren Identität bestätigt hatte. Bis Mitte 1952 sind 120.000 Personaldokumente vom Roten Kreuz ausgestellt worden – für vorgeblich „Staatenlose“. Nur für solche war das Rote Kreuz zuständig, geholfen haben Südtiroler Pfarr- und Gemeindeämter. Die Begründung lautete, sie hätten angeblich vor 1945 als Südtiroler für Deutschland optiert.

Die kirchliche Fluchthilfe war nicht die einzige, auch Geheimdienste, insbesondere US-amerikanische Organisationen, engagierten sich beim Transfer von Nationalsozialisten nach Übersee. Südtirol war die Drehscheibe und Argentinien ein wichtiges Auswanderungsziel. Juan Perón, 1946 bis 1955 faschistoider Staatspräsident Argentiniens, hatte eigene Interessen, kompetentes Personal aus den Trümmern des NS-Staats für die Modernisierung des Landes zu rekrutieren.

Es geschah während der Kriegsverbrechertribunale und der Entnazifizierung

Die Aktivitäten US-amerikanischer Geheimdienste, die Informanten und anderen Nützlingen zur Flucht aus Deutschland, zu neuer Identität und zur Immigration in Südamerika halfen, waren ebenso lange bekannt, wie sie Gegenstand diplomatischer Diskretion waren. Der politische Zynismus lag darin, dass dies geschah, noch während bei Kriegsverbrechertribunalen in der amerikanischen Besatzungszone die Fahne der Gerechtigkeit aufzogen wurde und die Entnazifizierung im Gange war.

Der Autor ist Historiker und ehemaliger Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin.

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