Kindergesundheit : Armut und Vernachlässigung hinterlassen Spuren im Erbgut

Bei chronisch gestressten Kindern aus sehr armen und instabilen Elternhäusern haben Forscher Chromosomenveränderungen gefunden, die mit den Altern und Krankheiten assoziiert sind.

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Spuren im Erbgut
Schlechte Bedingungen. Chronischer Stress hinterlässt schon bei Kindern Spuren im Erbgut.Foto: dpa

Die Jungen hatten es noch nie leicht: Ihre Familien sind sehr arm, bildungsfern und alles andere als stabil, es wird geschrien, gedroht und teilweise geschlagen, ihre Mütter kämpften zeitweise mit einer Depression. Bereits als sie neun Jahre alt waren, hat dieser chronische Stress Spuren an ihrem Erbgut hinterlassen, schreiben Forscher um Daniel Notterman von der Staatlichen Universität von Pennsylvania im Fachblatt „PNAS“. In Speichelproben haben sie typische Chromosomenveränderungen gefunden, die mit dem Altern und mit Krankheiten assoziiert sind: Die Telomere der Jungen sind kürzer als bei Altersgenossen aus wohlhabenden, intakten Elternhäusern.

Als Telomere bezeichnet man die Enden von Chromosomen. Beim Menschen ist das Erbgut in 46 Chromosomen verpackt. Jedes besteht aus einem Millionen Buchstaben langen DNS-Faden, an dessen Ende ähnlich wie bei Schnürsenkeln eine Art Kappe angehängt ist. Diese Kappen verhindern, dass der Faden beschädigt wird. Allerdings werden die Telomere im Laufe der Jahre immer kürzer – die Zelle schaltet dann allmählich Signalwege an, die mit dem Altern verbunden sind. Und je mehr Stress man hat, desto schneller werden diese Enden gekappt.

Dass dieser Prozess mitunter bereits in der Kindheit beginnt, weiß man aus den Studien zu extrem vernachlässigten Kindern aus rumänischen Waisenhäusern. Notterman und seine Kollegen fragten sich nun, wie es bei amerikanischen Kindern ist. Die Forscher verfolgen in der „Fragile Families and Child Wellbeing Study“ der Universitäten Princeton und Columbia das Schicksal von 5000 Kindern in 20 amerikanischen Städten, die zwischen 1998 und 2000 geboren wurden. Aus dieser Gruppe suchten sie 40 afroamerikanische Jungen heraus, die unter sehr schlechten Bedingungen aufwuchsen. Die Speichelproben, die diese Jungen mit neun Jahren abgegeben hatten, verglichen sie mit denen einer Kontrollgruppe aus „gutem Haus“.

Tatsächlich hatten die benachteiligten Jungen kürzere Telomere. Wie sehr die Chromosomenenden verkürzt waren, lag allerdings nicht nur am chronischen Stress, sondern auch an den Genen, die die Hirnbotenstoffe Dopamin und Serotonin regulieren.

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