Klimawandel und Rohstoffe : Eisschmelze gibt die Schätze der Arktis frei

Das Eis der Arktis schwindet, denn die Erderwärmung verläuft hier doppelt so schnell wie anderswo. Gleichzeitig wächst das Interesse an den dort lagernden Rohstoffen. Sie zu finden, ist aber schwer. Und der Abbau ziemlich teuer und kompliziert.

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Pipeline in der Arktis
Weiter Weg. Tausende Kilometer lange Pipelines bringen das in der Arktis geförderte Öl oder Gas zu den Abnehmern.Foto: CHRIS MADELEY/SCIENCE PHOTO LIBRARY

Tromsø, eine der nördlichsten Städte Europas, lag bereits 1000 Kilometer hinter den Forschern. Ihr Schiff hatte die nördliche Barentssee erreicht. Jetzt im August war es rund um die Uhr hell, trieb noch kein Eis auf dem tiefblauen Wasser. Nach monatelanger Vorbereitung konnte die Expedition beginnen. Mit stählernen Haken hievten die Forscher Messgeräte über das Heck: „Airguns“, die alle zwölf Sekunden einen Schallimpuls in Richtung Meeresboden jagen, sowie ein vier Kilometer langes Stahlseil, das hinter dem Schiff hergezogen wird. Es ist bestückt mit Dutzenden Hydrophonen, die die Schallwellen aufzeichnen, nachdem sie vom Untergrund zurückgeworfen wurden.

Mithilfe der Messdaten wollen die Seismiker um Kai Berglar von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) herausfinden, wie der Meeresboden aufgebaut ist, ob er Erdöl und Erdgas enthalten könnte. „Das ist in diesem Gebiet nur im August und September möglich“, sagt Berglar. „Dann weicht das Eis weit genug zurück, um ohne Eisbrecher bis dorthin zu gelangen.“ Position 81 Grad Nord, 34 Grad Ost, vermerken die Forscher in ihrem Bericht. Ziemlich genau 1000 Kilometer Luftlinie sind es bis zum Nordpol, der unter einer dicken Eiskappe liegt.

Vieles erinnert an den Goldrausch in Amerika

Noch. Denn die Erderwärmung verläuft in der Arktis doppelt so schnell wie anderswo. Mitte des Jahrhunderts könnte der Pol im Sommer eisfrei sein, meinen Klimaforscher. Seit Jahren wird das polare Meereis während der Sommermonate dünner und bedeckt weniger Fläche. Regionen, die lange als kaum erreichbar galten, werden wirtschaftlich interessant. Denn das Eis gibt Schifffahrtswege frei, die den Warentransport zwischen Asien und Europa um zwei Wochen verkürzen. Vor allem aber könnten gewaltige Mengen an Bodenschätzen gehoben werden, die Geologen in der Region vermuten. All das befeuert den Streit, den Anrainerstaaten selbst um küstenferne Flecken auf dem Meeresboden führen. Das Foto einer eingerammten Russlandfahne am Nordpol-Meeresgrund ging 2007 um die Welt, doch auch Kanada und Dänemark erheben Ansprüche.

Vieles erinnert an den Goldrausch im Amerika des 19. Jahrhunderts, die Epoche der großen Hoffnungen, Erwartungen und Enttäuschungen. Der Rohstoffreichtum der Arktis ist legendär: Die Region birgt 13 Prozent der vermuteten Ölressourcen der Erde und sogar 30 Prozent der förderbaren Gasvorkommen. Das schätzt jedenfalls der Geologische Dienst der USA (USGS). „Was wirklich vorhanden ist, ist nahezu unbekannt“, sagt Berglar. Um herauszufinden, ob die vom Eise befreiten Unterwasserbecken überhaupt das Potenzial für Öl und Gas haben, vermessen er und seine Kollegen seit 2013 die Sedimentschichten des Arktischen Ozeans.

Vielversprechend sind vor allem die großen Becken im Meer

An eine Förderung sei noch lange nicht zu denken, betont er. „Der Bedarf in Deutschland wird zurzeit vor allem aus Norwegen und Russland gedeckt. Wir wollen wissen, woher langfristig Öl und Gas geliefert werden können“, erläutert Berglar, dessen Behörde dem Bundeswirtschaftsministerium zugeordnet ist. „Es wäre verkehrt, das allein dem Markt zu überlassen.“ Als vielversprechend gelten die großen Becken im Meer sowie die Ränder des Festlands. Dort könnte es mächtige Sedimentpakete geben, in deren tiefen Schichten Druck und Temperatur so hoch waren, dass Plankton zu Öl und Gas umgewandelt wurde.

Selbst wenn Konzerne sie finden, gibt es viele Hürden. Vor allem das Wetter. Obwohl die Arktis – meist wird damit das Gebiet jenseits des Polarkreises bei 66 Grad Nord bezeichnet – sich überdurchschnittlich erwärmt, sind weite Teile nur für wenige Monate eisfrei. Stürme können Zeitpläne hinwegfegen. Das bekam auch Berglars Team zu spüren. Bei starkem Seegang mussten die Forscher mehrfach die Messgeräte einholen. Einmal war die Crew gezwungen, mit dem Schiff im Windschatten einer Insel Schutz zu suchen, bis der Sturm vorüber war.

Eine Bohrinsel kann jedoch nicht flüchten, sie muss durchhalten. Wenigstens solange die Löcher gebohrt werden. Später könnten die Förderanlagen am Meeresgrund montiert werden und das Gas via Pipeline an Land bringen. Am Snøhvit-Gasfeld vor der Küste Nordnorwegens wird diese Technik derzeit in rund 300 Metern Wassertiefe erprobt. „Bis zu einem Einsatz im hohen Norden muss man noch einige Jahrzehnte rechnen“, sagt Berglar. Für die meisten Gebiete gibt es nicht einmal vernünftige Seekarten.

Der Abbau der Rohstoffe ist doppelt so teuer wie anderswo

Auf dem Festland sind die Bedingungen etwas besser. In Kanada, Alaska, und vor allem in Russland wird bereits gefördert. Wie profitabel das ist, gerade bei einem niedrigen Ölpreis, ist eine andere Frage. Die Liste der „Herausforderungen“ für Arktisprojekte, die die amerikanische Energie-Informations-Behörde veröffentlichte, liest sich für Investoren eher abschreckend: Die eingesetzten Geräte und Materialien müssen starken Frost aushalten. Wegen des tauenden Dauerfrostbodens müssen Bauwerke und Pipelines vor dem Versinken geschützt werden. Lange Lieferwege und schlechte Erreichbarkeit von den Industriestandorten der Welt machen es nötig, wichtige Bauteile doppelt anzuschaffen und Ersatzteile vorzuhalten. Angestellte erwarten höhere Löhne, wenn sie in der unwirtlichen Arktis arbeiten sollen. Unterm Strich kostet die Öl- und Gasförderung dort bis zu doppelt so viel wie in Texas. Hinzu kommt der Transport der Rohstoffe. Die Abnehmer sind Tausende von Kilometern entfernt, also sind lange Pipelines nötig oder eisfreie Schifffahrtswege.