Klimawandel : Wie Brandenburg zu Südfrankreich wird

Der Klimawandel trifft auch Deutschland. Am Ende des Jahrhunderts wird Berlin fünfmal mehr Hitzetage haben. Ein Ausblick auf glühende Landschaften.

Alexander Mäder
Am Ende des 21. Jahrhunderts (2071-2100, rechts) wird es in Deutschland deutlich mehr, im Mittel etwa 19 Hitzetage über 30 Grad Celsius geben als am Ende des 20. Jahrhunderts (1971-2000, links) – im Norden weniger, im Süden bis zu 45 heiße Tage mehr.
Am Ende des 21. Jahrhunderts (2071-2100, rechts) wird es in Deutschland deutlich mehr, im Mittel etwa 19 Hitzetage über 30 Grad...Grafik: Reklies

„Ein bisschen wärmer dürfte es schon sein“ – das hört man in Deutschland oft im Scherz. Und vielleicht ist es sogar ernst gemeint, denn immerhin 45 Prozent der Menschen hierzulande rechnen nicht damit, dass ihnen in Zukunft Hitzewellen zusetzen werden, so eine Umfrage des Dienstes Statista. Der Klimawandel wird offenbar von vielen als Problem anderer Länder gesehen.

Vier Grad wärmer bis zum Ende des 21. Jahrhunderts

Dabei bergen die steigenden Durchschnittstemperaturen auch für Deutschland Risiken: Im Risiko-Ranking der Organisation Germanwatch stieg Deutschland kürzlich gar vom 64. auf den 42. Platz. Schon heute ist das Land von Stürmen und Fluten bedroht: Etwa drei Milliarden Euro Kosten verursachen Wetterschäden hierzulande jährlich. Und am Ende des Jahrhunderts könnte es in Deutschland sogar vier Grad wärmer sein als Ende des 20. Jahrhunderts. Berlin wäre dann so warm, wie es Montélimar in Südfrankreich oder Rijeka an der Adria heute schon sind, berichtet Tobias Fuchs vom Deutschen Wetterdienst.

Dieser Temperatursprung geht mit deutlich mehr Hitzetagen über 30 Grad einher: Während es in Deutschland bisher durchschnittlich vier bis fünf solcher Tage im Jahr gab, könnten es zum Ende des Jahrhunderts 25 sein. Diese Durchschnitte verdecken noch das potenzielle Ausmaß der zu erwartenden Hitzewellen: In Karlsruhe und Freiburg sind es schon heute um die 15 Hitzetage, und es könnten im Laufe des Jahrhunderts noch einmal 30 bis 45 Hitzetage im Jahr hinzukommen. Dann wäre der Sommer 2003, in dem mehr als 50 Hitzetage gezählt wurden, der Normalfall. Das birgt Gefahren für die Gesundheit: Im Sommer 2003 starben in Deutschland mehrere Tausend Menschen an der Hitze.

"Weiter-so"-Politik hat auch Folgen für die Temperaturen in Brandenburg

Dieses Bild vom künftigen Klima skizziert der Forschungsverbund „Reklies“ (siehe Hintergrund), der nun nach gut drei Jahren Rechenarbeit seine Ergebnisse vorlegt. Er hat in 37 Computersimulationen mit bisher unerreichter Genauigkeit untersucht, wie sich das Klima in Deutschland ändern könnte. Grundlage war das international genutzte Szenario RCP8.5. Es beruht auf der Annahme, dass die Emissionen der Treibhausgase noch über Jahrzehnte steigen werden. Es wird auch als „Weiter so“- oder „Business as usual“-Szenario bezeichnet. Die Reklies-Forscher sagen daher nicht voraus, wie das Wetter werden wird, sondern haben errechnet, wie es werden könnte, wenn die Welt dem fiktiven Trend RCP8.5 folgt. Statt von Prognosen sprechen sie von Projektionen.

Viele Staaten haben zwar in den vergangenen Jahren ehrgeizige Klimaschutzpläne aufgelegt. Und mit dem Weltklimavertrag von Paris hat sich die Staatengemeinschaft vor zwei Jahren dazu verpflichtet, die Pläne regelmäßig zu verschärfen. Nur um zwei weitere Grad würde die Temperatur in diesem Jahrhundert steigen, wenn alle Absichtserklärungen umgesetzt würden, hat der Forschungsverbund „Climate Action Tracker“ errechnet. Doch die Klimaforscher im Reklies-Projekt überzeugt das noch nicht. Die Koordinatorin Heike Hübener vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie verweist auf die globalen Emissionen, die seit 1990 um 65 Prozent gestiegen sind – in diesem Jahr wird der Anstieg auf zwei Prozent geschätzt. „Es gibt keinen Grund zur Entwarnung“, sagt Hübener. Der Präsident des Landesamts, Thomas Schmid, beschreibt die Motive der Forscher noch deutlicher: „Wir wollen warnen.“

Eine Million Euro allein für die Computerberechnungen

Das Projekt ist mit drei Millionen Euro vom Bundesforschungsministerium finanziert worden. Eine Million Euro wurde allein für die Datenspeicher benötigt, denn die Computersimulationen sind umfangreich. Die Klimaforscher lassen möglichst viele laufen, um zu prüfen, wie sehr sie voneinander abweichen. Denn jedes Computermodell fasst die physikalischen Vorgänge in der Natur in etwas anderen Formeln zusammen. So ergibt sich stets eine Bandbreite von Resultaten: Die Temperatur könnte – wenn die Emissionen weiter steigen – in Deutschland in den Jahren 2071 bis 2100 um drei bis fünf Grad über derjenigen der Jahre 1971 bis 2000 liegen, und die Zahl der Tage mit Temperaturen über 30 Grad könnte um 8 bis 45 im Jahr zunehmen.

Nach einer statistischen Analyse kommen die Forscher zum Schluss, dass die Berechnung des Temperaturanstiegs „robust“ ist und sich nicht verändern dürfte, wenn man noch weitere Computermodelle entwickeln und durchrechnen würde. Bei den Hitzetagen über 30 Grad lässt sich hingegen nur sagen, dass sie deutlich zunehmen werden. Um das Ausmaß der Zunahme verlässlich abzuschätzen, müssen die Forscher erst mehr Erfahrung mit diesen Temperaturen sammeln. Hitzetage waren bisher zu selten, um sie gut in die Computermodelle zu integrieren, daher sind die Unterschiede zwischen den Simulationen noch so groß.

Seltener kalte Tage

Klar ist das Ergebnis wiederum bei der Zahl der kalten Tage: Sie werden in allen Simulationen seltener. Das werde die Landwirtschaft umkrempeln, erläutert Volker Wulfmeyer von der Universität Hohenheim, weil man dann keinen Winterweizen mehr anbauen kann – die derzeit wichtigste Agrarpflanze in Deutschland. Denn Winterweizen wird im Herbst gesät und benötigt 40 Tage bei 0 bis 3 Grad, um im Frühjahr in die Höhe zu schießen. „Die Landwirte werden sich umstellen“, sagt Wulfmeyer. „Die Frage ist nur: Welche Modelle sind ökonomisch sinnvoll? Sommerweizen liefert nur die Hälfte des Ertrags des Winterweizens.“

Achim Daschkeit vom Umweltbundesamt weist auf ein weiteres Problem hin: Im Winter wird es deutlich mehr regnen – zu diesem Ergebnis kommen fast alle Simulationen des Reklies-Projekts. Auch die heftigen Regenfälle werden zunehmen, so dass mit häufigeren Überschwemmungen zu rechnen ist. „Ich empfehle allen Kommunen, ihr dezentrales Regenwassermanagement zu verstärken“, sagt Daschkeit. Die Städte müssen – wie ein Schwamm – auch plötzliche große Wassermengen aufnehmen und speichern können.

Noch gibt es Handlungsspielräume

Wird Deutschland die Umstellung schaffen? Thomas Schmid ist verhalten optimistisch: „Wir werden das hinkriegen“, sagt er – „mehr oder weniger gut.“ Doch Daniela Jacob, die das Climate Service Center Germany in Hamburg leitet, widerspricht: „An diesen Klimawandel werden wir uns nicht anpassen können – und wir sind ein reiches Land. Andere Staaten sind da schon längst untergegangen.“ Was genau aus den Klimaänderungen der Computersimulationen folgt, muss aber erst noch genauer untersucht werden. Dafür stellen die Reklies-Forscher allen Behörden und Verbänden ihre Daten zur Verfügung, damit sie die Auswirkungen des Klimawandels abschätzen und entsprechend planen können.

Ein Fazit lässt sich aber schon jetzt ziehen, denn im Reklies-Projekt wurde zum Vergleich auch das Szenario RCP2.6 in die Computersimulationen eingespeist. In diesem Szenario sinken die Emissionen weltweit in den kommenden Jahrzehnten auf null, was ungefähr dem Ziel des Weltklimavertrags entspricht. Wenn dieses Szenario wahr würde, würden Temperaturen und Hitzetage langsamer steigen und viele Auswirkungen deutlich schwächer ausfallen. „Dann könnten wir die Folgen in den Griff bekommen“, sagt Klaus Keuler von der Technischen Universität Cottbus. Die Emissionskurven der fiktiven Szenarien RCP8.5 und RCP2.6 sind schon 2010 auseinandergegangen und der tatsächliche Ausstoß von Treibhausgasen liegt derzeit genau in der Mitte. „Noch können wir uns entscheiden, welchen der beiden Wege wir einschlagen“, sagt Keuler. „Aber wir müssen es jetzt tun."

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