"Köpenicker Blutwoche" : Als die Nazis die Arbeiterbewegung in Berlin zerschlugen

Mit der „Köpenicker Blutwoche“ im Südosten Berlins zerschlugen die Nazis vor 80 Jahren brutal die Arbeiterbewegung. Eine neue Dauerausstellung erinnert jetzt daran.

Amelie Artmann,Yves Müller
Früher Feind. Die SA marschiert im Januar 1933 vor der KPD-Zentrale auf. Schon lange zuvor bekämpften die Nazis die Linken.
Früher Feind. Die SA marschiert im Januar 1933 vor der KPD-Zentrale auf. Schon lange zuvor bekämpften die Nazis die Linken.Foto: bpk / Kunstbibliothek, SMB, Phot

„In dieser schreienden Raserei eines Kampfes zwischen Gut und Böse gab es kein Pardon. Entweder schlugen die anderen uns, oder wir streckten die anderen zu Boden.“ So charakterisierte Joseph Goebbels nachträglich die jahrelangen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der SA und ihren politischen Gegnern in der Weimarer Republik. Allein 1932 zählte das preußische Innenministerium 155 Tote. Die Rollen waren aus Sicht der SA klar verteilt: Die politische Linke galt als der Feind schlechthin. Sie nährte angeblich eine dekadente und korrumpierte Funktionärsschicht, die sich auf Kosten von Volk und Staat bereicherte.

Der jahrelang propagierten „Abrechnung mit dem Weimarer System“ und seinen Vertretern stand nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 kaum noch etwas im Weg. Der Wunsch, die neu gewonnene Macht zu zementieren und alte Rechnungen aus der „Kampfzeit“ zu begleichen, führte zu einer Explosion der Gewalt. Besonders nach dem Reichstagsbrand im Februar, den Reichstagswahlen im März und dem Aprilboykott 1933 wurden verstärkt politische Gegner, Andersdenkende und Juden zum Ziel nationalsozialistischer Repressionsmaßnahmen.

Die vom 21. bis 26. Juni 1933 währenden Ausschreitungen der SA, als „Köpenicker Blutwoche“ bekannt geworden, forderten nach bisherigen Erkenntnissen mindestens 23 Todesopfer. Vermutlich wurden bis zu 500 Menschen von der Köpenicker SA verschleppt und teilweise brutal misshandelt.

Unter den Folter- und Mordopfern waren zahlreiche SPD-Mitglieder

Einen Tag nach Beginn der zentral angeordneten und gesteuerten Terroraktion, die sich nicht nur auf Köpenick und Berlin, sondern auf das gesamte Reichsgebiet erstreckte, wurde die SPD am 22. Juni 1933 reichsweit verboten. Nicht zufällig befanden sich daher unter den Folter- und Mordopfern zahlreiche SPD-Mitglieder. Besonders signifikant ist die Verfolgung von Führungskräften der SPD und ihres Kampfverbandes Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, die in nicht unerheblicher Zahl in Köpenick, Hirschgarten und Friedrichshagen wohnten.

Die lokale Komponente spielte eine entscheidende Rolle im frühen NS-Terror. Gerade hier zeigt sich das systematische Vorgehen von SA und SS bei der Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung. Der Ende der 1920er Jahre einsetzende Angriff auf das links-proletarische Milieu wurde nach der Machtübernahme forciert. Jegliche Verbindungen zwischen der Arbeiterbewegung und der jeweiligen Wohnbevölkerung sollten gekappt werden. Ging es der NS-Bewegung vor 1933 um die Überwältigung der proletarischen Wohnquartiere durch SA-Aufmärsche, Überfälle auf die Verkehrslokale von SPD und KPD, mutierte die SA-Gewalt nach der Machtübernahme in einen von SA und SS sowie Teilen der Polizei und Justiz getragenen semistaatlichen Terror.

Der Bezirk Köpenick mit seinen zersplitterten Ortsteilen im Südosten Berlins galt während der Weimarer Jahre als „Mischbezirk“, in dem ein hoher Anteil an Arbeiterinnen und Arbeitern (47,7 Prozent) einem ebenfalls recht großen Mittelstand (38,2 Prozent) gegenüberstand.

In Köpenick gab es mustergültige Arbeitersiedlungen

Das Beispiel der „Köpenicker Blutwoche“ veranschaulicht, welche Bedeutung und Funktion die Identifizierung vermeintlicher „Bonzen“ von SPD, KPD und Allgemeinem Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) in den Arbeitersiedlungen und Vorstadtvillen für die Nationalsozialisten hatte. Entsprechend ist die nationalsozialistische Vehemenz bei der Zerstörung von Laubenkolonien und Zeltstädten zu verstehen, galten diese doch als Hort des Arbeiterwiderstands. Die Politik der SA zielte daher darauf ab, nicht nur die gegnerischen Organisationen lahmzulegen und Verunsicherung zu stiften, sondern eben auch symbolisch die „Zeitenwende“ zu markieren.

Bereits nach dem Ersten Weltkrieg sollten mustergültige Siedlungen als Alternative zu den elenden Wohnbedingungen in den dunklen und kalten Mietskasernen den Arbeitern die „bessere Welt ein Stück näherbringen“. Die Köpenicker Gartenstadt Elsengrund am Rand Berlins galt dabei als Vorzeigesiedlung des Neuen Bauens. Auch das junge Paar Götz und Liddy Kilian zog 1923 in eines der neuen hellen Reihenhäuser mit Schuppen und Nutzgarten. Seit 1919 KPD-Mitglied, war Liddy Kilian 1927 bis 1933 Bezirksverordnete in Köpenick. Ihr Mann war Stadtrat und Bürgerdeputierter für Kunst und Kultur. Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 kandidierten Götz und Liddy Kilian für die Kommunisten. Doch bereits am 7. März wurde Götz Kilian verhaftet.

Als am Morgen des 20. Juni 1933 die Verhaftungswelle begann, wurde zuallererst die Siedlung Elsengrund abgeriegelt. Dabei verhaftete die SA Götz Kilian erneut. Er wurde in das Horst-Wessel-Haus (vormals Karl-Liebknecht-Haus) gebracht und schwer misshandelt. „Man schlug ihm die Nierenzuwege ab. Er war nur noch ein wandelndes Skelett“, erinnerte sich Liddy Kilian. 1934 verließen Götz und Liddy Kilian mit den Kindern Berlin und zogen nach Hamburg. Am 10. Dezember 1938 wurde Götz Kilian zum wiederholten Mal verhaftet und in die Berliner Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht. 1940 starb er an den Folgen der Misshandlungen.

„Blutwochen“-Opfer Liddy und Götz Kilian, KP-Mitglieder, mit Tochter.
„Blutwochen“-Opfer Liddy und Götz Kilian, KP-Mitglieder, mit Tochter.Foto: Privatbesitz

Weitere 160 000 Berliner Familien bewohnten die Lauben in den unzähligen Kolonien, von denen viele schon vor 1933 ins Visier der Nationalsozialisten gerieten. Ab 1933 wurden sozialdemokratische und kommunistische Kleingärtner aus den Vorständen der Kleingartenvereine entfernt und stattdessen nationalsozialistische Funktionäre eingesetzt. Die Bedeutung der Laubenkolonien war den Nationalsozialisten wohl bewusst, waren hier „gut eingeölt und verpackt, in den idyllischen Schrebergärten und Lauben treuer Genossen“ Waffen gelagert.

Etliche Opfer versenkte die SA in der Dahme

Nicht selten ging es SA-Männern ganz konkret um Wiedergutmachung für persönlich erlittenes Unrecht während der „Kampfphase“. Tatsächlich waren die Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten vor der Machtübernahme auch in Köpenick nicht gewaltfrei verlaufen. So war der SA-Mann Bruno Heinz Schramm 1932 bei einer Flugblattverteilaktion von Linken in eine Schlägerei geraten und durch einen Messerstich am Bein verletzt worden. Während der Verhaftungswelle im Juni 1933 versuchte er, den Täter zu ermitteln, zeigte einem festgenommenen Kommunisten im Verhör Bildaufnahmen von KPD-Anhängern und forderte die Herausgabe von Adressen. Weil der Befragte schwieg, wurde er misshandelt. Etliche Todesopfer versenkte die SA in umliegenden Gewässern, darunter in der Dahme.

Der zentrale Ort des Schreckens der „Blutwoche“ war das ehemalige Gefängnis des Amtsgerichtes Köpenick. Im Mai 1933 richtete der Sturmbann der Köpenicker SA dort sein Stabsquartier ein und nutzte es als Haft- und Folterstätte. 1987 eröffnete dort die Gedenkstätte „Köpenicker Blutwoche Juni 1933“, die zum Museum Treptow-Köpenick gehört. Am Freitag eröffnet dort eine neue Dauerausstellung. Sie erzählt die dramatische Geschichte der politischen und rassistischen Morde von Nachbarn an Nachbarn und betont die überregionale Bedeutung des SA-Terrors im Juni 1933.

- Die Autoren sind wissenschaftliche Mitarbeiter der Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche. Der Artikel basiert auf einem Beitrag zu einem Sammelband, der anlässlich der Neueröffnung der Gedenkstätte (Puchanstraße 12, Köpenick) im Metropol Verlag erscheint (Hg. Stefan Hördler, SA-Terror als Herrschaftssicherung. „Köpenicker Blutwoche“ und öffentliche Gewalt im Nationalsozialismus; 272 Seiten, 22 Euro).

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