Körper und Seele : Wie der Geist entsteht

Das Geheimnis des Bewusstseins gilt vielen als das größte Rätsel überhaupt - als äußerste Grenze menschlichen Strebens nach Erkenntnis. Hirnforscher, Psychologen und Philosophen versuchen trotzdem, sich ihm zu nähern.

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Spurensuche. Dass das Gehirn der Sitz aller geistiger Tätigkeit ist, postulierte Gall bereits im 19. Jahrhundert. Sein Erklärungsansatz – die Phrenologie – war jedoch eine Pseudowissenschaft.
Spurensuche. Dass das Gehirn der Sitz aller geistiger Tätigkeit ist, postulierte Gall bereits im 19. Jahrhundert. Sein...Foto: mauritius images

Fledermäuse beginnen in der Dämmerung ihren Flatterflug. Und Sie sind dabei. Sie sind eine Fledermaus. Sie steigen in den Himmel auf und kreisen über den Häusern, um ihre Beute zu orten. Nein, Sie sind nicht Batman. Sie sind eine echte Fledermaus. Sie haben ein Fledertier-Bewusstsein und ein Bio-Echolot, mit dem Sie Ihre Beute orten, Fliegen und andere Insekten, die durch die Abendluft treiben. Die Nacht werden Sie in Ihrem Versteck verbringen, kopfüber von der Gemäuerdecke hinabhängend.

Natürlich werden wir Menschen uns niemals wirklich in eine Fledermaus hineinversetzen können. Aber ein reizvolles Gedankenexperiment ist es trotzdem. Es stammt von dem amerikanischen Philosophen Thomas Nagel. 1974 veröffentlichte er den Aufsatz „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“. Der Essay sollte die aufstrebende Gilde der Hirnforscher provozieren. Schickte die sich doch an, seelische Prozesse mit den Mitteln der Naturwissenschaft aufzuklären. Dabei machten sie sich sogar daran, dem Bewusstsein selbst sein Geheimnis zu entreißen.

Ein vermessenes Unterfangen, wie Nagel meinte. Sein zentraler Gedanke: Jedes subjektive Phänomen, wie das Bewusstsein einer Fledermaus, ist mit einem einzigartigen Blickwinkel verknüpft. Es wäre unausweichlich, dass eine objektive physikalische Theorie diese wichtige Eigenschaft des Bewusstseins preisgeben würde. Damit würde das Wesentliche verloren gehen. Bewusstsein in diesem Sinn kann die Wissenschaft nicht verstehen, argumentierte Nagel. Genauso wenig, wie wir Menschen uns in Fledermäuse hineinversetzen können.

"Für jeden von uns ist Bewusstsein das Leben selbst"

Mehr als vier Jahrzehnte später hat Nagels Kritik weiterhin Gewicht. Noch immer debattieren Hirnforscher mit Philosophen, ob und wie objektive Methoden subjektive Erfahrungen widerspiegeln und erklären können. Und trotz mancher Fortschritte haben Neurowissenschaft und Psychologie das Rätsel des Bewusstseins noch immer nicht gelöst. Für manche ist es die größte aller Fragen. Das Problem des Bewusstseins verkörpere, zusammen mit der Frage nach der Entstehung des Universums, „die äußerste Grenze des menschlichen Strebens nach Erkenntnis“, schreibt der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger. Vielen erscheine es deshalb „als das letzte große Rätsel überhaupt“. Es berührt den Kern der menschlichen Existenz. „Für jeden von uns ist Bewusstsein das Leben selbst“, schreibt der Psychologe Steven Pinker. Es ist der Grund, warum das Leben lebenswert ist. Seine Essenz.

Die Probleme fangen schon bei der Frage an, was genau mit „Bewusstsein“ gemeint ist. Denn das Phänomen ist vielschichtig, der Begriff entzieht sich einer einfachen Definition. Umso erfreuter war die Gemeinde der Geist-Erforscher, als der Philosoph David Chalmers vor 20 Jahren etwas begriffliche Klarheit schuf. „Einfache Probleme“ drehen sich für Chalmers zum Beispiel darum, wie sich bewusste von unbewussten Hirnprozessen unterscheiden. Das „schwierige Problem“ ist dagegen eine echt harte Nuss: Wie entsteht aus Prozessen im Gehirn subjektive Wahrnehmung? Es geht nicht nur darum, die Farbe „Grün“ zu sehen (ein „einfaches Problem“), sondern um ihre Qualität, die Erfahrung des „Grünen“, wie der Psychologe Pinker das „schwierige Problem“ illustriert.

Eine grundsätzliche Frage lautet: Ist Bewusstsein an materielle Prozesse im Gehirn geknüpft? Oder gibt es eine Seele, die unabhängig von Nervenzellen agiert? Der berühmteste Vertreter dieser Annahme war der französische Philosoph René Descartes (1596 –1650). Er verkündete eine strikte Trennung von Geist und Körper, den Dualismus. Descartes’ Position hat zumindest in der Naturwissenschaft nur noch wenige Freunde. „In der Hirnforschung ist der Dualismus vollkommen out“, sagt John-Dylan Haynes, Leiter des Bernstein Center for Computational Neuroscience in Berlin.

Über den "Sitz" des Bewusstseins herrscht Einigkeit

Das Bewusstsein ist also ein Produkt des Gehirns, es entsteht und vergeht mit ihm. Was für Neurowissenschaftler eine weithin akzeptierte Tatsache und fast eine Binsenweisheit ist, wird manchem einen Schrecken einjagen. „Tut mir leid, aber Ihre Seele ist gerade gestorben“, lautet der sarkastische Titel eines Essays des Schriftstellers Tom Wolfe über die Fortschritte der Neurobiologie.

Wo „sitzt“ das Bewusstsein? Auch darüber herrscht unter Forschern weitgehend Einigkeit. Es wird in bestimmten Gebieten der Großhirnrinde vermutet. In dieser nur wenige Millimeter dicken und stammesgeschichtlich jungen „Deckschicht“ des Gehirns, wissenschaftlich als Cortex bezeichnet, ballen sich etwa 15 Milliarden Nervenzellen.

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