Kolumne : Freie Sicht: Mehr Bildung im Studium

Der Bildungsstreik, der keiner war, ist vorbei. Er konnte keiner sein, weil man Bildung nicht verweigern kann. Sie findet immer statt und überall. Bologna indessen findet nicht überall statt und schon gar nicht so wie in Deutschland.

Dieter Lenzen

Ein Treffen von 20 Hochschulleitungen aus Europa, USA und Asien und von Vertretern einer Reihe von Weltunternehmen zeigte, dass zutrifft, was Max Frisch in „Biedermann und die Brandstifter“ auf den Satz gebracht hat: „Deutschland ist nie ein Volk unter Völkern“ – und das war nicht als Kompliment gemeint. Die politische Beschränkung vieler deutscher Bachelorstudiengänge auf sechs Semester war keine europäische Vorgabe.

Beschränkt sind deshalb auch oftmals die Möglichkeiten für deutsche Bachelorabsolventen, in anderen Ländern ein Masterstudium aufzunehmen. Die Gesamtlernzeit ist im internationalen Vergleich in Verbindung mit G 8 ein Jahr zu kurz. Das gilt nicht für die Inhalte, denn die haben die Deutschen oft wenig reduziert, sondern in sechs Semester gepresst, auch wenn sie vorher acht oder neun Semester Regelstudienzeit beanspruchten.

Und sie glänzten durch ein weiteres Extrem: Wurden in den 70er und 80er Jahren Leistungsnachweise oft ohne ernsthafte Prüfung verteilt, Prüfungsthemen am Ende des Studiums so eng gefasst, dass der Notenschnitt meist über „zwei“ lag, wollte man es jetzt wissen: Bis zu drei Klausuren in einem Seminar sind keine Ausnahme, gegen reine Multiple Choice-Prüfungen mussten Gerichte einschreiten. Zu Recht beklagen Studenten und Hochschullehrer eine völlige Überlastung durch Prüfungen, weil die Betreuungsrelation eben nicht wie in den USA eins zu acht, sondern eins zu 80 beträgt.

Wer es nicht schon weiß, dem leuchtet es bei Bologna-Besuchen in Europa unmittelbar ein: Deutschland braucht eine zweite Reformwelle des Bolognaprozesses – und weniger Vergessenheit im Hinblick, was „Bildung“ einmal bedeutet hat, allerdings auch hinsichtlich dessen, was nach 1970 daraus gemacht wurde. Deutschland braucht in den Hochschulen mehr Gelassenheit, Normalität, Leistungsbereitschaft, aber keine Prüfungsbesessenheit. Es braucht durchaus Berufsorientierung, aber keine planwirtschaftliche Zubereitung von Absolventen, die der Staat bei den Unis bestellt. Deutschland braucht mehr Weitblick und Weltblick, damit es zumindest im Hochschulbereich einmal heißen kann: Deutschland ist ein Volk unter Völkern.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und schreibt jeden dritten Montag über aktuelle Themen und Debatten.

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