Kontroverse um Spiegelneuronen : Überschätzte Universaltalente

Spiegelneuronen gelten als Basis für Mitgefühl, Kultur und Sprache. Doch immer mehr Forscher haben Zweifel, ob der Hype überhaupt gerechtfertigt ist. Denn die Belege sind widersprüchlich.

Christian Wolf
Makake schält Kokosnuss
Zufallsfund. Forscher entdeckten die Spiegelneuronen bei Makakenäffchen. Wie weit gehen die Ähnlichkeiten?Foto: imago/imagebroker

Spiegelneuronen sind so etwas wie Popstars der Neurowissenschaft. Was hat man ihnen nicht alles angedichtet: Angeblich verstehen wir mit ihrer Hilfe, was andere Menschen fühlen. Sie sorgen dafür, dass wir uns vom Gähnen unseres Gegenübers anstecken lassen und bei Wettkämpfen mit den Sportlern mitfiebern. Sie sollen sogar dazu beitragen, das Verstehen von Sprache zu erklären. Immer neue Talente wurden ihnen zugeschrieben. Gleichzeitig bildete sich unter Forschern ein Chor von Zweiflern.

Alles hatte 1992 begonnen. Ein Team um den italienischen Neurophysiologen Giacomo Rizzolatti von der Universität Parma machte durch einen Zufall eine aufsehenerregende Entdeckung. Bei einem Makakenäffchen untersuchte es Neurone in einem Areal der Großhirnrinde, das für zielgerichtete Handbewegungen zuständig ist. Doch die Zellen waren nicht nur aktiv, wenn das Tier selbst nach Früchten griff. Sie regten sich auch dann, wenn es solche Bewegungen lediglich beobachtete.

Rizzolatti und seine Kollegen bezeichneten die entsprechenden Nervenzellen als Spiegelneurone. Denn augenscheinlich spiegelten die Nervenzellen des Tiers das Gesehene, indem sie es innerlich nachahmten – ganz so, als würde das Äffchen die Bewegung selbst ausführen. Möglicherweise tragen die Zellen so zum Verständnis der beobachteten Aktion bei, spekulierten die Wissenschaftler damals.

Spärliche Belege, weitreichende Schlussfolgerungen

Zwar gibt es bis heute nur einzelne direkte Belege dafür, dass Menschen überhaupt Spiegelneuronen haben. Denn nur in Ausnahmefällen kann man bei menschlichen Versuchspersonen die Aktivität einzelner Zellen mithilfe von haarfeinen Elektroden ableiten. Dennoch trauten Forscher den Nervenzellen immer mehr zu. Zu viel, meinen Skeptiker wie der Hirnforscher Gregory Hickok von der Universität von Kalifornien in Irvine. In seinem Buch „Warum wir verstehen, was andere fühlen“, das im Hanser-Verlag erschienen ist, entlarvt er den Mythos. Er hat zahlreiche Unstimmigkeiten in den Theorien der Spiegelneuronen-Verfechter zusammengetragen, die allzu weitreichende Schlussfolgerungen fragwürdig erscheinen lassen.

Auf den ersten Blick scheinen empirische Befunde die Theorie zu stützen, dass Spiegelneurone etwas Wesentliches zum Verständnis von Handlungen beitragen. Menschen mit der Bewegungsstörung Apraxie zum Beispiel sind nicht nur unfähig, selbst zielgerichtete Bewegungen auszuführen. Angeblich fällt es ihnen auch schwerer als Gesunden, die Handlungen anderer zu verstehen. Hickok hat die Untersuchungen noch einmal genauer analysiert und weist darauf hin, dass einzelne Apraxiepatienten in den Studien durchaus fremde Handlungen nachvollziehen konnten. Diese Fähigkeit setze offensichtlich nicht voraus, die Aktionen selbst ausführen zu können. Außerdem seien Menschen durchaus in der Lage, die Bedeutung von Bewegungen zu begreifen, die sie selbst nicht beherrschen, etwa das Spielen auf einem Saxofon oder einem Klavier.