Krankenhaus-Studie : Viele Eingriffe, nur weil sie lukrativ sind

Eine Umfrage zeigt, wie ökonomischer Druck die Klinikärzte beeinflusst: Patienten werden aus Kostengründen Therapien vorenthalten, dafür komme es häufig zu fachlich nicht notwendigen, aber lukrativen Eingriffen.

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Ein Operateur arbeitet mit chirurgischen Instrumenten an einem Patienten.
Heikle Materie. Ob die Chefärzte in der eigenen Abteilung fachlich nicht begründete Eingriffe vornehmen, wurde nicht gefragt.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

70 Prozent der Chefärzte in Krankenhäusern sind überzeugt, dass der Blick aufs Geld heute negative Auswirkungen auf die Versorgung der Kranken hat. Die Hälfte der Chefärzte erlebt im Alltag regelmäßig Entscheidungskonflikte zwischen ärztlichen und wirtschaftlichen Zielsetzungen. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Studie von Mitarbeitern des Lehrstuhls für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen. Sie hat schon deshalb Gewicht, weil die Forscher ausgefüllte anonymisierte Fragebögen von 1432 Chefärzten, 396 Pflegedirektoren und 284 Geschäftsführern auswerten konnten. Und weil vor allem die leitenden Pflegekräfte die Einschätzung der Mediziner teilen.

46 Prozent der Chefärzte gaben an, sie hätten einem Patienten zumindest einmal in den letzten sechs Monaten eine in ihren Augen nützliche diagnostische oder therapeutische Maßnahme vorenthalten. Mindestens ebenso wichtig: Mehr als ein Drittel der Chefärzte beobachtet, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in ihrem Fachgebiet zu Eingriffen führen, die aus fachlicher Sicht eigentlich nicht nötig, jedoch für die Kliniken lukrativ sind. Herzspezialisten und Orthopäden meinen das noch weit häufiger als ihre Chefarzt-Kollegen aus anderen Fachgebieten. Der Gedanke an so manche Herzkatheter-Untersuchung oder Knielenkspiegelung erscheint da nicht ganz abwegig. Bewusst hatten die Forscher die heikle Frage vermieden, ob die Chefärzte in der eigenen Abteilung fachlich nicht begründete Eingriffe machen.

Die Länder investieren nicht genug in die Kliniken

Knappheit bei Personal, Zeit, Zuwendung und nützlichen medizinischen Leistungen auf der einen Seite, großzügiger Umgang mit eigentlich nicht erforderlichen, aber lukrativen Eingriffen auf der anderen: Eine bedrückende Kombination von Symptomen. Wo liegen die Ursachen für die Übel?

Eines der Kernprobleme sei, dass die Bundesländer nicht genug in die Kliniken investieren, sagen die Forscher. Statt der jährlichen Zuwendung von 2,6 Milliarden Euro müssten sie nach einer Kalkulation des Instituts für das Entgeltsystem eigentlich sechs Milliarden springen lassen. Marode Gebäude, veraltete Ausstattung, dringend benötigte Geräte: Das alles dürfe nicht mit dem Geld auf Vordermann gebracht werden, das die Krankenhäuser von den Krankenkassen für die Behandlung der Versicherten bekommen.

Es gibt auch viele Krankenhäuser, die satte Gewinne machen

In einer gemeinsamen Resolution „für eine qualitätssichernde Krankenhausfinanzierung“ schlagen die Bundesärztekammer, der Deutsche Pflegerat und die Deutsche Krankenhausgesellschaft Alarm. Sie fordern neben mehr Geld auch eine andere Einstellung. So sei es dringend nötig, „die Grenzen ökonomischer Prinzipien in der gesundheitlichen Versorgung zu beachten“ (hier geht es zur Resolution).

Eine Mahnung, die nicht allein der Politik gelten sollte. Der wirtschaftliche Druck, dem Klinikärzte sich ausgesetzt fühlen, ist längst nicht überall aus schierer Not geboren. Zwar arbeiten 40 bis 50 Prozent der Kliniken mit Verlust, doch es gibt ebenso Krankenhäuser, die satte Gewinne einfahren.

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