Krankenversorgung im KZ Ravensbrück : Tödliche Pflege

Der Zwang, mit der SS zu kooperieren, und der Versuch, zu helfen: Häftlinge, die im KZ-Krankenrevier eingesetzt wurden, standen vor unauflösbaren moralischen Dilemmata.

Christl Wickert
Eine Zeichnung, die zeigt, wie Frauen in Häftlingskleidern eine vollkommen abgemagerte Frau aus einer Häftlingsbaracke heraustragen. Foto: Gedenkstätte Ravensbrück
Leichenschauhaus? Nein, Krankenhaus. Die 1943 bis 1945 in Ravensbrück inhaftierte Krankenschwester Violette Lecoq dokumentierte...Foto: Gedenkstätte Ravensbrück

„Krankenpflege war ein Kampf auf Leben und Tod. Wir standen dabei, helfen konnten wir nicht. Für schwere Verbrennungen wurden nur Papierbinden verwendet, die natürlich sofort durchnässt waren. Das Bemühen, Menschen durch die Manipulation von Listen für den Transport in die Todeslager] vor der Vernichtung zu retten, ist das, was wir bei diesem schändlichen Handwerk für uns buchen konnten. Die Kranken kamen oft nur zum Sterben ins Revier. Viele sind beim Warten gestorben.“

Diese Zeilen verfasste Hildegard (Hilde) Boy-Brandt (1909-1973) 1945, kurz nach ihrer Befreiung aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Der zwölfseitige Bericht über ihre Tätigkeit als Häftlingspflegerin ist im Archiv der Mahn- und Gedenkstätte aufbewahrt. In den frühen 1930er-Jahren hatte sich Hilde Boy einer kommunistischen Gruppe angeschlossen, die Industriespionage für die Sowjetunion betrieb. 1933 entwickelte sich daraus eine Geheimorganisation, deren Aufgabe es unter anderem war, Rüstungsprogramme auszuspionieren, die sich potenziell gegen die Sowjetunion richten konnten.

SS verpflichtete Häftlinge in Krankenbehandlung und -pflege zu arbeiten

Boy hatte ihr Parteibuch bereits 1931 abgegeben, um möglichst unauffällig agieren zu können und war so für diese Arbeit prädestiniert. Am 3. September 1935 verhaftete die Gestapo Hilde Boy am Nollendorfplatz in Berlin-Schöneberg, sie wurde zu einer Zuchthausstrafe von sechs Jahren verurteilt. Nachdem sie diese verbüßt hatte, nahm die Gestapo sie in „Schutzhaft“. Am 21. März 1942 wurde Hilde Boy in das KZ Ravensbrück eingeliefert und dort als Pflegerin im Krankenrevier eingeteilt.

In fast allen Zwangslagern des nationalsozialistischen Regimes gab es eine rudimentäre Versorgung von Kranken oder Verletzten in Krankenstationen, die „Krankenstuben“ oder, wie in Ravensbrück, „Krankenreviere“ genannt wurden. Behandlung und Pflege inhaftierter Patientinnen und Patienten leisteten in den Konzentrationslagern im Wesentlichen Funktionshäftlinge, die die SS dazu verpflichtete. Die SS stellte Ärztinnen und Ärzte sowie Pfleger und Krankenschwestern als Vorgesetzte. Die in den Krankenrevieren tätigen Häftlinge profitierten von diesem Einsatz.

Erhöhte Chancen, die Lager zu überleben

Ihre Chancen, die Lager zu überleben, erhöhten sich durch eine bessere Ernährung und Unterbringung. Gleichzeitig sahen sie sich mit der überaus problematischen Situation konfrontiert, dass die Erkrankungen und Verletzungen aufgrund der unzureichenden Ausstattung der Krankenreviere kaum geheilt werden konnten. Diese Verhältnisse stürzten sie in unausweichliche Dilemmata – oft in Entscheidungen über Leben und Tod. Diesen moralischen Dilemmata widmete sich ein von der Bundeskulturstiftung und drei Ministerien gefördertes Forschungsprojekt des Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF e. V.) in Kooperation mit der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.

Ella Lingens, österreichische Häftlingsärztin in Auschwitz, bringt die moralische Not des medizinischen Häftlingspersonals auf den Punkt: „Soll ich die wenigen herzstärkenden Injektionen, die zur Verfügung standen, einer Schwerkranken geben, die dann vielleicht doch stirbt? Oder soll ich sie auf zwei leichter Erkrankte aufteilen, die aber vielleicht auch ohne diese medikamentöse Hilfe genesen könnten? Soll ich eher einer Mutter mit vielen Kindern helfen oder einem jungen Mädchen, das das Leben noch vor sich hat?“

Schmaler Grad zwischen Kooperation mit der SS und Hilfe für die Patienten

Häftlinge, die in den Krankenrevieren arbeiteten, bewegten sich auf einem schmalen Grat zwischen der erforderlichen Kooperation mit den SS-Angehörigen und der Aufgabe, die Situation der Patienten unter den gegebenen Umständen gleichwohl zu erleichtern. Die klassischen humanitären und ärztlichen Prinzipien waren unter den Lagerbedingungen kaum zu erfüllen.

Die Arbeit in den Häftlingskrankenrevieren konnte und wollte die SS nicht allein leisten, vor allem galt es, Ansteckungen zu vermeiden. Damit begann der erweiterte Zwangseinsatz von Häftlingen: „Funktionshäftlinge“ arbeiteten als Ärztinnen und Ärzte, als Schwestern und Pfleger, in der Bade- und Entlausungskolonne und in den Laboren. Auch als Schreibkräfte und Dolmetscherinnen, als Blockälteste, die in den Revierbaracken für Ordnung und Disziplin verantwortlich waren, wurden KZ-Häftlinge eingesetzt. Laut einer Zeugenaussage der NS-Oberschwester Elisabeth Marschall beim ersten Ravensbrück-Prozess in Hamburg sollen im Frauen-KZ Ravensbrück 1945 über 380 inhaftierte Frauen im Sanitätsbereich gearbeitet haben.

Krankenreviere als Orte des Tötens

Während des Zweiten Weltkrieges entwickelten sich die Krankenreviere zu Orten des Tötens. Kranke wurden gezielt vernachlässigt, selektiert und ermordet, wenn sie in den Augen der SS nicht mehr arbeitsfähig waren. Und sie wurden Opfer von Humanexperimenten, die SS-Mediziner und -Medizinerinnen unter Missachtung medizinisch-ethischer Grundsätze durchführten, darunter Versuche über die Wirkung von Sulfonamiden. Die Patienten wurden nicht über die Hintergründe und Folgen der Eingriffe aufgeklärt. Zwischen Juli 1942 und August 1943 gab es zwei Versuchsreihen: Bei sogenannten Infizierungsoperationen wurden Versuchspersonen die Waden aufgeschnitten und die entstandenen Wunden mit Holz- und Glassplittern infiziert.

Die zweite Versuchsreihe mit aseptischen Operationen war in Knochen-, Muskel- und Nervenexperimente unterteilt. Die ärztlichen Leiter wollten mit beiden Experimenten den Einsatz von Sulfonamiden und chemotherapeutischen Mitteln testen. Veranlasst hatte die Versuchsreihen SS-Brigadeführer Prof. Dr. Karl Gebhardt im Juli 1942. Zu diesem Zeitpunkt führte die Ärzteschaft heftige Diskussionen über den Nutzen des Einsatzes von Sulfonamiden und chemotherapeutischen Medikamenten bei der Behandlung von Kriegsverletzten, um die Folgen von Gasbrand zu therapieren.

Beteiligt an Zwangssterilisationen

Mit wenigen Ausnahmen waren die inhaftierten Ärztinnen und Schwestern an medizinischen Experimenten nicht direkt beteiligt. Bisweilen mussten sie jedoch bei Eingriffen assistieren, besonders ab 1942, als der SS-Arzt Dr. Rolf Rosenthal Zwangsabtreibungen bei Frauen vornahm, die wegen verbotenen Umgangs mit Fremdarbeitern ins KZ verschleppt worden waren. Auch die Häftlingsschwester Cécile Goldet erlebte solche Sterilisation mit: „Zum Zeitpunkt der Sterilisation von Frauen (nach dem ersten Versuch durch Kauterisation ...) wurden Sterilisationen durch OPs vorgenommen. Man setzte mich in meiner Abteilung (Block 9 Chirurgie) für Frauen und sogar Kinder mit offenen Bäuchen ein, die nach der Operation nicht genäht wurden.“

Die Gynäkologin Cécile Goldet hatte sich nach der Besetzung Nordfrankreichs durch die Wehrmacht der Résistance angeschlossen. Die Maquisards um Goldet agierten in einem Gebirgsstock in den westlichen Alpen. Cécile Goldet war hier in einem Höhenlazarett als Ärztin tätig. Ende Juli 1944 griffen deutsche Truppen die Gegend an: Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, 639 Widerstandskämpfer und -kämpferinnen und 201 Zivilpersonen starben. Auch das Lazarett wurde erobert und Cécile Goldet in das KZ Ravensbrück verschleppt. Sie wurde im Revier des Lagers als Krankenschwester eingesetzt, zunächst in der Chirurgie, dann in der Scharlachabteilung und in der Abteilung Diphtherie, zuletzt in der Inneren Abteilung.

Illegale Hilfe bei Halsschmerzen

Den Kranken helfen konnten die Häftlingsärztinnen und -ärzte sowie die Häftlingspflegerinnen und -pfleger oft nur, indem sie die Verbote und Vorschriften der SS übertraten. Cécile Goldet berichtet: „Abends nach Arbeitsschluss] habe ich meine ,Privatkundschaft’. Durch das Fenster reiche ich heimlich ein paar Aspirin, aus der Apotheke geklaut, und wie eine Blinde, mit einem langen Stock, gekrönt mit einem Tupfer Trypaflavin gegen Viren und Bakterien], bewaffnet, pinsele ich die schmerzenden Kehlen all derer, die während des Arbeitstages die von Schnee oder Regen nass gewordene Kleidung während des langen Appells anbehalten mussten.“

Die Autorin ist Historikerin und arbeitet im Forschungsprojekt des Arbeitskreises Frauengesundheit (AFK). Ergebnisse mündeten in eine Wanderausstellung zur medizinischen Versorgung durch Häftlinge im Frauen-KZ Ravensbrück. Bis zum 11. September ist die Ausstellung mit dem Titel „… unmöglich, diesen Schrecken aufzuhalten“ im Foyer des Landtages in Potsdam zu sehen (Mo-Fr, 8-18 Uhr), zeitgleich erscheint ein Begleitband (hrsg. von Ramona Saavedra Santis und Christl Wickert, Metropol Verlag, 2017, 20 Euro).

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