Krebsvorbeugung : Aspirin für alle

Britische Forscher empfehlen, das Medikament über mindestens fünf Jahre zu nehmen. Das soll die Tumorgefahr senken. Andere Wissenschaftler sind skeptisch.

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Verkaufsschlager. Jedes Jahr werden weltweit etwa 100 Milliarden Aspirin-Tabletten verkauft.
Verkaufsschlager. Jedes Jahr werden weltweit etwa 100 Milliarden Aspirin-Tabletten verkauft.Foto: Fotolia

Aspirin (Wirkstoff Acetylsalicylsäure, ASS) ist als Schmerzmittel und als „Blutverdünner“ bei Herzkranken bewährt. Jetzt wollen britische Forscher die Anwendung radikal ausdehnen. Ihnen zufolge sollten Männer wie Frauen im Alter zwischen 50 und 65 erwägen, jeden Tag eine Tablette mit niedrig dosiertem Aspirin (75 bis 100 Milligramm) zu schlucken. Das tägliche Aspirin für die Dauer von mindestens fünf, besser aber zehn Jahren oder sogar noch länger verringere deutlich die Gefahr, an häufigen Krebsarten zu erkranken und zu sterben. Im Brennpunkt stehen dabei Tumoren des Verdauungstrakts, vor allem Darm-, Magen- und Speiseröhrenkrebs.

Jack Cuzick von der Londoner Queen-Mary-Universität und sein Team begründen ihren Rat mit einer umfassenden Auswertung der Studien zum vorbeugenden Nutzen von Aspirin, die sie im Fachblatt „Annals of Oncology“ veröffentlichten. Unstrittig ist der Nutzen des Medikaments bei Herzkranken. Nicht endgültig geklärt ist, ob es dagegen zur Vorbeugung gegen Herzleiden bei Gesunden etwas taugt.

Krebsvorbeugung mit Aspirin ist noch immer umstritten

In den vergangenen Jahren war zudem deutlicher geworden, dass das Arzneimittel auch Krebs vorbeugen kann. Ob das ein Argument für die vorsorgliche Einnahme ist, ist unter Medizinern seit langem umstritten. Bis zu ihrer Analyse sei unklar gewesen, ob die Vorzüge der Einnahme die Nachteile aufwiegen, sagte Studienleiter John Cuzick laut einer Pressemitteilung. Jetzt sei klar, dass die Vorteile überwiegen würden.

Cuzick und sein Team fanden heraus, dass die zehnjährige Einnahme das Darmkrebsrisiko um 35 und die Zahl der Todesfälle an diesem Leiden um 40 Prozent senkt. Die Raten an Speiseröhren- und Magenkrebs werden um 30 Prozent verringert, die Todesfälle durch diese Leiden um 35 bis 50 Prozent. In den ersten drei Jahren der Aspirin-Einnahme zeigen sich allerdings noch keine Vorteile und das Sterberisiko schrumpft erst nach fünf Jahren.

„Wenn jeder zwischen 50 und 65 täglich ein Aspirin für mindestens zehn Jahre nehmen würde, würde die Zahl der Krebsfälle, Herzinfarkte und Schlaganfälle bei Männern um neun und bei Frauen um sieben Prozent zurückgehen“, sagte Cuzick. „Die Gesamtzahl der Todesfälle sinkt in einem Zeitraum von 20 Jahren um vier Prozent.“

Die größte Gefahr der Einnahme sind Blutungen

Hauptrisiko der Einnahme sind Blutungen im Verdauungstrakt, die in seltenen Fällen auch tödlich enden. Gegen sie muss der Nutzen aufgewogen werden. Bei 60-jährigen, die Aspirin über zehn Jahre nehmen, steigt die Gefahr der Blutung laut Cuzick von 2,2 auf 3,6 Prozent, immerhin ein Zuwachs um mehr als die Hälfte. Lebensbedrohlich werden sie bei etwa jedem zwanzigsten Patienten mit Blutung. Das Risiko wird jenseits der 70 deutlich größer. Außerdem wird die Gefahr von Magengeschwüren um 30 bis 60 Prozent erhöht.

Trotzdem ist Cuzick vom Nutzen der Einnahme überzeugt. „Es gibt einige ernste Nebenwirkungen, die nicht ignoriert werden dürfen“, sagt er. „Aber die tägliche Einnahme von Aspirin könnte die wichtigste Maßnahme sein, um Krebs zu verringern – nach dem Kampf gegen das Rauchen und dem Reduzieren starken Übergewichts.“ Unklar sei noch, wie hoch die optimale Aspirin-Dosis sei; in den Studien schwankt sei zwischen 75 und bis zu 325 Milligramm täglich. Ebenfalls offen ist, ob es etwas bringt, Aspirin länger als zehn Jahre zu schlucken.

Abweichler distanzierten sich von Teilen der Studie

Andere Wissenschaftler sind skeptischer. „Ich würde jetzt nicht jahrelang Aspirin nehmen, um bestimmte Tumoren zu verringern“, sagt der Arzneimittelforscher Ralf Nüsing von der Universität Frankfurt am Main. Nüsing ist vor allem deshalb zurückhaltend, weil Aspirin bereits in niedriger Dosis zu Komplikationen führen kann. Das positive Ergebnis der Studie ist für ihn eine Sache der Auslegung und persönlichen Bewertung. Dafür spricht, dass sich drei der 15 Autoren von Teilen der Untersuchung distanzierten, in denen Aspirin in Bezug auf Brust-, Prostata- und Lungenkrebs als günstiger Einfluss gewertet wurde. Zu optimistisch, sagen die Abweichler. Zurückhaltend ist die britische Förderorganisation Cancer Research UK. Jeder, der regelmäßig Aspirin einnehmen will, sollte sich zunächst mit seinem Hausarzt besprechen, rät Cancer Research UK. Es sei noch mehr Forschung nötig, um zu klären, wer das Medikament nehmen sollte und wer wegen der Gefahr von Nebenwirkungen besser verzichten sollte.

Ebenfalls ernüchternd ist eine 2012 veröffentlichte Nutzenberechnung des American College of Chest Physicians, die von anderen Experten erweitert wurde. Die Ärzte kalkulierten die Vorzüge einer zehnjährigen Aspirin-Einnahme bei 1000 Patienten mit durchschnittlichem Risiko für Herz- und Krebsleiden. Das Ergebnis in dieser Gruppe wären sechs verhinderte Todesfälle, 17 vermiedene Fälle von nichttödlichen Herzinfarkten und sechs Krebsfälle weniger sowie eine statistisch nicht bedeutsame Verringerung nicht tödlicher Schlaganfälle. Auf der anderen Seite wären 16 Fälle größerer Blutungen im Bereich des Gehirns wie des Verdauungstrakts zu verzeichnen. Diese Einschätzung mag etwas zu pessimistisch sein. Aber der nach dieser Auswertung begrenzte Nutzen spricht dafür, dass die Diskussion um Sinn und Unsinn einer Krebsprophylaxe mit Aspirin noch lange nicht zuende ist.

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