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Kriegsgefahr in Korea : „Deutschland ist für Korea ein Modell“

15.04.2013 00:00 Uhrvon
Ein Checkpoint an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Mitarbeiter der geschlossenen gemeinsamen Wirtschaftszone Kaesong kehren schwer beladen nach Südkorea zurück.Bild vergrößern
Ein Checkpoint an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Mitarbeiter der geschlossenen gemeinsamen Wirtschaftszone Kaesong kehren schwer beladen nach Südkorea zurück. - Foto: dpa

Trotz Kriegsgefahr glaubt die Berliner Politologin Eun-Jeung Lee an die koreanische Wiedervereinigung. Eun-Jeung Lee leitet seit 2008 das Institut für Koreastudien an der Freien Universität Berlin.

Frau Lee, vor fast 70 Jahren wurde Korea geteilt, Sie starten jetzt ein Forschungsprojekt zur Wiedervereinigung, bei dem auch deutsche Erfahrungen reflektiert werden. Steht die Bewilligung des Projekts durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft angesichts der aktuellen Kriegsdrohungen Nordkoreas unter einem schlechten Stern?
Natürlich ist die Situation dramatisch, aber wie die meisten Beobachter sehe ich keine realistische Kriegsgefahr. Zudem bietet jede Krise auch eine Chance. Jetzt hat die neu gewählte Präsidentin Südkoreas Park Geun Hye Nordkorea einen Dialog angeboten. Insofern bedeutet der Konflikt mehr Aufmerksamkeit für unser Projekt.

Wie die Teilung Deutschlands geht auch die Teilung Koreas auf das Jahr 1945 zurück. Seitdem haben sich beide Landesteile sehr viel weiter auseinanderentwickelt als die DDR und die Bundesrepublik Deutschland bis 1989. Was würde das für eine Wiedervereinigung Koreas bedeuten?

"Dramatische Lage". Die FU-Politologin Eun-Jeung Lee forscht zu den Voraussetzungen für eine Wiedervereinigung Koreas.Bild vergrößern
"Dramatische Lage". Die FU-Politologin Eun-Jeung Lee forscht zu den Voraussetzungen für eine Wiedervereinigung Koreas. - Foto: promo

Wir haben in Deutschland gesehen, wie schwer das Zusammenwachsen war. Aber heute ist ein geeintes Deutschland entstanden mit weitgehend angeglichenen Lebensverhältnissen. Das erhoffen wir auch für Korea, auch wenn sich die Menschen in beiden Landesteilen so weit auseinandergelebt haben. Denn die Geschichte des einen Korea ist sehr viel länger als die der zwei Koreas seit der Teilung. Über ein Jahrtausend, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts und auch in der japanischen Kolonialzeit, war Korea eine Nation. Dieses Bewusstsein ist noch da, und es ist stärker ausgeprägt als in Deutschland.

Doch es gibt auf beiden Seiten große Vorbehalte gegen die Menschen aus dem jeweils anderen Land. Wie könnten sie wieder zusammenfinden?

Wir haben sehr wenige Informationen darüber, wie die politische Indoktrinierung von den Menschen in Nordkorea angenommen wird. In Südkorea verläuft die Aufnahme von Flüchtlingen nicht unproblematisch, die moderne Industriegesellschaft ist sehr auf Konkurrenz ausgerichtet. Zivilgesellschaft und Sozialstaat aber bemühen sich um ihre Integration. In Aufnahmelagern sollen die Flüchtlinge in einigen Monaten lernen, im Kapitalismus zurechtzukommen, aber viele tun sich schwer, wenn sie auf sich gestellt sind. Doch in der Bundesrepublik ist es vielen Übersiedlern zunächst ähnlich ergangen.

Mit Projektpartnern an der Uni Halle-Wittenberg wollen Sie erkunden, wie sich Erkenntnisse aus dem Sonderforschungsbereich der FU zu Transformationsprozessen im geeinten Deutschland sowie in West- und Osteuropa auf Korea übertragen lassen. Welche Ansätze sehen Sie dafür?

Die deutsche Wiedervereinigung hat in Korea anfangs große Hoffnung und Euphorie erweckt. Doch bald wurden auch die Probleme gesehen, insbesondere die Kosten der Einheit. Aber als der damalige Präsident Kim Dae-jung bei seiner Berliner Deklaration an der Freien Universität Berlin im Jahr 2000 die Sonnenscheinpolitik gegenüber Nordkorea ankündigte, war Deutschland durchaus ein Modell. Nach dem historischen Treffen mit Kim Jong-il gab es eine Phase der Entspannung, Familienbesuche wurden möglich, Straßen- und Eisenbahnverbindungen wurden wiederhergestellt und die Sonderwirtschaftszone Kaesong entstand, wo bis zur Schließung im aktuellen Konflikt gut 50 000 Nordkoreaner in südkoreanischen Betrieben arbeiteten.

Wie könnte es konkret weitergehen, wenn der Konflikt überwunden ist?

Uns ist klar, dass es einen abrupten Systemwechsel nicht geben wird. Auf mittlere Sicht scheint es realistisch, über kleine Schritte zu begrenzten Problemlösungen mit regionalen und lokalen Kontakten zu kommen. Ein Beispiel ist die Frage, wie man kleine und mittlere Unternehmen in Ostdeutschland gefördert hat, was erfolgreich war und was gescheitert ist. Das ist für unsere Praxispartner im Wiedervereinigungsministerium der Republik Südkorea von großem Interesse.

Wünscht sich die Weltgemeinschaft die Wiedervereinigung?

Wenn das Land wiedervereint werden sollte, entsteht ein Staat mit 80 Millionen Einwohnern. Das ist schon ein Machtfaktor. Derzeit wünscht sich China ebenso wie die USA „Stabilität in der Region“. Die Koreaner aber wollen den Frieden und auf der Basis eines friedlichen Zusammenlebens zur Wiedervereinigung kommen.

Sie selber stammen aus Südkorea. Inwiefern ist Ihre Familie von der Teilung betroffen und wie sieht Ihre Vision von einem wiedervereinten Land aus?

Das Grab unserer Ururahnen liegt noch in Nordkorea, das ist die einzige persönliche Verbindung. Mein Traum ist, dass sich das, was ich in Deutschland seit 20 Jahren erlebe, in meiner Heimat wiederholt. Ich habe von 1993 bis 2008 in Halle gelebt und gearbeitet, den ganzen Prozess der Integration erlebt mit seinen Höhen und Tiefen. Ich hoffe, dass auch in Korea trotz der zu erwartenden Schwierigkeiten langsam eine Gemeinschaft entsteht und die Zeit der Teilung irgendwann nur noch Geschichte sein wird.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

Anmerkung der Redaktion: Gegenüber der ursprünglichen Version des Interviews vom 14. April haben wir ein Margaret Thatcher offenbar falsch zugeschriebenes Zitat zur deutschen Wiedervereinigung gestrichen.

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