Wissen : Lebenswerte Leberwerte

Fortschritte in der Therapie von Hepatitis

Rosemarie Stein

Ein Mann Anfang fünfzig erfährt vom Arzt, seine Leberwerte seien viel zu hoch. Auf die Frage, was zu tun sei, sagt der Arzt: „Trinken Sie weniger Alkohol und kommen Sie in einem halben Jahr wieder.“ Er kam nie wieder, denn er fühlte sich zum Alkoholiker gestempelt. Er hatte jedoch eine Virus-Hepatitis, eine jener Leberentzündungen, die nach ihren verschiedenen Erregern von A bis – zur Zeit – E durchbuchstabiert werden.

Hepatitis B und besonders C heilen oft nicht aus, sondern werden chronisch. Sie verursachen meist jahrelang keine Beschwerden, ruinieren aber mit der Zeit die Leber. Die ständige Entzündung macht aktive Zellen zu narbigem Bindegewebe: Leberzirrhose. Auch das Leberkrebsrisiko steigt. Schutzimpfungen gibt es gegen die „Reisekrankheit“ Hepatitis A, die nie chronisch wird, und gegen Hepatitis B.

Die Fortschritte in der Therapie von Leberkrankheiten, vor allem auch der chronischen Hepatitis, waren vergangenes Wochenende in Berlin Thema einer Expertentagung der Paul-Martini-Stiftung zusammen mit der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Zwei positive Forschungsfolgen wurden diskutiert:

Zum einen werden die eingeführten Behandlungsverfahren durch Zuschnitt auf den individuellen Patienten verbessert. Auch arbeitet man an Biomarkern, die abzuschätzen erlauben, ob ein Patient auf eine Therapie ansprechen wird. Wenn nicht, können ihm die zum Teil erheblichen Nebenwirkungen erspart werden – und dem Gesundheitswesen die Kosten einer vergeblichen Behandlung. Zum anderen haben neue Erkenntnisse über Bau und Funktion der Leber zur Entwicklung vieler neuer Medikamente geführt. Einige haben sich in klinischen Studien bewährt und dürften bald zugelassen werden.

Die chronische Hepatitis B, die (wie auch C) durch Körperflüssigkeiten übertragen wird, ist keineswegs nur ein Problem Drogenabhängiger und HIV-Positiver. Markus Cornberg (Medizinische Hochschule Hannover) sprach von weltweit mindestens 400 Millionen Infizierten. In Deutschland rechne man mit etwa 500 000 Virusträgern, über die Hälfte von ihnen Einwanderer. Nur jede fünfte Hepatitis-B-Infektion werde erkannt – von Cornberg stammt das eingangs geschilderte Beispiel für das so häufige Versäumen der Diagnostik.

Nicht alle Infizierten müssen sofort behandelt werden, auf jeden Fall aber dann, wenn eine leberschädigende Entzündung vorliegt. Laut Cornberg haben sich in den letzten Jahren die therapeutischen Möglichkeiten dank Interferon und neuer spezifischer Antivirusmittel so verbessert, dass eine rechtzeitige Therapie die gefürchteten Komplikationen meist verhindern kann. Sogar eine schon entstandene Zirrhose kann zurückgehen.

Die meisten behandlungsbedürftigen Hepatitis-B-Patienten brauchen eine Dauertherapie, wenn die Zahl der Viren im Blutserum unter die Nachweisgrenze gedrückt und die Leber ausgeheilt werden soll, sagte Thomas Berg (Uni Leipzig). Ein Hindernis: Wie Bakterien gegen Antibiotika, können auch Viren gegen antivirale Mittel resistent werden – wie bereits beim Interferon alpha und auch bei den neuen antiviralen Substanzen, obwohl die erste, Lamivudin, erst seit 1999 verfügbar ist. Gegen die neueste, den Polymerasehemmer Tenofovir (seit 2008), sind noch keine Resistenzen bekannt.

Eine „vergessene Herausforderung“ nannte Michael P. Manns (Medizinische Hochschule Hannover), der gemeinsam mit Peter C. Scriba (Uni München) das Symposium leitete, die Hepatitis D (oder Delta). Sie tritt nur zusammen mit der Hepatitis B auf, denn der Erreger ist ein unvollständiges, „nacktes“ Virus, ein „Viruid“, das als Hülle das Oberflächen-Antigen des B-Virus nutzt.

In Deutschland haben etwa zehn Prozent der chronischen Hepatitis-B-Virusträger zugleich eine Hepatitis D, meist Immigranten aus Süd- und Osteuropa. Sie verläuft oft sehr schwer, und wenn sie chronisch wird, kommt es zehn Jahre früher zur Leberzirrhose als bei Hepatitis B allein: Therapieversuche waren bislang so gut wie erfolglos, erst klinische Studien des „Kompetenznetzes Hepatitis“ machen etwas Hoffnung.

Obwohl der Rezeptor des D-Virus noch nicht bekannt ist, versucht man, spezifische Mittel gegen diesen Viruid zu entwickeln. Die einzige effektive Behandlung der fortgeschrittenen Hepatitis D ist bisher nur die Lebertransplantation, sagte Manns. Er riet dringend, jeden Hepatitis-B-Virusträger auch auf D zu testen.

Als besonders aktuelles Forschungsgebiet gilt die Hepatitis C. Betroffen sind weltweit etwa 170 Millionen Menschen, eine Impfung gibt es nicht, aber viele direkt gegen das Virus wirkende Substanzen befinden sind in verschiedenen Phasen der Prüfung – ein wahrer „Taifun der Arzneimittelentwicklung“, wie es hieß.

Matthias Dollinger (Universität Halle-Wittenberg) stellte die neueste Behandlungsleitlinie vor. Vorerst wird dort noch die bewährte Standardtherapie empfohlen: Ein Jahr lang PEG-Interferon alpha und Ribavirin. Dosis und Dauer sind aber individuell sehr variabel, je nach Alter, Körpergewicht, Zustand der Leber, Viruslast und Genotyp des Virus.

Diese Feinabstimmung und ein früher Behandlungstermin erhöhen die Heilungschancen, wenn auch nicht jeder auf die Therapie anspricht. Weil die Patienten mehr unter der Behandlung als unter der Infektion leiden, sei es sehr wichtig, auch die Nebenwirkungen zu behandeln, von Anämie bis zur Depression, so Dollinger.

Sehr optimistisch war der Blick in die nahe Zukunft der Hepatitis-C-Therapie. Da man den Lebenszyklus des Virus jetzt besser kennt, kann man an verschiedenen Stellen eingreifen. Wie Stefan Zeusem (Uni Frankfurt am Main) mitteilte, wurden – vorerst in Studien – die ersten Patienten durch hochpotente antivirale Substanzen geheilt, ohne zusätzlich Interferon zu brauchen. Zeusem verwies auf die Unterschiede zwischen diesen Substanzen und hob die schnelle und lang anhaltende Wirksamkeit der Polymerasehemmer gegen sämtliche Genotypen der Hepatitis-C-Viren hervor.

Er erwartet bei diesen Infektionen einen Durchbruch, der nur vergleichbar sei mit der Einführung der Antibiotika oder der Medikamente gegen HIV. Zugleich dämpfte er eine allzu große Euphorie mit dem Hinweis auf Behandlungsabbrüche wegen schwerer Nebenwirkungen.

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