Wissen : Lesen, schreiben – und Latein

Freie Schulen in Großbritannien sollen das alte System aufmischen. Das Geld dafür kommt vom Staat

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Die Besten siegen. Teams der Eliteschule Eton beim traditionellen „wall game“. Kampfsportarten sind an Staatsschulen verpönt, an den neuen Freien soll es sie wieder geben. Foto: Reuters
Die Besten siegen. Teams der Eliteschule Eton beim traditionellen „wall game“. Kampfsportarten sind an Staatsschulen verpönt, an...Foto: REUTERS

Führende Tory-Politiker werden in der kommenden Woche bei Schuleröffnungen im ganzen Land in die Kameras strahlen. Ein Jahr, nachdem die Londoner Lehrerin Katharine Birbalsingh auf dem Parteitag der Konservativen mit einer Attacke auf das staatliche Schulsystem, das mit einer „Kultur der Ausreden“ arme Kinder arm halte, zum Medienstar wurde, werden zum Schuljahresbeginn die ersten 24 neuen „freien Schulen“ eröffnet. Sie sollen Flaggschiffe der Tory- Schulreform werden. Auch Birbalsingh ist unter die Schulgründer gegangen.

Londons Bürgermeister Boris Johnson wird die „West London Free School“ eröffnen, wo Latein bis 14 Pflichtfach ist, Uniform getragen und wieder der an Staatsschulen verpönte Wettkampfsport ausgeübt wird. In Bradford hat ein Physiklehrer eine Wissenschaftsschule gegründet, eine 400 Jahre alte private „Grammar school“ kehrt in den Staatssektor zurück, um auch für ärmere Schüler da zu sein. Es gibt Konfessionsschulen, auch die „Maharishi Schule“ in Lancashire, die sich an den Lehren des Beatles-Gurus Maharishi Mahesh Yogi orientiert.

Bildungsminister Michael Gove, der das kontroverse Programm durchdrückte, dürfte die „Woodpecker Hall Primary Academy“ in Enfield besuchen. Der Grundschulzweig einer bereits bestehenden „Academy“ liegt ein paar Straßenzüge entfernt von einem Brennpunkt der Augustkrawalle und will sich besonders der Problemkinder aus dem Einwanderermilieu annehmen.

„Da wir nicht von den Kommunen kontrolliert werden, haben wir die Flexibilität und die Freiheit, die Schule nach Methoden zu führen, die sich für uns bewährt haben“, erklärt Schulleiterin Sarah Oliver und verspricht eine Konzentration auf „lebensentscheidende Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen“. Labour hat die Bildungsausgaben um 30 Milliarden Pfund jährlich gesteigert, aber bei Pisa rutschen britische Schulen in allen Kerndisziplinen ab. Im Lesen fielen sie von Platz 17 auf Platz 25, in Mathematik von 24 auf 28. Im Staatssystem erreichen 17 Prozent der Schüler mit 14 Jahren noch nicht den Mindeststandard für Lesen und Schreiben.

Goves „free schools“ sollen nach Modellen aus Schweden und den USA der Eigeninitiative von Eltern und Lehrern Raum verschaffen. Wettbewerb und Angebotsvielfalt sollen nun das Bildungswesen beleben. „So werden wir den Standard für Kinder in allen Schulen heben“, verspricht Gove, der das „liberale Erziehungsestablishment“ mitverantwortlich für die Krise macht. Disziplin, Ehrgeiz, Leistungsbereitschaft, Wettbewerb an Schulen seien zu Buhwörtern geworden.

Gewerkschaften und Labourpolitiker halten wenig von den Reformen. „Freie Schulen sind selektiv und sozial polarisierend und es gibt keinerlei Beweise, dass sie zu höheren Standards führen“, kritisiert Chris Keates, Chef einer Lehrergewerkschaft. Kritiker fürchten eine Aushöhlung des öffentlichen Schulsystems. Für die erste Tranche von Gründungsanträgen wurden rund 130 Millionen Pfund aus dem Staatssystem abgezogen.

Aber Labour ist gespalten, denn die „free schools“ sind nur die radikale Ausweitung des von Labour Premier Tony Blair begonnenen, von seinem Nachfolger Gordon Brown boykottierten, und nun wieder beschleunigten „Academy“-Programms, unter dem öffentlich finanzierte Schulen ihre Autonomie radikal ausweiten können.

Bildungsexperten wie Melissa Benn befürchten die Fragmentierung des Gesamtschulsystems, das Labour vor 40 Jahren einführte. „Freie Schulen reproduzieren nicht nur Klassenunterschiede, sondern vertiefen auch ethnische und religiöse Gräben.“ Matthias Thibaut

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