Literatur : Das sind die Lieblingsromane der Germanisten

Irritierend, geheimnisvoll, genial: Germanistinnen und Germanisten erklären, welches Werk sie besonders fasziniert - von Goethe über Kafka bis Bernhard.

Kitschig? Ja, aber auch anrührend sind Goethes „Wahlverwandtschaften“, meint Irmela Marei Krüger-Fürhoff, Germanistik-Professorin an der FU.
Kitschig? Ja, aber auch anrührend sind Goethes „Wahlverwandtschaften“, meint Irmela Marei Krüger-Fürhoff, Germanistik-Professorin...Foto: Jörg Schmitt/dpa

Irmela Marei Krüger-Fürhoff, Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin

Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Einer meiner Lieblingsromane sind „Die Wahlverwandtschaften“ von Johann Wolfgang Goethe, vielleicht gerade deshalb, weil mich die erste Lektüre so gar nicht überzeugte: Eduards überschwängliche Leidenschaft für seine angeheiratete Nichte – kitschig. Charlottes Liebes-Entsagung, Ottilies Selbsttötung durch Schweigen und Nahrungsverweigerung – psychologisch schwer nachvollziehbar. Die Verweise auf Chemie, Landschaftsarchitektur, Ökonomie des Landadels – konstruiert.

Irmela Marei Krüger-Fürhoff.
Irmela Marei Krüger-Fürhoff.Foto: promo

Mit jedem Wiederlesen und jeder Beschäftigung mit Forschungsliteratur aber schien der Roman eine neue Bedeutungsschicht preiszugeben. Konstruiert? Ein Tummelplatz für Fährtensucherinnen und Spurenleserinnen. Psychologisch schwer nachvollziehbar? So fremd wie die Umbruchzeit um 1800, aus dessen Fundamenten sich unsere moderne Individualität speist. Kitschig? Ja, und anrührend und in einzelnen Formulierungen unvergesslich. Außerdem doppelzüngig, ironisch und auch mit neuen Deutungsideen nicht handhabbar zu machen. „Tournez, s’il vous plaît!“ lautet eine scherzhafte Bitte im Roman, die sich auf die schöne Rückenansicht einer der Personen bezieht, die ein Gemälde als „tableau vivant“ nachstellen. Goethes „Wahlverwandtschaften“ sind mit Sicherheit nicht das, was man im angloamerikanischen Sprachraum als „page turner“ bezeichnet. Aber sie laden dazu ein, immer wieder neue Seiten zu entdecken und an der Auflösung des Spiels mit Verweisen lustvoll zu scheitern – und sehr viel mehr lässt sich von einem Roman eigentlich kaum erwarten.

Annie Ring, Lecturer in German am University College London

Wolfgang Hilbig: Das Provisorium. Nach jahrelanger Zensur und seiner riskanten Ablehnung einer Stasi-Kollaboration entschied sich der ostdeutsche Dichter Wolfgang Hilbig (1941–2007) 1985 in den Westen zu gehen. Dort verfasste er den autofiktionalen Roman „Das Provisorium“, der in der historischen Übergangszeit der 80er und 90er spielt. Das Thema: der Versuch, in Westdeutschland noch einmal zum Schreiben zu kommen. Sein Scheitern wird im schmerzhaften Expressionismus des Textes, in Hilbigs flüchtiger, schüchterner Schreibweise, deutlich.

Annie Ring.
Annie Ring.Foto: Onur Pinar

Warum gelingt es dem Protagonisten C. nicht zu schreiben, wo er doch hier ästhetische Freiheit genießt? Liegt es an C.s Alkoholismus, an seinen kommunikationsarmen Beziehungen? Oder an den unheimlichen Einkaufszentren, Bahnhöfen und Hotels, in denen er sich aufhält? Die zirkuläre, zögerliche Struktur der Handlung betont, wie diese Figur, aus der erstarrten DDR ankommend, auf eine chronische Beschleunigung, Flexibilität und Einsamkeit stößt, die ein gelingendes Leben und Schreiben genauso verhindern, wie es die DDR tat.

C.s Geschichte wird in einer Sprache überliefert, die vom Erbe Dostojewskis, Kafkas, Rimbauds, Woolfs zeugt – den DichterInnen der europäischen Moderne, die Hilbig während seiner Arbeitsschichten in DDR-Fabriken las. Somit hinterließ Hilbig eine Prosa, deren nachdenkliche Bestürzung uns mit den bleibenden ethischen Fragen unserer Zeit hilft: Wie unter all dieser Bewegung schreiben? Wie leben?

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