Maschine setzt zerrissene Akten zusammen : Das vertrackte Stasi-Puzzle

Kurz vor dem Mauerfall zerrissen Mitarbeiter der Stasi Akten in Millionen Schnipsel. Eine Puzzlemaschine soll sie zusammensetzen. Doch ob die Technik effizienter ist als der Mensch, ist fraglich.

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Schnipsel von Stasiakten
Überreste einer Diktatur. Als die Schredder ausfielen, zerrissen Stasimitarbeiter die Akten einfach - in insgesamt 600 Millionen...Foto: Sean Gallup, Getty Images

Wenn irgendwo auf der Welt ein autoritäres Regime stürzt, läutet bei Bertram Nickolay vom Berliner Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik das Telefon. Die neuen Regierungen brauchen ihn, erzählt der Elektrotechniker. Denn sobald ein Machthaber abtritt, vernichten die Geheimdienste massenhaft Papiere über Bespitzelung und Auslandsspionage, die keinesfalls an die Öffentlichkeit gelangen sollen. Meist werden sie nicht fertig, den Zeitgenossen fallen Aktenreste in die Hände.

„Wir sind die Einzigen weltweit, die das Material automatisiert wieder zusammensetzen können“, sagt Nickolay. Sein Team habe eine Puzzlemaschine entwickelt, die derartiges Stückwerk komplettiert und Einblick in die geheimen Aufzeichnungen gibt. Die Wurzeln des Projektes liegen in der deutsch-deutschen Vergangenheit. Kurz vor dem Mauerfall liefen in den Stasi-Kreisdienststellen und Bezirksverwaltungen die Schredder heiß. Die Mitarbeiter zerrissen die Papiere. Es blieben schätzungsweise 600 Millionen Schnipsel, manche so klein wie Briefmarken, andere so groß wie eine Postkarte. Die Maschine soll sie zusammenfügen. Denn in den Akten vermutet man Zeugnisse über besonders brisante Machenschaften des DDR-Regimes.

Wer Nickolay zuhört, gewinnt den Eindruck, dass die Puzzlemaschine auf Hochtouren läuft. Kein Vorhaben der Fraunhofer-Gesellschaft steht stärker im Fokus der Politik und ist über die Landesgrenzen hinaus so bekannt. Aber wenn man genauer nachforscht, verliert das Bild seinen Glanz. Wäre das Puzzle womöglich schneller und preiswerter von Hand gelöst?

9000 Teams versuchten, fünf Dokumente elektronisch zu rekonstruieren

Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Zirndorf kleben bereits seit 1993 zerrissene Seiten zusammen. Die rekonstruierten Blätter haben entscheidende Beweise geliefert. Trainer und Ärzte mussten Schadensersatz wegen Dopings zahlen. Der Theologe und einstmalige Direktor der Humboldt-Universität Berlin, Heinrich Fink, wurde als inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit entlarvt. Er musste seinen Posten räumen.

Nickolay liest in den neunziger Jahren in der Zeitung, dass die Beamten die Schnipsel von Hand kleben. Er ist überzeugt, dass das mit dem Computer schneller und billiger geht. Nach und nach kann er Politiker für seine Idee gewinnen. Klaus Peter Willsch – CDU-Politiker, Mitglied im Haushaltsausschuss und bis 2010 zugleich im Senat der Fraunhofer-Gesellschaft vertreten – setzt sich für das Projekt ein. Von Hand werde die Rekonstruktion der Akten noch 375 Jahre dauern, greift die CDU/CSU-Fraktion Nickolays Argumente auf. Elektronisch sei es in fünf bis zehn Jahren erledigt. Der Bundestag stellt schließlich die erforderlichen Mittel bereit. Knapp sechs Millionen Euro sollen dafür ausgegeben werden. 2007 startet das Projekt. Binnen 18 Monaten sollen zunächst 400 Säcke mit geschätzten 16 Millionen Schnipseln abgearbeitet sein. Niemand ahnt damals, dass es viel länger dauern wird.

Dabei gab es Anlass zur Skepsis. Im Jahr 2011 veranstaltete die Darpa, die Forschungsbehörde des amerikanischen Verteidigungsministeriums, einen Wettbewerb: Fünf Dokumente, die jeweils maschinell in 20 bis 6222 Teile zerschreddert waren, sollten elektronisch zusammengesetzt werden. Über 9000 Forscherteams traten an. Aber kein einziges Computerprogramm war in der Lage, die fünf Seiten ohne menschliche Hilfe zu vervollständigen. Wie kann dann die Fraunhofer-Crew viele zigtausend Blätter bewältigen?

Die Leute denken, der Computer kann das auf Knopfdruck

„Die Leute auf der Straße denken, der Computer kann das auf Knopfdruck. Ein völliger Irrglaube“, sagt Matthias Prandtstetter vom Österreichischen Institut für Technologie in Wien. In seiner Doktorarbeit hat der Informatiker sich mit dem Puzzeln von zerrissenen oder geschredderten Unterlagen befasst. Das menschliche Gehirn schließt aus Farbvarianten und dem Textinhalt auf einem Schnipsel auf das Aussehen des fehlenden Teils. Der Computer ist in dieser Hinsicht blind. Er muss alle Teile, auch jene, die augenscheinlich nicht passen, virtuell aneinandersetzen. Dann kann er ausrechnen, ob beide ein Paar ergeben oder nicht. „Das gleicht einem Rundreiseproblem. Wenn ich zehn Städte besuchen möchte, habe ich für die Reihenfolge mehr als eine Million Möglichkeiten. Genauso viele Möglichkeiten gibt es, zehn Schnipsel zu kombinieren“, sagt er. Bei einigen Dutzend Schnipseln sei das noch zu bewältigen. Bei Millionen komme man auf keinen grünen Zweig.

Dass geht nur, indem man die Menge der infrage kommenden Puzzleteile massiv reduziert. Und dazu braucht es den Menschen. Man kann beispielsweise vermuten, dass Schnipsel, die in einem Sack beisammenliegen, zusammengehören und nur unter diesen Nachbarn nach passenden Puzzleteilen suchen. Es ist eine Annahme, die nicht stimmen muss. Denn niemand weiß, wie die Stasi-Mitarbeiter in der Hast die Schnipsel in die Säcke stopften. Vielleicht verteilten sie diese absichtlich auf viele Säcke. Vielleicht fiel die Hälfte daneben. Aber die Annahme, Zusammenliegendes gehöre zusammen, macht das Puzzle für den Computer besser beherrschbar.

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