Mecklenburg-Vorpommern : Neue Heimat für Nandus

Seit elf Jahren leben die südamerikanischen Laufvögel in Mecklenburg. Nicht jeder ist begeistert. Die Vögel können einen Fuchs das Fürchten lehren.

Christiane Habermalz
Guter Läufer. Nandus schaffen bis zu 60 Kilometer in der Stunde.
Guter Läufer. Nandus schaffen bis zu 60 Kilometer in der Stunde.Foto: ddp

Hinter Boitin-Resdorf ist es endlich so weit. Ein norddeutscher Acker, mit ein paar Kopfweiden am Rand, ein Traktor mit Gülleanhänger dreht langsam seine Runden. Mittendrin ein paar Nandus. Sie wirken wie graue Findlinge in der Landschaft, erst auf den zweiten Blick erkennt man struppige Federn, schwarze Hälse und einen kleinen Kopf. „Er ist besendert! Das ist George!“, freut sich Matthias Hippke, Biologe des Biosphärenreservats Schaalsee. Zwei Stunden lang war er mit seinem Suchtrupp auf Nandupirsch.

Die Tiere sind Nachkommen jener sechs Nandus, die vor elf Jahren bei Hamburg aus einer Privathaltung entkamen. Die Ausreißer gediehen prächtig. Zwischen Raps und Winterweizen, mitten in der norddeutschen Tiefebene, hat sich längst eine florierende Nandupopulation gebildet. Doch nicht jeder ist glücklich über die Laufvögel aus Südamerika.

Es ist Nanduzähltag. Zweimal im Jahr erfasst das Biosphärenreservat im Auftrag des Landes Mecklenburg-Vorpommern den Bestand der Straußenvögel. Weil das Land nicht weiß, was es mit den Nandus machen soll, zählt es sie erst einmal nur und lässt sie ansonsten in Ruhe.

Laut Washingtoner Artenschutzabkommen ist der Laufvogel aus der argentinischen Pampa eine geschützte Art – also auch hier, zwischen Ratzeburg und Groß Grönau. Damals, kurz nach dem Ausbruch, hätte man vielleicht noch etwas unternehmen können. Doch die Nandus profitierten vom deutschen Föderalismus. Weil der lässliche Geflügelzüchter aus Schleswig-Holstein stammte, seine Nandus aber klugerweise über das Flüsschen Wakenitz nach Mecklenburg entkamen, fühlte sich niemand zuständig.

Die Naturschützer waren zunächst skeptisch: Mit anderen tierischen Einwanderern wie Waschbär, Marderhund oder Mink, die sich schnell auf das Ausräubern heimischer Vogelnester spezialisierten, hatte man seine liebe Not. „Bisher haben sie sich noch nichts zuschulden kommen lassen“, nimmt Hippke die Nandus in Schutz. Magenanalysen von überfahrenen Tieren haben ergeben, dass die Riesenvögel vor allem Raps und Mais fressen, hin und wieder ein paar Insekten und Kleintiere. „Im vergangenen Jahr wurde der Nandu daher vorerst als nicht invasive Art eingestuft, das heißt, dass sie ökologisch keine Schäden anrichtet.“ Auch die Fraßschäden halten sich offenbar in Grenzen. Doch Thomas Neumann von der Umweltschutzorganisation WWF fürchtet, dass sich die Tiere irgendwann so stark vermehren, dass man etwas gegen sie unternehmen muss.

Zwischenzeitlich gab es mehr als 100 Tiere, doch der harte Winter vor zwei Jahren hatte den Bestand stark dezimiert: Nur einer von 80 Jungvögeln hatte überlebt. Den Alttieren dagegen machen Kälte und Schnee nichts aus. Sie sind kräftige, wehrhafte Laufvögel, die bis zu 60 Kilometer pro Stunde erreichen. Einen Fuchs können sie leicht das Fürchten lehren.

George bauscht die Flügel auf: Er balzt. Die vier Weibchen in der Nähe stecken die Köpfe zusammen, zupfen ein paar Rapsblättchen. Aber bald werden sie seinem Charme erliegen und ihm ihre Eier ins Nest legen. Bei den Nandus sind die Hähne für das Familienleben zuständig. Sie bebrüten die bis zu 20 Eier und führen später auch die Jungen.

Hippke notiert Fundort, Zahl und Geschlecht der Vögel. Auch der letzte, schneereiche Winter hat seinen Tribut gefordert, das wird am Ende des Tages feststehen. 35 Alttiere und 30 Jungvögel waren es noch im letzten Herbst. 34 Erwachsene wurden jetzt gezählt, aber nur ein einziges Junges.

Doch George auf seinem Acker lässt keinen Zweifel, dass er das Brutgeschäft wieder sehr ernst nehmen wird. „Ein milder Winter genügt, und die Population kann sprunghaft ansteigen, das haben die Erfahrungen der letzten Jahre gezeigt“, sagt der Umweltplaner Frank Philipp, der das Nandu-Monitoring für das Biosphärenreservat koordiniert. Und dann? Die Art soll weiterhin intensiv beobachtet werden, sagt Philipp.



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