Medizingeschichte : „Der Tod war ein permanenter Begleiter“

Die neue Ausstellung „Praxiswelten“ im Medizinhistorischen Museum der Charité stellt anhand von acht Krankengeschichten die Arbeit von Heilkundigen in drei Jahrhunderten vor.

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Totenkrone
Abschied. Kleinen Kindern legte man eine prächtige Totenkrone auf den Sarg.Foto: Museum Kirche in Franken

Wartezimmer, Händedruck, kurzes Gespräch am Schreibtisch, Blutdruckmessen, Untersuchung auf der Liege, ein Rezept und wieder ein Händedruck: So oder ähnlich erleben Patienten den Besuch beim Arzt. Für Marion Maria Ruisinger und Thomas Schnalke steht etwas anderes im Mittelpunkt: „Das Herz der ärztlichen Praxis ist ein Text“, behaupten die Direktoren der Medizinhistorischen Museen in Ingolstadt und der Charité Berlin. Sie meinen die Krankenakte, in der der Arzt den Fall dokumentiert. Ist sie heute meist digital gespeichert, so wurden die Aufzeichnungen früher oft in schön gebundenen Büchern niedergelegt.

Um solche Krankenjournale aus drei Jahrhunderten gruppiert sich eine Ausstellung, die nun im Medizinhistorischen Museum der Charité zu sehen ist. Es werden nicht nur acht Krankengeschichten anhand der Aufzeichnungen lebendig vorgestellt, sondern auch die Arbeit acht recht verschiedener Heilkundiger.

Die Dokumente, die sie verfasst haben, sind Fundstücke aus dem deutschsprachigen Raum. Heute geben sie Medizinhistorikern die Möglichkeit, in einem von der DFG geförderten Gemeinschaftsprojekt zu rekonstruieren, wie Ärzte vom 17. bis zum 19. Jahrhundert außerhalb von Krankenhäusern ihren Beruf ausübten. Dabei soll keine vollständige Geschichte der ambulanten Medizin der letzten drei Jahrhunderte entstehen. Die Aufzeichnungen sind Zufallsfunde, „Inseln im Fluss der Geschichte“, wie Schnalke es formuliert. Als die Arbeit etwa zur Hälfte getan war, hatten die Forscher die Idee, rund um die Schriftstücke eine Ausstellung zu gestalten, berichtet Ruisinger. Sponsoren ermöglichten ihnen, das umzusetzen.

Besucher, die das modern eingerichtete „Wartezimmer“ durchschritten haben, machen unter anderem Bekanntschaft mit dem Nürnberger Arzt Johann Christoph Götz. Wir schreiben das Jahr 1717. Der Mediziner hat in Altdorf und in Halle studiert, er praktiziert meist in seiner Nürnberger Wohnung, macht aber auch Hausbesuche und erteilt bisweilen brieflich Ratschläge. Das Leben der jungen Frau, die er am 25. August besucht, kann er nicht retten. Anna Heyd, die Frau eines Weinschenks, hatte drei Wochen zuvor nach einer schweren Geburt ihr Kind verloren. Nun wurde der Doktor gerufen, weil ihr übel war und sie erbrach. Er verordnet einen Einlauf und Tee. Bevor Götz abends noch einmal vorbeikommen kann, stirbt seine Patientin.

Ein Arzt richtete seine Behandlung nach astronomischen Berechnungen aus

„Der Tod war für die Menschen dieser Zeit ein permanenter Begleiter“, kommentiert Schnalke. Eine reich geschmückte „Totenkrone“, wie sie damals vielerorts auf den Sarg von Kleinkindern gelegt wurde, zeugt in der Ausstellung davon. Götz, der auch Herausgeber der Fachzeitschrift „Der aufrichtige Medicus“ war, hatte wahrscheinlich nicht das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Trotzdem war der Fall für ihn nicht abgeschlossen: In seinen Aufzeichnungen geht er die Vorgeschichte durch, schreibt von eventuellen Kunstfehlern der Hebamme und einem früheren Abtreibungsversuch seiner Patientin.

Wir wissen das aus seinen „Observationes et curationes Noribergenses“ (Nürnberger Beobachtungen und Behandlungen). Medizinhistoriker fanden das sieben Bände umfassende Praxisjournal in der Unibibliothek in Erlangen. Es wurde in dem Projekt ausgewertet.

Johannes Magirus, Arzt, Mathematiker und Baumeister in Zerbst, hatte bei der Behandlung eines einjährigen Knaben im Jahr 1653 mehr Erfolg als sein Nürnberger Kollege. Er vermerkt in seinem dreibändigen „Diarium Medicum“, dass er die Fieberkrämpfe seines kleinen Patienten mit einer Mischung verschiedener Arzneien zum Einnehmen und Einreiben vertrieben habe. Nach einer Woche habe das Kleinkind zwei Würmer ausgeschieden, das Fieber sei verschwunden. Magirus, der viele Kinder behandelte, richtete seine Behandlung auch an astronomischen Berechnungen aus. „Viele Ärzte hatten Nebeninteressen, von Festungsbau bis Bierbrauen“, sagt Schnalke.

Nicht immer sprudelten die Einnahmen, nur Hof- und Leibärzte, Stadt- und Amtsärzte hatten ein festes Einkommen. Wer viele reiche Patienten hatte, konnte es sich leisten, die Armen kostenlos zu behandeln. Und oft zahlte die Herrschaft für die zum Haushalt gehörenden Dienstboten. Auch über ihre Honorare und die Schulden ihrer Patienten führten die Doctores sorgfältig Buch.

Die Ausstellung „Praxiswelten“ ist bis zum 21. September 2014 täglich außer montags im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité zu sehen.

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