Wissen : Mit Kanonen auf Wolken schießen Hagel zu verhindern ist bisher nur ein Traum

Sven Titz
Größenwahn. Mit Kanonen, die Rußpartikel in die Luft schossen, versuchte man um 1900, Schäden durch Hagel (Bild oben) zu verhindern. Fotos: J.Appl.Meteorol./ddp
Größenwahn. Mit Kanonen, die Rußpartikel in die Luft schossen, versuchte man um 1900, Schäden durch Hagel (Bild oben) zu...

Wer jemals in einen starken Hagelschlag geraten ist, der weiß, wie zerstörerisch die Eisklumpen sein können, die man als Hagelschloßen bezeichnet. Blumen verlieren ihre Blüten, Blätter und Früchte an Bäumen werden zerfetzt. Hagelschloßen so groß wie Grillkohle hauen Autoscheiben und Dachziegel in Stücke. Es wäre schön, ließe sich das Unheil nicht nur vorhersagen, sondern gleich verhindern. Doch bisher sind Versuche, Hagelschlag einzudämmen, Regen zu erzeugen oder Wirbelstürme zu verhindern, von wenig Erfolg gekrönt gewesen.

Dabei ist die Idee der Wettermanipulation kein Quatsch, sondern wissenschaftlich fundiert. Sie setze bei der Physik der Wolken an, sagt Joachim Curtius, Atmosphärenforscher an der Uni Frankfurt am Main. Normalerweise saugen hoch oben in den Wolken winzige Staubpartikel Wasserdampf auf und bilden mikroskopisch kleine Eispartikel. Die fallen hinab, während sie wachsen und schmelzen. Es entstehen Regentropfen. In Gewitterwolken läuft das anders: Darin entwickeln sich Hagelkörner aus den Eispartikeln. Immer wieder werden die Körner durch starke Aufwinde wie in einem Fahrstuhl in die Höhe getragen. Dabei lagert sich Eisschicht um Eisschicht ab. Erst wenn sie zu schwer geworden sind, fallen sie zu Boden.

In diese Wolkenphysik versucht man mit technischen Mitteln einzugreifen. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in Europa hunderte Hagelkanonen verkauft, sechs Meter hoch das Stück. „Damit sind damals Rußpartikel in die Wolken geschossen worden“, erzählt Curtius. In den Vierzigerjahren kamen Forscher auf Silberjodid, ein Silbersalz. Auch ein Eiweiß des harmlosen Bakteriums Pseudomonas syringae ist geeignet. Diese Substanzen wirken als Eiskeime. Sprüht man sie mit Flugzeugen in die Wolken, entstehen Eispartikel – und Regentropfen. In Gewitterwolken sollen sich durch die „Impfung“ viele kleine Hagelkörner statt wenige große bilden. Die kleinen machen weniger kaputt, hoffen die Wettermanipulateure.

Doch Erfolge der Wolkenimpfung sind kaum nachzuweisen. Die Ursache liege in der Komplexität der Wolken, sagt der Physiker Curtius. Die Stellen, wo man die Eiskeime am besten hineinsprühen sollte, seien zu schwer zu finden. Auch laufe die Kondensation von Wasserdampf zu Wassertröpfchen und Eiskörnchen sehr rasch ab, die Vorhersage sei schwierig. Das erschwere die Steuerung. So könne es passieren, dass Regenmacher für Regen in Berlin statt in Brandenburg sorgen.

Bis in die 80er Jahre hinein hat es viele Experimente gegeben, vor allem in den USA. Im Projekt „Stormfury“ versuchte man durch Wolkenimpfung Hurrikane abzuschwächen. Die künstliche Kondensation sollte am Rand des Hurrikan-„Auges“ Wärme freisetzen, um den Luftdruckunterschied und den Wind zu verringern. Vergebens. Heute ist China eines der wenigen Länder, wo die Wettermanipulation immer noch intensiv ausprobiert wird. Sven Titz

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