Wissen : Mit Mozart gegen Tinnitus

Speziell gefilterte Musik soll Menschen helfen, die unter chronischen Ohrgeräuschen leiden

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Gegen das Pfeifen im Kopf. Gefilterte Musik soll die Tinnitus-Störgeräusche abschwächen. Erste Ergebnisse sind vielversprechend, aber die Zahl der Studienteilnehmer ist noch gering. Foto: Avatra
Gegen das Pfeifen im Kopf. Gefilterte Musik soll die Tinnitus-Störgeräusche abschwächen. Erste Ergebnisse sind vielversprechend,...

Ludwig van Beethoven litt an Tinnitus, Charles Darwin und Jean-Jacques Rousseau. Silvester Stallone („Rocky“) wird von lästigen Ohrgeräuschen geplagt, Phil Collins und Barbra Streisand. Ob es im Ohr ständig rauscht, piept, brummt, pfeift oder knackt: Tinnitus ist ein Volksleiden, und allein in Deutschland sollen drei Millionen Menschen damit zu tun haben.

Ein Hörsturz kann chronische Ohrgeräusche auslösen, aber auch starker Lärm, eine Infektion, Durchblutungsstörungen, Diabetes oder ein Schleudertrauma. Etwa ein Drittel der Betroffenen ist im Alltag schwer beeinträchtigt. „Manche Patienten beschäftigen sich nur noch mit ihrem Ohrgeräusch, und versinken in schweren Depressionen“, sagt Tinnitusforscher Christo Pantev von der Universität Münster. Als Therapie wird von Cortison über Akupunktur und Laserbehandlungen bis zu autogenem Training und Botox-Spritzen fast alles angepriesen. Eine tatsächliche heilsame Wirkung ist aber in den meisten Fällen nicht belegt.

„Manche Patienten ließen sich aus Verzweiflung gar den Hörnerv durchtrennen“, erzählt Pantev. Doch selbst das nützte nichts: Die Ohrgeräusche blieben. „Tinnitus wird zwar im Ohr wahrgenommen“, erklärt der Forscher. „Er entsteht aber, wie wir heute wissen, im Gehirn.“ Genauer gesagt im auditorischen Kortex, einer Region der Großhirnrinde, in der Tonsignale verarbeitet werden. Oder eben selbst erzeugt.

An dieser Stelle im Gehirn setzt die neue Therapiemethode an, die der Neurowissenschaftler Christo Pantev und sein Team entwickelt haben: Musikhören. Die Patienten sollen sich allerdings nicht einfach irgendwelche Pop-Songs, Klavierkonzerte oder Opernaufnahmen anhören, sondern Musik, die ihrem individuellen Tinnitusproblem angepasst wurde.

„Bei Menschen, die unter Ohrgeräuschen leiden, sind zahlreiche Nervenzellen im auditorischen Cortex ständig wie außer Rand und Band“, holt der Forscher aus. Er vermutet, dass Tinnitus auf ähnliche Weise entsteht wie Phantomschmerzen nach der Amputation eines Gliedmaßen. Tinnituspatienten können aufgrund einer Hörstörung bestimmte Tonfrequenzen nicht mehr wahrnehmen. Die zuständigen Nervenzellen im auditorischen Kortex wurden von eingehenden akustischen Impulsen abgeschnitten.

„Das Gehirn ist jedoch plastisch“, sagt Pantev. „Es verändert sich ständig und versucht, Störungen zu kompensieren.“ Die beeinträchtigten Nervenzellen knüpfen daher unzählige neue Verbindungen zu Nachbarzellen, die für andere Frequenzbereiche zuständig sind. „Grundsätzlich ist das positiv“, sagt Pantev. „Aber manche der neuen Zusammenschlüsse haben ungünstige Nebenwirkungen.“ In vielen Fällen wird der Erregungspegel im auditiven Kortex immer weiter hochgefahren, und hyperaktive Nervenzellen produzieren schließlich ein „Phantomgeräusch“.

Durch individuell angepasste Musik lassen sich die überaktivierten Nervenzellen aber beruhigen und ungünstige Verknüpfungen zwischen Neuronen wieder auflösen, hoffen Christo Pantev und sein Team. „Wir benötigen dafür ein möglichst hohes Aufmerksamkeitsniveau“, sagt Pantev. „Deshalb nutzen wir Klänge, die die Patienten als angenehm empfinden, und auf die sie sich gut konzentrieren können.“ Die Patienten dürfen daher CDs mit ihrer Lieblingsmusik ins Labor mitbringen, egal ob Klassik, Techno oder Heavy Metal.

Die Forscher arbeiten mit Klängen, in denen die jeweilige Tinnitus-Frequenz der Patienten ausgespart ist. Sie regen also die umliegenden Nervenzellen an, damit diese wiederum auf die Tinnitus-Neuronen einwirken. Zu diesem Zweck filterten sie im Bereich der Tinnitus-Frequenz der Patienten das Klangspektrum einer Oktave aus den Musikstücken heraus. „Die Musik klingt danach ein wenig stumpf, wie früher in den 70er Jahren aus einem Mono-Kassettenrekorder“, sagt Pantev und lacht. „Aber man gewöhnt sich schnell daran.“ Und Patienten, die die „gefilterte“ Musik anhören, berichten prompt von Verbesserungen.

In einer ersten Studie, die unlängst im Fachblatt „PNAS“ publiziert wurde, haben die Neurowissenschaftler aus Münster den neuen Therapieansatz nun zwölf Monate getestet. Aus 23 Tinnitus-Patienten bildeten die Forscher drei Gruppen, die alle täglich ein bis zwei Stunden Musik hören sollten: Gruppe A lauschte ihrer Lieblingsmusik unverändert. Bei Gruppe B wurde ein zufälliger Frequenzbereich gelöscht. Bei Gruppe C derjenige Frequenzbereich, der dem Tinnitus-Geräusch der Patienten entspricht.

Nach zwölf Monaten empfanden die meisten Teilnehmer aus den Gruppen A und B ihren Tinnitus als lauter oder unverändert. Aus Gruppe C hingegen berichteten fast alle Versuchspersonen von Verbesserungen. Im Durchschnitt war der Tinnitus um ein Viertel leiser. Die Probanden aus dieser Gruppe gaben zudem an, dass sie das Ohrgeräusch nun als „weniger lästig“ empfänden als zuvor.

Pantev und seine Kollegen überprüften die Aussagen mithilfe der Magnetenzephalographie, eine Technik zur Sichtbarmachung der Hirnaktivität. Tatsächlich war die Erregung der für die Tinnitus-Frequenz zuständigen Neuronen bei den Probanden aus Gruppe C deutlich zurückgegangen. Bei manchen Patienten aus Gruppe A hingegen feuerten die entsprechenden Nervenzellen noch häufiger als vor Beginn des Experiments. Es ist also anscheinend in der Tat möglich, die Aktivität im auditiven Kortex durch Musik gezielt zu beeinflussen.

„In dieser Pilotstudie waren noch zu wenige Versuchspersonen, um verallgemeinerbare Aussagen treffen zu können“, sagt Lutz Jäncke, Neuropsychologe an der Universität Zürich. „Aber ich halte den Ansatz für einen der interessantesten, der in den letzten Jahren publiziert wurde.“ Auch an der Universität Zürich konnte nachgewiesen werden, dass Musikhören das Gehirn verändert. Wieso also nicht bei Tinnitus?

Bisher hat das Team Pantev das Verfahren ausschließlich an Patienten, bei denen das Ohrgeräusch wie ein Pfeif- oder Piepton klingt (tonaler Tinnitus), getestet. Ob die Therapie auch bei Brummtönen oder Klack-Geräuschen hilft, weiß bisher niemand. Immerhin: „Tonaler Tinnitus ist die häufigste Ausprägung und entspricht etwa zwei Dritteln aller Fälle“, sagt Pantev.

In einer weiteren Pilotstudie in Münster mussten 20 Patienten die „gefilterte“ Musik täglich mehrere Stunden anhören. Bereits nach einer Woche stellten die Forscher eine Reduktion der Lautstärke des Tinnitus fest. Allerdings erreichten die Ohrgeräusche zwei Wochen nach dem Experiment wieder die alte Intensität. „Um bleibende Verbesserungen zu erreichen, ist also offenbar eine kontinuierliche Therapie nötig“, sagt Pantev. „Aber Musikhören hat ja auch einen Genussfaktor."

In wenigen Monaten läuft an der Uniklinik Münster eine Langzeitstudie mit 300 Tinnitus-Patienten an. Sie soll klären, ob die schmerzfreie und kostengünstige Musikhör-Therapie eine Standardbehandlung werden kann.

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