MOOC-Star Michael Sandel in Berlin : Gewissensfragen im Hörsaal

Darf die Uni käuflich sein? Wie der Star der US-amerikanischen Online-Vorlesungen, Michael Sandel, FU-Studierende herausfordert.

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Michael Sandel spricht an der Freien Universität im Hörsaal mit einer Studentin.
Beim Wort nehmen. Philosoph Sandel spricht die Studierenden direkt an, diskutiert mit ihnen über moralische Prinzipien. An der...Foto: Thomas Rostek/FUB

Der Mann im dunklen Anzug geht langsam auf und ab und stellt seltsame Fragen. „Würdet ihr euch bestechen lassen?“, „Wo liegen die moralischen Grenzen des Marktes?“, „Ist es falsch, Bildung zur Ware zu machen?“

Alles ist wie in seiner berühmten „Justice“-Vorlesung im Internet, aber das hier ist kein Onlinekurs, er steht wirklich da: Michael Sandel, Philosophie-Professor aus Harvard. Heute erzählt er seinen Zuhörern an der Freien Universität Berlin (FU), was man mit Geld alles nicht kaufen kann. Er erzählt? Nein, er sucht das Gespräch: „Wir sind hier, um zu diskutieren“, stellt er gleich zu Beginn klar. Aus allen Nähten platzt der Hörsaal, sogar zu seinen Füßen sitzen Studenten. Er löchert sie mit Fragen. Die Mikrofonträger joggen durch den Hörsaal, um viele zu Wort kommen zu lassen.

Seit 1980 lehrt Michael Sandel politische Philosophie in Harvard, als Kommunitarist kritisiert er den politischen Liberalismus. Bekannt wurde Sandel schon früh mit seiner Replik auf John Rawls „Theorie der Gerechtigkeit“. Doch seitdem Sandels „Justice“-Vorlesung als Massiv Open Online Course (MOOC) im Internet frei zugänglich ist, hat er weltweit Studenten.

Zehn Millionen für einen Studienplatz? Das ist unmoralisch

Sandel spricht in einfachen Bildern. Das hat Methode. „Stellt euch vor, ihr seid der Präsident der FU“, fordert Sandel seine Zuhörer auf, „und die Eltern eines schlechten Schülers bieten euch zehn Millionen, wenn ihr ihren Sohn studieren lasst. Das Geld könntet ihr zugunsten ärmerer Studenten aufwenden. Wer von euch würde es machen? Meldet euch, na?“ Nur wenige Hände gehen hoch. „Warum nicht?“, fragt Sandel lächelnd. Studierende in Deutschland sind es nicht gewohnt, so eingebunden zu werden, aber sie schlagen sich gut. „Das ist einfach unfair für die anderen“, sagt einer. Sandel hakt nach. Den Armen wird doch geholfen? Warum ist es trotzdem unfair?

Sandels Spezialität: Er hilft Leuten, ihren eigenen moralischen Prinzipien auf die Spur zu kommen. Er stellt ein paar Fragen – und auf einmal kommen seine Zuhörer von selbst auf den Unterschied zwischen utilitaristischer und kategorischer Moral oder sie grübeln darüber, ob die Marktwirtschaft neutral sein kann. Ein Geburtshelfer der Erkenntnis, in bester sokratischer Tradition.

Hoher Unterhaltungswert, wenig Tiefgang, urteilt ein Student

Kritiker werfen ihm vor, dieser Diskurs mit den Zuhörern gehe auf Kosten des Tiefgangs. Doch den Studenten gefällt die Methode. „Ich finde es gut, dass Sandels Beispiele so anschaulich sind“, sagt Valeria Hänsel, die Philosophie an der FU studiert. „So gelingt es ihm, die Philosophie aus dem akademischen Elfenbeinturm heraus zu mehr Leuten zu tragen.“ Und Germanistikstudent Ron Sommerfeld freut sich über den „hohen Unterhaltungswert“ der Vorlesung. „In die Tiefe zu gehen, ist so natürlich schwierig. Aber sicher denken die Leute zu Hause selbst weiter nach.“

Am Ende Applaus, das Experiment hat funktioniert

Am Ende lässt er doch noch seine eigene Theorie durchschimmern: Die Ökonomie sei keine neutrale, objektive Wissenschaft, denn sie verändere die Bedeutung sozialer Praktiken. Deswegen wollen wir Autos kaufen und verkaufen – nicht aber Bildung. Deswegen finden wir es in Ordnung, wenn Länder mit Klima-Emissionen handeln – aber nicht, wenn Länder sich freikaufen von der Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen. „Wir müssen soziale Fragen wieder selbst aushandeln, statt sie dem Markt zu überlassen“, sagt Sandel. „Mit allen Streitigkeiten, die dazu gehören.“ Die Zuhörer applaudieren. Sie haben seine Einladung zum Diskurs angenommen.

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