Nachruf : Die drei Leben des Hubert Markl

Der Biologe machte sich nicht nur als Forscher und Wissenschaftspolitiker, sondern auch als Autor einen Namen. Jetzt ist er mit 76 Jahren in Konstanz gestorben.

Hartmut Wewetzer
Hubert Markl setzte sich mit der Wissenschaft und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft auseinander.
Hubert Markl setzte sich mit der Wissenschaft und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft auseinander.Foto: dpa

Es war die Sternstunde des Hubert Markl. In einer bemerkenswerten Rede am 22. Juni 2001 im Berliner Schauspielhaus setzte sich der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft aus Anlass der Jahresversammlung seiner Gesellschaft kritisch mit keinem Geringeren als dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau auseinander. Rau hatte in der aufgeheizten Bioethik-Debatte um das Für und Wider von Gentechnik und Stammzellenforschung einen Monat zuvor in seiner „Berliner Rede“ die Rolle des obersten Bedenkenträgers eingenommen, der die Forschung vor dem Überqueren des biopolitischen Rubikons warnte.
Markl antwortete ihm, wie nur Markl es vermochte: Temperamentvoll, scharfzüngig und furchtlos, voller Sarkasmus und Ironie, bewehrt mit ungeheurem Hintergrundwissen holte er die teilweise ins Hysterische entglittene Diskussion auf den Boden naturwissenschaftlicher Tatsachen zurück und verteidigte wortgewaltig die Freiheit der Forschung.
In Markls brillanter Rede kulminierten seine drei Leben als Biologe, Wissenschaftspolitiker und Publizist. Noch heute sind seine Ausführungen in vielem aktuell. Etwa sein rückhaltloses Plädoyer für die Sterbehilfe, ein typisch um die Ecke biegender, mäandernder Markl-Satz: „Nur wer sich nicht als freier, selbstentscheidungsberechtigter Staatsbürger, sondern als lebens- und bis zum Ende tributpflichtiges Staatseigentum begreift, kann akzeptieren, dass eine Mehrheit sich anmaßt, diese persönlichste aller Lebensentscheidungen staatlich zulassungspflichtig zu machen.“ Zu so einem Satz braucht man Mut.
Die erste, die wissenschaftliche Karriere des am 17. August 1938 in Regensburg geborenen Bayers führte rasch ans Ziel. Mit 29 Jahren habilitiert, wurde der Insektenforscher Markl kurz darauf Professor an der TH Darmstadt. 1974 wechselte Markl an die Universität Konstanz. Ebenso rasch und wohl beispiellos verlief dann sein Aufstieg im deutschen Wissenschaftsmanagement.
In der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der wichtigsten Förderorganisation der deutschen Wissenschaft, wurde Markl bereits 1977 Vize, 1986 Präsident. 1991 kehrte er an die Universität Konstanz zurück, um dann von 1993 bis 1995 erster Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zu werden. In all diesen Jahren festigte der Autor Markl seinen Ruf als Essayist. Dass er nicht nur die Wissenschaft, sondern auch den technischen Fortschritt verteidigte und die Deutschen aufrief, sich positiv zur Globalisierung zu stellen, machte ihn zu einem bunten Vogel im eher technikkritisch und kulturpessimistisch geprägten deutschen Geistesleben. Markls Aufsatzsammlungen, etwa „Wissenschaft gegen Zukunftsangst“ (1998) und „Schöner neuer Mensch?“ (2002) bleiben höchst lesenswert.
Sicher waren es nicht nur Markls Managertalente, sondern auch sein pulizistischer Ruf, der die mit Grundlagenforschung befasste Max-Planck-Gesellschaft dazu bewog, ihn 1996 zum Präsidenten zu machen – obwohl er von außen kam. Es war eine schwierige Zeit für Markl. Mittelkürzungen machten Institutsschließungen erforderlich, die er gegen heftigen Widerstand durchsetzen musste. Auch die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit brachte Markl in Gang. Alles in allem wurde man aber nicht warm miteinander, es blieb bei einer Amtszeit des „Outsiders“. 2002 kehrte Markl an die Universität Konstanz und an seinen geliebten Bodensee zurück. In Konstanz ist er am 8. Januar, mit 76 Jahren, nach längerer Krankheit gestorben.

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