Nationalsozialismus : China plante die Rettung der Juden Europas

Archivfunde belegen, dass China sich 1939 darauf vorbereitete, im großen Stil verfolgte Juden aufzunehmen. Ein Forschungsbericht unseres Gastautors.

Aron Shai
Ein Imbiss nach dem Vorbild von "Aschinger" in Shanghai, Ende der 30er Jahre. Foto: Wolfgang Weber/Ullstein Bild
Heimatküche. Schanghai war in den 1930er und 1940er Jahren ein wichtiger Zufluchtsort für verfolgte Juden.Foto: Wolfgang Weber/Ullstein Bild

China erarbeitete 1939 einen Plan, verfolgte europäische Juden in der abgelegenen südwestlichen Provinz Yunnan in der Nähe der birmanischen Grenze anzusiedeln. Das geht aus kürzlich im chinesischen Staatsarchiv entdeckten Dokumenten hervor. Zu dieser Zeit befand sich China inmitten eines demütigenden Rückzugs ins Innere des Landes. Japanische Streitkräfte drangen nach dem Fall der provisorischen Hauptstadt Hankou Richtung Westen vor. Der aus unbekannten Gründen nie in die Tat umgesetzte Plan spiegelt die Sympathie der chinesischen Elite für die Juden wider – und ihre Bereitschaft, den Juden in ihrer Zeit der Not zu helfen. Er reflektiert aber auch pragmatischere Abwägungen.

Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 nahm die Verfolgung der Juden in Deutschland und Österreich neue Dimensionen an. Sie führte zu massiven Fluchtbewegungen der jüdischen Bevölkerung. In der provisorischen Hauptstadt Chongqing in der Provinz Sichuan beschloss Chinas Regierung daraufhin, einen Vorschlag von Sun Fo (auch bekannt als Sun Ke), dem Sohn des Gründers und ersten Präsidenten der Republik China, Sun Yat-sen, anzunehmen. Sun Fo, damaliger Vorsitzender des Legislativrats, schlug vor, die jüdischen Flüchtlinge in einer abgelegenen Region in der Nähe der Grenze zu Birma (Myanmar) anzusiedeln.

Kritik an fehlender Hilfe aus den USA und Großbritannien

In einem der Dokumente zur Begründung des Plans wird hervorgehoben, dass die Juden seit 2600 Jahren verfolgt und immer wieder entwurzelt worden seien. Der Aufstieg des Faschismus in Europa führe zu einer noch brutaleren, unnachgiebigen Verfolgung, insbesondere in Nazideutschland. In dem Dokument wird beanstandet, die Regierungen der USA und Großbritanniens hätten den verfolgten Juden keine ausreichende Hilfe geleistet. Im Gegensatz dazu hatte die chinesische Stadt Schanghai ihnen einen lebenswichtigen Schutz gewährt. Doch seitdem die Stadt mit Flüchtlingen überschwemmt werde, bestehe die Notwendigkeit, den Strom der Asylsuchenden zu reduzieren und die bereits aufgenommenen Flüchtlinge auf verschiedene Regionen Chinas zu verteilen.

Diesem zweifellos kühnen Plan zufolge würde China zahlreiche asylsuchende Juden aus Europa aufnehmen und gleichzeitig jüdische Gemeinden, die bereits in Schanghai und in anderen Orten lebten, umsiedeln. Neben den humanitären Erwägungen führten die chinesischen Beamten vier Hauptgründe für die Initiative an: Ein Grund war, kleinen ethnischen Gruppen im Geiste der chinesischen Nationalpolitik zu helfen. Ein anderer galt der Hoffnung, die Unterstützung der Juden werde die Sympathie der britischen Öffentlichkeit gegenüber China wecken, vor allem weil, wie allgemein angenommen wurde, viele britische, in Ostasien arbeitende Finanzleute und Bankiers Juden waren.

Pragmatische Erwägungen: Juden als Entwicklungshelfer

China erhoffte sich zudem, die Rettung der Juden werde die Sympathie der amerikanischen Öffentlichkeit für Chinas Bedrängnis erhöhen. Und schließlich, so vermuteten die Plänemacher, wäre die Aufnahme der Juden ein willkommener Beitrag für China, kämen die Juden doch mit beträchtlichen wirtschaftlichen Mitteln und Fähigkeiten.

Ein passendes Gebiet in der Nähe der südwestlichen Grenze sollte gesucht, ein offizieller Ausschuss zur Umsetzung des Projekts ernannt und jüdische Führer aus China und im Ausland gewonnen werden, um die Initiative zu unterstützen. Jüdische Fachkräfte sollten registriert werden, um bestimmte Bereiche in China voranzubringen. Ende April 1939 wurde auf Anweisung des chinesischen Premier- und Finanzministers Kung Hsiang-hsi eine Diskussionsrunde mit Vertretern der Innen-, Außen-, Verteidigungs-, Finanz- und Verkehrsministerien abgehalten. Die Einschätzungen der jeweiligen Ministerien wurden an das Kabinett geschickt, das den Plan grundsätzlich genehmigte.

Die in Shanghai aufgenommenen Flüchtlinge wollte man umsiedeln

Um Einreise nach China bittende Juden sollten eine Erklärung abgeben, dass sie die Gesetze Chinas respektieren, jede politische oder ideologische Tätigkeit unterlassen und sich nicht gegen die „Drei Prinzipien des Volkes“ des Vaters der Nation Sun Yat-sen – Volksgemeinschaft, Volksrechte und Volkswohlfahrt – stellen würden. Da der Aufbau des Staates verschiedene Experten, Wissenschaftler, Ingenieure, Ärzte, Techniker und dergleichen benötigte, würden Personen mit diesem Fachwissen bevorzugt behandelt werden.

Das Innenministerium etwa schlug als möglichen Ansiedlungsraum die Stadt Tengchong in der dünn besiedelten, fruchtbaren Gegend neben der birmanischen Grenze vor. Man ging davon aus, dass jüdische Flüchtlinge, die sich bereits in Schanghai befanden, auf dem Seeweg dorthin gelangen könnten. Die Route würde über Birma verlaufen, das seit Ende des 19. Jahrhunderts unter britischer Herrschaft stand, oder über Thailand, von wo aus es weiter in die Provinz Yunnan gehen würde. Jüdische Flüchtlinge aus Europa könnten über Suez, den Indischen Ozean und den Golf von Bengalen kommen und über Birma nach Yunnan weiterreisen.

Für die europäischen Juden wäre dies sogar bequemer und einfacher, als in das ferne Schanghai zu fahren. Die Mitarbeiter des Ministeriums schlugen vor, die Regierung solle den Bau angemessener Wohnungen für die Neuankömmlinge garantieren und unterstützen.

In den Ministerien wurden auch Vorurteile gegen Juden gehegt

Einige der Kommentare und Vorschläge der Ministerien spiegeln die damaligen vorherrschenden chinesischen Vorurteile gegenüber Juden wider. So äußerte das Außenministerium beispielsweise die Befürchtung, die Juden würden über kurz oder lang Autonomie oder Selbstbestimmung einfordern. Aufgrund der Nähe zu internationalen Handelsgebieten könnte eine solche Forderung auch von anderen Staaten, wie etwa Großbritannien oder Frankreich, unterstützt werden. Da Juden in der Regel im gleichen Atemzug mit Kommunismus erwähnt werden, hieß es, Chinas Feinde könnten dem Land vorhalten, es sei selbst kommunistisch orientiert.

Unter den Archivmaterialien befinden sich auch Unterlagen aus der deutschen Botschaft in China, in denen der erste Sekretär der Botschaft die Besorgnis seiner Regierung über die Initiative zum Ausdruck brachte. Er forderte China auf, die vermeintliche Feindseligkeit der Juden gegenüber Deutschland zu berücksichtigen.

Die Gelegenheit, viele Juden zu retten, wurde verpasst

Aus den Dokumenten geht zwar nicht hervor, weshalb der Plan fallen gelassen wurde, doch es wurden weitere Klarstellungen eingefordert, was letztendlich das Aus für die Initiative bedeutete. Eine Gelegenheit, viele Juden von ihrem grausamen Schicksal in Europa zu retten, wurde so verpasst. Anscheinend zögerte Chiang Kai-shek, mit dem Sun Fo sich beriet, in dieser kritischen Zeit im Kampf gegen die Japaner einen Plan zu unterstützen, der die Beziehungen Chinas zu Deutschland beeinträchtigen könnte.

Aus dem Hebräischen übersetzt von Adina Stern. Aron Shai ist Prorektor und Professor für Ostasienwissenschaften an der Tel Aviv University. Er ist Autor zahlreicher Bücher über China in Hebräisch, Englisch und Chinesisch. Zuletzt veröffentlichte er eine Studie über die chinesisch-israelischen Beziehungen.

Anmerkung der Redaktion: Die Berliner Sinologin Mechthild Leutner (Freie Universität) hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass die Thematik in Deutschland erstmals von Dr. Peter Merker 1995 bekannt gemacht wurde. Merker übersetzte demnach den von Sun Ke gestellten Antrag an die Oberste Verteidigungskommission  und die  dort geführte Diskussion. Merker hatte die entsprechenden Akten im Ersten Historischen Archiv in Peking entdeckt. Eine Veröffentlichung zum Thema ist: Deutschland und China 1937-1949. Politik-Militär-Wirtschaft-Kultur. Eine Quellensammlung, hg. v. Mechthild Leutner, bearbeitet von Wolfram Adolphi und Peter Merker, Berlin, Akademie-Verlag 1998, S. 377 und 412 ff.).

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