Naturschutz : Mehr Wölfe und mehr Probleme

Die Raubtiere breiten sich in Deutschland immer weiter aus – zum Ärger etlicher Landwirte. Zäune und Gummigeschosse sollen die Tiere abhalten.

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Wölfe fressen gerne Wild, aber auch Schafe, Ziegen und Kälber - Menschen greifen sie in der Regel nicht an.
Wölfe fressen gerne Wild, aber auch Schafe, Ziegen und Kälber - Menschen greifen sie in der Regel nicht an.Foto: Patrick Pleul/dpa

Die Wölfe sind zurück in Deutschland. Seit im Jahr 2000 ein zugewandertes Wolfspaar in Sachsen erstmals Welpen großgezogen hat, nimmt ihre Zahl beträchtlich zu. Am Freitag veröffentlichte das Bundesamt für Naturschutz (BfN) aktuelle Daten für 2015/ 2016. Demnach gibt es hierzulande 46 Rudel, das sind 15 mehr als im vorangegangenen Monitoringjahr 2014/2015. In einem Rudel leben meist die beiden Elterntiere sowie die Nachkommen der vergangenen zwei Jahre – im Schnitt sind es drei bis elf Wölfe. Hinzu kommen laut BfN 15 Paare sowie vier sesshafte Einzeltiere. Die meisten Tiere leben in Sachsen und Brandenburg, doch auch in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen gilt Canis lupus mittlerweile als etabliert.

Viele Tiere werden überfahren

BfN-Präsidentin Beate Jessel nennt die Entwicklung eine „Erfolgsgeschichte des Naturschutzes“ und betont, dass die Art noch immer „eine ungünstige Erhaltungssituation“ aufweise. „Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass der Mensch nach wie vor der größte Feind des Wolfes ist.“ Vor allem der Straßenverkehr und illegale Abschüsse gefährdeten den Bestand. Seit 2000 wurden 147 Wölfe tot aufgefunden, nur 14 davon seien eines natürlichen Todes gestorben.

Die Rückkehr des Raubtiers ruft nicht überall Begeisterung hervor. Vor allem Landwirte fürchten um ihre Schafe, Ziegen und Kälber auf den Weiden. Zwar sind Wölfe an die Jagd auf Rehe, Hirsche und Wildschweine angepasst und ernähren sich zum größten Teil von diesen Beutetieren. Wenn sie aber die Chance auf eine leichte Beute haben, nutzen sie diese oft. Allein in Brandenburg hat die Zahl der gemeldeten Schäden deutlich zugenommen, von 36 im Jahr 2012 auf 73 im vergangenen Jahr. 2016 werden es noch mehr sein, der Wert vom Vorjahr wurde bereits im August erreicht.

Jeder zweite angebliche Wolfsriss hat andere Ursachen

Allerdings erwies sich laut dem Brandenburger Landesamt für Umwelt nur in etwa der Hälfte der Fälle der Wolf als Übeltäter beziehungsweise kann eine Beteiligung nicht ausgeschlossen werden. In den übrigen Fällen wurden Hunde, Füchse oder Krankheiten als Ursache ermittelt. Ein Viertel der Fälle gilt als ungeklärt.

Wolfsvorkommen in Deutschland
Wolfsvorkommen in DeutschlandQuelle: BfN/TSP

Andererseits wird nicht jeder Schaden gemeldet. „Manchen Landwirten ist der bürokratische Aufwand zu groß“, berichtet Christiane Schröder, Geschäftsführerin des Nabu-Landesverbands Brandenburg. Auch die Anträge auf finanzielle Unterstützung beim Bau entsprechender Zäune seien manchen zu aufwendig, sodass dieses Angebot nicht angenommen werde. Beim Landesamt für Umwelt kennt man diese Klagen. „Wir müssen die Ausgabe des Geldes aber an gewisse Bedingungen knüpfen, damit die Steuerzahler sicher sein können, dass ihre Mittel richtig verwendet werden“, sagt der Sprecher der Behörde, Thomas Frey.

Schnell reagieren, damit die Tiere es lernen, sich fernzuhalten

Sollten sich Wölfe Nutztieren nähern, muss ihnen rasch klargemacht werden, dass diese leichte Beute für sie tabu ist, sind sich Experten einig. Eine Möglichkeit besteht darin, spezielle Zäune zu errichten: stromführend, ausreichend hoch und sicher vor einem Untergraben. Gerade bei großen Weiden für Rinder sei das logistisch sehr aufwendig und nicht in jedem Fall mit vertretbarem Aufwand zu machen, erklärt Schröder. „Für den stromführenden Draht am Boden muss entlang des Zauns regelmäßig gemäht werden.“ Das koste extra Zeit und Geräteeinsatz. Darüber hinaus sei es nicht erstrebenswert, große Flächen wolfssicher einzuzäunen, denn davon würden auch andere Tierarten wie etwa Feldhasen ausgesperrt.

Wenn Zäune nichts nützen oder nicht aufgestellt werden können, müssen die Raubtiere gegebenenfalls mit Gummigeschossen vertrieben werden, sagt Schröder. „Entscheidend ist, dass man schnell reagiert, damit die Tiere lernen, wo sie besser nicht hingehen sollten.“

Norwegen will zwei Drittel der Wölfe zum Abschuss freigeben

Eine Jagd auf Wölfe erscheint derzeit ausgeschlossen. Um eine entsprechende Verordnung zu ermöglichen, muss laut Schröder eine stabile Population von mindestens 500 Tieren in einem zusammenhängenden Gebiet von Westpolen bis Deutschland existieren. Diese Zahl werde wohl nicht erreicht, weil es nicht genügend Reviere für so viele Tiere gebe.

Die norwegische Regierung geht in Sachen Wolf ungleich härter vor. Um den Nutztierbestand (vor allem Schafe) zu schonen, will sie 47 Wölfe zum Abschuss freigeben. Das sind zwei Drittel des Bestands im ganzen Land.

Was tun bei einer Begegnung?

Wölfe greifen Menschen in der Regel nicht an. Begegnet man einem Tier, sollte man Ruhe und Abstand bewahren, rät das BfN. Nicht wegrennen, sondern langsam rückwärts laufen und dabei laut sprechen. Falls der Wolf nicht wegläuft, sollte man ihn anschreien und in die Hände klatschen. Keinesfalls sollten Wölfe angelockt und gefüttert werden. Begegnungen sollten gemeldet werden, um auffälliges Verhalten der Tiere früh zu erkennen. Weitere Informationen sowie Meldeformulare für Sichtungen gibt es auf dem Portal Wolfsregion Lausitz.

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