Neue App : Das Handy, dein sprechender Freund

Eine neue App kann Blinde unabhängiger machen, Smartphone-Nutzern eröffnet sie neue Möglichkeiten. Genutzt wird dafür die NFC-Technologie.

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Entwickler Erich Thurner mit Handy und NFC-Tag vor seinem Büro auf dem RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain.
Entwickler Erich Thurner mit Handy und NFC-Tag vor seinem Büro auf dem RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain.Foto: Spiekermann-Klaas

Erst konnte es telefonieren und schwer in der Tasche liegen, dann verschiedene Farben anzeigen und im Internet surfen und zuletzt wurde es, zumindest im Namen, smart. Das Mobiltelefon hat sich zum Alltagsgegenstand entwickelt – für alle, die damit umzugehen wissen. Mit einer neuen App sollen Smartphones auch sehbehinderten und mit neuer Technik überforderten Menschen das Leben erleichtern. „MindTags“ heißt die Anwendung auf Basis der NFC-Technik.

Die Abkürzung steht für „Near Field Communication Transponder“: einen kleinen Chip – von Fachleuten „Tag“ genannt – der als Kommunikationshilfe in unmittelbarer Umgebung fungiert. Bislang werden diese Tags vor allem für bargeldlose Bezahlsysteme eingesetzt, beispielsweise im öffentlichen Nahverkehr. Die kleinen Chips können überall angebracht werden, darauf werden dann beispielsweise Audiodateien gespeichert, die das Smartphone mithilfe der App automatisch vorliest.

Der Erfinder von MindTags ist Erich Turner. Der blinde Jurist und Übersetzer ist Vorstandsmitglied von „Carpe Vitam“, einem Verein zur Förderung der mobilen Kommunikation und Vernetzung von Menschen mit Behinderung. Für seine App sieht er zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten: „Angehörige können Informationen zur Medikamenteneinnahme auf den NFC-Tag speichern, dann reicht es schon, sein Smartphone an den Medikamentenschrank zu halten, um zu wissen, was man wann und wie oft nehmen muss.“ Auch Dokumente, CDs oder der Kleiderschrank sollen sich so leichter ordnen lassen. „Und es genügt ein Tastendruck, um eine neue Information einzusprechen, man bleibt flexibel“, sagt Thurner, dessen Vision „gänzlich barrierefreie Arbeitsplätze“ sind. Verfügbar sein wird MindTags ab dem 10. November.

Seit einem Jahr arbeitet der Entwickler auf dem RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain mit fünf Mitarbeitern an der Anwendung, zahlreiche Partner und auch etwas EU-Geld hat er dafür akquirieren können. Am heutigen Donnerstag wird MindTags an der Hochschule für Technik und Wirtschaft ausgezeichnet, als einer von drei Beiträgen im Rahmen des „Be Wireless! Der Berlin-Brandenburger Best Practice Wettbewerb zu drahtlosen Lösungen“. Projektkoordinatorin Eileen Kühn imponierte vor allem die „Inklusion von Sehbehinderten“ und die „sparsame, barrierearme Bedienung“ der App, die sich automatisch öffnet und schließt.

„Problematisch ist, dass von den Handyherstellern nur Nokia schon konsequent auf NFC setzt, das neue iPhone beispielsweise hat die Technik nicht“, sagt Kühn, die jedoch glaubt, dass die kommende Mobiltelefongeneration die Technik beherrschen wird. Die Zahl der blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland beläuft sich nach verschiedenen Schätzungen auf 650 000 bis 1,2 Millionen.

MindTags funktioniert ohne Internetverbindung und bietet sich deshalb auch für Tourismus an. Mit „Quia Testis – 2000 Meter Deutsche Geschichte“ plant Thurner einen historischen Spaziergang über das Tempelhofer Feld. Auf dafür aufgestellten Stelen werden Tags angebracht, Interessierte halten ihr Smartphone daran und hören sowohl historische Informationen in ihrer Landessprache als auch im Hintergrund das Fluggeräusch der legendären Rosinenbomber.

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