Neue Ideen in den Technikwissenschaften : Sächsischer Sputnik

100 Geistesblitze à drei Minuten: Beim „Future Technologies Science Match“ in Dresden stellten Ingenieure aus Sachsen neue Entwicklungen vor.

Keine Angst vor morgen. Beim „Future Technologies Science Match“ trafen sich 1200 Wissenschaftler und Ingenieure, um einen Blick in die Zukunft zu werfen.
Keine Angst vor morgen. Beim „Future Technologies Science Match“ trafen sich 1200 Wissenschaftler und Ingenieure, um einen Blick...Foto: ronaldbonss.com

Was Christian Wilhelm vorhat, klingt nach einem ganz großen Plan. Oder, wie er selbst sagt, nach einer „verrückten Idee“. Der Biologe von der Universität Leipzig möchte Algen genetisch so verändern, dass sie vorrangig chemisch gespeicherte Energie liefern, statt in nutzlose Biomasse zu investieren. Bekommen wir also irgendwann klimafreundliche Algenplantagen? Schon möglich. Noch aber sucht Wilhelm wissenschaftliche Kooperationspartner und Unterstützer.

Der Wissenschaftler war einer der rund 100 Referenten beim „Future Technologies Science Match“, das am vergangenen Donnerstag in Dresden stattfand und das gemeinsam vom Freistaat Sachsen und dem Tagesspiegel veranstaltet wurde. Jeder Vortragende hatte nur exakt drei Minuten Zeit, um seine Ideen zu Gehör zu bringen. Das zwang zur Konzentration aufs Wesentliche.

Mindestens ebenso wichtig neben dem „Science Match“: das „Matchen“. Also die Möglichkeit, sich mit anderen Wissenschaftlern, Firmen oder Investoren auszutauschen, Kontakte zu knüpfen oder eine Zusammenarbeit zu planen. Trotz frostiger Temperaturen waren 1200 Teilnehmer zum Erlwein-Forum auf dem Dresdner Messegelände gekommen. Und sie wurden nicht enttäuscht, wie das Interesse an den Vorträgen und die lebhaften Diskussionen in den Pausen bewiesen.

Tablet-Computer sollen Maschinenschwärme dirigieren

Anders als bei bisherigen „Science Matches“ des Tagesspiegels lag der Schwerpunkt diesmal auf dem Gebiet der Technikwissenschaften. Gefragt waren eher die „Macher“ als die „Versteher“, auch wenn ersteres nicht ohne letzteres funktioniert. Die Themenpalette: Lebenswissenschaften, Energie, Umwelt, Informationstechnik und Mikroelektronik, Maschinenbau, Mobilität, Werkstoffe und Luftfahrt. Neben der Technischen Universität Dresden und der TU Bergakademie Freiberg waren vor allem die sächsischen Institute der Fraunhofer-Gesellschaft reichlich vertreten, zusammen Rückgrat der sächsischen Ingenieurskunst.

Viele Vorträge beschäftigten sich mit der Informationstechnik. Ein Thema war der neue Mobilfunk-Standard 5g, der ein Vielfaches an Datenübertragung, kurze Reaktionszeiten und geringeren Stromverbrauch bringen soll. Eine bahnbrechende Entwicklung auch deshalb, weil in ihm neben Milliarden Menschen 500 Milliarden internetfähige Objekte miteinander kommunizieren werden, wie Frank Fitzek von der TU Dresden sagte. In den Visionen von Sebastian Lorenz und Christian Wölfel (beide TU Dresden) werden die Landwirte, Forstbeamte und Bauingenieure künftig mit dem Tablet-Computer ganze Schwärme vernetzter Maschinen steuern, mit denen geerntet, abgeholzt und gebaut wird.

Das zweite Hauptthema waren neue Materialien, etwa extrem feste, leichte und widerstandsfähige Carbonfasern aus Kohlenstoff. Sie werden mit anderen Materialien, zum Beispiel Kunststoffen, kombiniert. Lars Bittrich (Leibniz-Institut für Polymerforschung, Dresden) stellte den „Leichtbauhocker L1“ vor. Der filigrane schwarzglänzende Dreibeiner ist ein hervorragendes Beispiel sächsischer Leichtigkeit. Er erinnert ein wenig an gußeiserne Vorläufer, ist aber ein Verbund aus Carbonfasern und Kunststoff und wiegt ganze 700 Gramm – bei einer Tragkraft von 200 Kilogramm.

Magnesium für schwere Elektro-Autos

Zum Thema „Leichtbau“ haben sächsische Wissenschaftler eine Allianz gegründet, über die Rudolf Kawalla (Bergakademie Freiberg) berichtete. Wichtig sind leichte Materialien wegen des geringeren Benzinverbrauchs beim Fahrzeugbau, wie Madlen Ullmann (Bergakademie Freiberg) sagte. Ullmann setzt auf Magnesium, das 4,5mal leichter als Stahl ist und sogar leichter als Aluminium. Zukünftig könnte das noch wichtiger werden, denn Elektrobatterien wiegen schwer.

Auch spektakuläre Erfindungen wurden beim „Science Match“ vorgestellt. So präsentierte Hagen Malberg (TU Dresden) den Somnomaten, ein Spezialbett, das einen in den Schlaf schaukelt und das den Schlafbedarf von acht auf sechs Stunden senken soll. Ina Prade (Forschungsinstitut für Leder und Kunststoffbahnen, Freiberg) stellte ein „gedrucktes Ohr“ aus Bindegewebe vor und Falk Wieland (TU Dresden) sprach über „Templa“, eine Art Lichtschranke für Mücken.

Der Diplom-Ingenieur hat in Sachsen nicht ausgedient

Sachsen investiert in Wissenschaft und Technik. Sein Selbstbewusstsein speist sich auch aus der industriellen Tradition, wie Ministerpräsident Stanislaw Tillich (selbst Ingenieur) zu Beginn verdeutlichte. „Alle sagten, das geht nicht. Einer machte es“, sagte Tillich mit Bezug auf den Chemiker Hermann Kolbe, der zusammen mit Friedrich von Heyden in der ersten pharmazeutischen Fabrik der Welt in Radebeul vor 140 Jahren den Vorläufer des Schmerzmittels Aspirin herstellte.

Für die Zukunft sieht sich Sachsen gut gewappnet, wie eine Podiumsdiskussion über „Perspektiven für den Ingenieurs- und Techniknachwuchs“ verdeutlichte. Zentrales Thema werde das problembasierte Lernen sein, sagte Frank Fitzek. Es komme zudem auf wissenschaftliche Exzellenz wie auf interdisziplinäres Denken an, sagte Kai-Stefan Linnenkohl, Geschäftsführer der IAV GmbH. Beide zweifelten, ob für diese Themen Bachelor- und Master-Studiengänge die besten Voraussetzungen bieten. Doch hier geht Sachsen eigene Wege. Während Ingenieurhochburgen wie die RWTH Aachen oder die TU München ihren Diplomingenieur-Abschluss zugunsten des Bachelor/Master-Systems abschafften, hat man an der TU Dresden den „Dipl.-Ing.“-Studiengang beibehalten. Wer von gestern scheint, ist eben manchmal von morgen.

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