Wissen : Neuer Pisa-Papst gesucht

Institut könnte Jahre bis zur Berufung brauchen

---Uwe Schlicht
Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

In der Reputation ist er kaum zu übertreffen: Jürgen Baumert gilt als „Pisa-Papst“, in der Max-Planck-Gesellschaft stieg er zum Direktor und Vizepräsidenten auf, im Sommer 2010 wurde er glanzvoll mit einem Festakt verabschiedet. Seit Baumerts Emeritierung hat das Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung jedoch keinen Nachfolger für seine Position gefunden. Definitiv ist ein formelles Verfahren gescheitert und informell ist die Suche bisher auch erfolglos geblieben. Direktorenposten an Max-Planck-Instituten werden auf einen herausragenden Wissenschaftler zugeschnitten.

Eine ungeschriebene Regel macht die Hängepartie zum Problem: Wenn Kommissionen bei der Suche nach einem Direktor zweimal scheitern, kann das die Existenz eines ganzen Instituts infrage stellen. In der Szene der Bildungsforscher verbreitet sich bereits das Schlagwort von der Krise. Baumert selbst darf sich nach den Usancen der Max-Planck-Gesellschaft zu Fragen, die seine Nachfolge und die Zukunft des Instituts für Bildungsforschung betreffen, nicht äußern.

Ute Frevert, Direktorin an dem Dahlemer Institut und dort zuständig für den historischen Forschungsaspekt, sagt zu den Gerüchten: „Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung befindet sich nicht in einer Krise und wird auch nicht abgewickelt.“ Vielmehr liege es „im höchsten Interesse des Instituts, dass wir einen geeigneten Nachfolger für Jürgen Baumert finden“. Dann spricht Ute Frevert von Jahren, die noch vergehen könnten bis zu einer Nachfolgelösung: Sie sei optimistisch, „innerhalb der nächsten fünf Jahre einen Nachfolger zu finden“.

Diese lange Frist ist erklärungsbedürftig. Ute Frevert sieht das so: Neben den Neurowissenschaften gebe es kaum ein anderes Gebiet, das in den vergangenen zehn Jahren bei der Besetzung von Lehrstühlen an Universitäten ähnlich erfolgreich gewesen sei wie die empirische Bildungsforschung. Besonders die Schüler von Jürgen Baumert hätten hier ihre Chancen bekommen.

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung stehe damit vor dem Dilemma, dass es bei der Suche für einen Nachfolger von Baumert nicht jene jungen Leute, die sich gerade habilitiert hätten, von den Universitäten zurückholen könne. Abgesehen davon dominiere unter den Nachwuchswissenschaftlern im Rahmen der empirischen Bildungsforschung ein Trend, mit mathematischen und naturwissenschaftlichen Methoden zu arbeiten. Diese Orientierung ist den international vergleichenden Schulleistungsstudien Timss und Pisa zu verdanken.

Die eigentliche Aufgabenstellung des Berliner Instituts sei es jedoch, wissenschaftliche Grundlagenforschung zu betreiben, sagt Frevert. So könnte die empirische Bildungsforschung tiefer bohren, wenn sie sich besonders des Themas der Migranten annehmen würde: Warum haben verschiedene Gruppen von Einwanderern so einen unterschiedlichen Zugang zur Bildung? Außerdem sollte man künftig die Frage der Kreativität, die nicht im Zentrum der Pisa-Beobachtung steht, zu einem wichtigen Thema in der Bildungsforschung machen.

Vor diesem Hintergrund wird die Spanne von fünf Jahren für die Suche nach einem Baumert-Nachfolger – mag dieser nun aus Deutschland oder einer anderen Nation kommen – erklärlich. Als Zeichen dafür, dass die empirische Bildungsforschung weiter ihren Platz am Max-Planck-Institut in der Lentzeallee haben wird, nennt Frevert den geplanten Aufbau einer Forschergruppe von Nachwuchswissenschaftlern auf diesem Feld.

Zumindest auf seiner Webseite vermittelt das Institut eine andere Botschaft: Danach ist das von Baumert verantwortete Gebiet „Erziehungswissenschaft und Bildungssysteme“ ein „beendeter Forschungsbereich“. ---Uwe Schlicht

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