Neues Buch "Lehre als Abenteuer" : Wie Professoren richtig unterrichten

Gute Dozenten fallen nicht vom Himmel. Doch Unterrichten kann man lernen, wie das Buch "Lehre als Abenteuer" zeigt. Selbst Handys lassen sich in Massenvorlesungen sinnvoll einsetzen.

von
Erlernt. Auch Massenvorlesungen können pädagogisch sinnvoll gestaltet werden.
Erlernt. Auch Massenvorlesungen können pädagogisch sinnvoll gestaltet werden.Foto: dpa

„Es ist fast ein Wunder, dass die modernen Methoden des Unterrichtens die heilige Neugier des Forschens noch nicht völlig erstickt haben.“ Das vernichtende Urteil, das Albert Einstein einst über den Schulunterricht fällte, ließe sich ohne Weiteres auf den heutigen Ruf der deutschen Hochschullehre übertragen. Studierende klagen über Massenvorlesungen und verschulte Seminare. Professoren beschweren sich über zu hohe Lehrdeputate und das geringe Ansehen der Lehre im Vergleich zur Forschung. Und während immer mehr Menschen studieren, fehlen laut Wissenschaftsrat jährlich eine Milliarde Euro für Dozenten, die Kleingruppen unterrichten.

Lehre kann man nicht im Ehrenamt betreiben

„Wer permanent Sonderforschungsbereiche einrichten muss und Sammelbände editiert, kann nicht gut lehren“, schreibt Ute Frevert, Max-Planck-Direktorin in Berlin, in einem Aufsatz über die Krise der Hochschulausbildung. Sie möchte keine „Lehre im Nebenamt betreiben“, auch versteht sie sich „nicht als Animateurin, die versucht, desinteressierte Konsumenten zu unterhalten“. Ihr Aufsatz findet sich in einer Essaysammlung, die helfen soll, der Misere ein Ende zu setzen.

„Abenteuer Lehre“ lautet der Titel pädagogisch aufbruchsfreudig. In knapp 50 Kurzessays äußern sich Professorinnen und Professoren sowie Studierende zu unterschiedlichen Formen der Lehre: vom Forschungsseminar bis zur Online-Vorlesung. Auch wenn der Unterton – Beispiel Ute Frevert – nicht immer erbaulich klingt, so haben die Herausgeber Matthias Klatt und Sabine Koller durchweg Autorinnen und Autoren versammelt, die an der verfahrenen Situation etwas ändern wollen. Einige von ihnen setzen auf didaktische Konzepte („problemorientiertes Lernen“, „forschungsorientierte Lehre“), andere auf Studiengebühren („Gute Lehre hat ihren Preis“). Fast alle teilen jedoch die Sicht, dass ohne eine positive Sicht der Dozenten nichts läuft. Manche Beiträge heißen daher schlicht „Motivation“ oder „Neugier“. Freverts Essay ist mit „Lust“ überschrieben.

Gute Dozenten fallen nicht vom Himmel. Der Wirtschaftsrechtler Rolf Sethe, der mehrfach für seine Lehre ausgezeichnet wurde, schätzt, dass 20 Prozent seiner Kollegen eine „echte Begabung“ haben, bei weiteren 20 nütze alle Mühe nichts. Der Rest kann das Unterrichten lernen. Florian Steger, Medizinhistoriker in Halle-Wittenberg, erzählt, wie er zunächst widerwillig solche Kurse in Hochschuldidaktik besuchte, die in Bayern für Habilitanden vorgeschrieben sind. Er lernte zu moderieren und durchs Mikrofon zu sprechen. Seine Studierenden wurden aufmerksamer. Seitdem schwört Steger auf die Fortbildungen. Die meisten Universitäten fordern bei der Berufung allerdings nicht einmal eine Lehrprobe.

Vorlesungen kann man auch als Podiumsdiskussion organisieren

Neben Erfahrungsberichten enthält der Band Best-Practice-Beispiele. Ein Informatikprofessor zeigt, wie er in einer Massenvorlesung den Wissensstand der Hörer per Mobiltelefon abfragt. Zwei Juristen helfen sich vor 400 Erstsemestern mit Podiumsdiskussionen. Sie alle folgen dem Prinzip, das Konfuzius schon vor zweieinhalb Jahrtausendenden beschrieb: „Sage es mir, und ich vergesse es, lass es mich tun, und ich behalte es.“ Denn nur 20 Prozent von dem, was Menschen hören, aber 90 Prozent von dem, was sie selbst tun, behalten sie dauerhaft.

Als Sammelsurium von Perspektiven auf den Lehrbetrieb quer durch die Fächer – von der Germanistin bis zum Werkstoffwissenschaftler – ist der Band durchaus charmant. Er erinnert daran, dass nicht nur Studierende, sondern auch Forscher von der Begegnung im Seminarraum profitieren. Der emeritierte FU-Professor Jürgen Kocka formuliert es so: „Je älter man als Historiker wird, desto angewiesener ist man auf Situationen, in denen man mit neuen intellektuellen Erwartungen konfrontiert wird. Dies geschieht in der Lehre, im Seminar, im Gespräch mit Jüngeren.“

- Matthias Klatt und Sabine Koller (Hrsg). „Lehre als Abenteuer: Anregungen für eine bessere Hochschulausbildung“, Campus Verlag, 252 Seiten, 19,90 Euro.