Wissen : Nicht nur für Frauen

HU ist ein Zentrum der Geschlechterforschung

Christina von Braun

Kopftuch, Granate, Maschinengewehr: In den Medien werden verhüllte Frauen gerne zusammen mit Waffen des Terrorismus abgebildet, auch wenn beides nichts miteinander zu tun hat. Warum wird diese Kombination gewählt? Eine Antwort auf diese Frage gibt die Geschlechterforschung, die lange für ein Fach gehalten wurde, das sich ausschließlich für die Belange von Frauen interessiert. Heute meldet sie sich zu aktuellen politischen Themen wie Terrorismus, Globalisierung, der Genwissenschaft, der digitalen Informationsgesellschaft, dem Verhältnis der Religionen zu Worte. Und sie bietet Einsichten, die für die Zukunft der Wissenschaft wie moderner Gesellschaften mehr als relevant sind.

In den anglophonen Ländern sind die Gender Studies schon längst zu einer Selbstverständlichkeit des akademischen Forschungs- und Lehrbetriebs geworden – mit eigenen Curricula und Promotionsstudiengängen. In Deutschland hat sich das Gebiet zuerst in einzelnen Fachbereichen, vor allem der Geschichte, den Sozialwissenschaften und den Literaturwissenschaften, durchgesetzt.

Berlin – und insbesondere die Humboldt-Universität – ist heute ein Zentrum der Geschlechterforschung in Deutschland. Mit der Gründung des interdisziplinären Studiengangs „Gender Studies“ an der HU wurde vor acht Jahren auch der multidisziplinären Perspektive der Geschlechterforschung Rechnung getragen. Es gibt heute mehrere Professuren mit einem Schwerpunkt in der Geschlechterforschung: in Soziologie, Jura, Germanistik, Kulturwissenschaft, Theologie. Zuletzt wurde eine Professur zum Thema Gender und Globalisierung eingerichtet. An der Charité entstand das Zentrum „Gender in Medicine“. Im kommenden Winter nimmt ein neuer Aufbaustudiengang „Health and Society. International Gender Studies Berlin“ die ersten Studierenden auf.

Die Bundesregierung richtete an der Humboldt-Universität ein Genderkompetenzzentrum ein, das Politik und Wirtschaft berät und Erkenntnisse aus der Geschlechterforschung für Gesetzgeber, Verwaltung und Verbände übersetzt. Die DFG richtete zwei Graduiertenkollegs ein.

Für dieses vielfältige Angebot hat sich ein informelles Netzwerk der Geschlechterforschung gebildet, das sich auch auf die anderen Berliner Universitäten erstreckt. Von diesem Netzwerk gehen immer wieder neue Impulse in den akademischen Betrieb aus, die auch dazu beitragen, eine Brücke zwischen Alma mater und Außenwelt zu schlagen. Ein solches informelles Netz verlangt nach Verstetigung, nach struktureller Verankerung in der akademischen Landschaft. Deshalb hat die Humboldt-Universität beschlossen, eine Graduiertenschule zum Thema „Transdisziplinäre Geschlechterstudien“ ins Rennen um die bundesweite Exzellenz-Förderung zu schicken.

Sie verbindet zwei relevante wissenschaftliche Querschnittsaufgaben: erstens Fokussierung auf die Kategorie Geschlecht als Grundlage von Wissens- und Herrschaftsstrukturen; zweitens die transdisziplinäre Forschung jenseits einer Fächerbeschränkung, die der zunehmenden Komplexität gesellschaftlicher Anforderungen an die Wissenschaft nicht mehr gerecht wird. Daneben sollen auch Schlüsselkompetenzen wie Forschungsmanagement und Wissenstransfer vermittelt werden. Viele ausländische Studierende sollen für ein Jahr oder für eine Summer School nach Berlin kommen. Vorgesehen ist auch die Vernetzung mit anderen Berliner, bundesweiten und internationalen Geschlechterforschungsprogrammen.

Sogar eine Zeitschrift soll entstehen, auf Deutsch und Englisch werden in „Matrix“ die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt. Insgesamt soll so Grundlagenforschung auf einem bisher vernachlässigten Gebiet der Wissensgeschichte betrieben werden. Auch die traditionellen Fächer sollen von den Innovationsimpulsen profitieren, die von der Geschlechterforschung ausgehen.

Der amerikanische Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn hat schon vor 20 Jahren die „Gender and Science“-Debatte als den wichtigsten Paradigmenwechsel in der Wissenschaftsgeschichte der letzten Jahrzehnte bezeichnet. An der Humboldt-Universität schlägt die Wissenschaft Funken aus diesem Paradigmenwechsel.

Die Autorin ist geschäftsführende Direktorin des Zentrums für interdisziplinäre Geschlechterstudien.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben