NS-Zeit : Akademie der Wissenschaften Berlin arbeitet Geschichte auf

Lange blieb die Rolle unbeleuchtet, die die Berliner Akademie der Wissenschaften unter dem NS-Regime spielte. Nun stellt sich die BBAW ihrer Vergangenheit.

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Bild des Kunsthistorikers Adolph Goldschmidt, der die Akademie 1938 verlassen musste.
Erzwungener Austritt. Der Kunsthistoriker Adolph Goldschmidt musste die Akademie 1938 verlassen.Foto: BBAW-Archiv/Fotosammlung

Ob Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 nun als „Machtübertragung“ oder „Machtergreifung“ zu bezeichnen ist: Sie geschah jedenfalls nicht von einem Tag auf den anderen. Es dauerte seine Zeit, bis alle Institutionen „gleichgeschaltet“ waren, unter anderem die Preußische Akademie der Wissenschaften. Gleich zu Beginn verlor sie Mitglieder aus Protest gegen das Nazi-Regime. Doch die erzwungenen Austritte erfolgten 1938. Ganz „auf Linie“ war die Akademie erst 1939, als sie mit dem überzeugten Nazi Theodor Vahlen einen regimetreuen Präsidenten aufgezwungen bekam – und akzeptierte.

Hinter diesem Kapitel der offenen Drangsalierung durch die NS-Größen versteckte sich die Akademie nach ihrer Wiedergründung als „Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin“ gern. Unbeleuchtet blieb die Rolle, die die Akademie selbst gespielt hatte. Keine rühmliche jedenfalls; zu den Austritten von Albert Einstein und dem russischen Mathematiker Abram F. Joffe schwieg sie.

Das Schweigen beendet jetzt eine Ausstellung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) im Treppenhaus ihres Gebäudes in der Jägerstraße. Unter dem Titel „Vertrieben aus rassistischen Gründen. Die Akademie der Wissenschaften 1933– 1945“ wird auf Texttafeln und in faksimilierten Dokumenten der Prozess der Gleichschaltung dargestellt, der zur Streichung von 14 Mitgliedern und zur Entlassung und Vertreibung von mindestens 15 Mitarbeitern führte. Dass von den Mitgliedern teils nicht einmal Passfotos aufzufinden waren, beleuchtet das Versäumnis der Jahrzehnte seit 1945, sich der eigenen Geschichte zu stellen.

Max Planck erfüllte die Direktiven des Regimes

Anlass dazu gibt es genug. Ab 1938 leitete der führende unter den vier „Beständigen Sekretären“, die im Turnus die Akademie organisatorisch leiteten, der Physiker Max Planck, die Direktiven der Nazis umstandslos an die Mitglieder weiter. Reichsminister Rust ordnete 1938 an, sämtliche Mitglieder auf ihre „Rassezugehörigkeit“ zu befragen. Rust schrieb in typischer Nazi-Drohgebärde: „Sollten die jüdischen Mitglieder, ebenso die Mischlinge und jüdisch versippten Mitglieder sich der Anregung gegenüber, ihre Mitgliedschaft von sich aus niederzulegen, ablehnend verhalten, so ersuche ich mir zu berichten, damit ich in diesen Fällen die Mitgliedschaft widerrufen kann.“

Aufgrund dieses Schreibens, dessen Inhalt Planck an alle Mitglieder weiterleitete, kam es zu den erzwungenen Austritten von sieben Akademikern, darunter der Kunsthistoriker Adolph Goldschmidt, der Historiker und Mitherausgeber der Akademie-Edition der „Acta Borussica“ Otto Hintze – der sich seiner jüdischen Frau wegen gegenüber der Akademie als „jüdisch versippt“ bezeichnete – und der Altphilologe und Religionshistoriker Eduard Norden. Norden schrieb am 12. Oktober 1938 an Planck, „dass mir keine andere Wahl bleibt, als meinen Austritt zu erklären“. Und er fügte den bewegenden Satz hinzu: „Die Ehre, dass ich der Akademie 26 Jahre als Ordentliches Mitglied habe angehören dürfen, bleibt mein unverlierbares Besitztum.“

Mitarbeiter Paul Abraham wurde in Auschwitz ermordet

Wer nicht austrat, wurde schließlich stillschweigend aus der Mitgliederliste gestrichen, so der Anthropologe Franz Boas und die Physiker und Nobelpreisträger James Franck und Max Born. Der Chemiker Fritz Haber, Erfinder der deutschen Giftgaswaffen im Ersten Weltkrieg und dennoch Nobelpreisträger des Jahres 1919, verstarb bereits 1934; der Ägyptologe und als „Vierteljude“ gebrandmarkte Adolf Erman 1937. Ihnen blieb ein förmlicher Ausschluss erspart.

Unter den Mitarbeitern, deren Schicksal von der BBAW überhaupt erstmals erhellt wird, ist besonders tragisch der Lebensweg von Paul Abraham, der am „Vocabularium Iurisprudentiae Romanae“ mitwirkte. Seine Arbeitsunterlagen verleibte sich die Akademie ein, als Abraham längst entlassen und verfemt war. Er blieb in Berlin, wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Die Akademie sah weg, schrieb Lise Meitner 1945

Nach der Wiedergründung der Akademie im Sommer 1946 wurden die ausgeschlossenen Mitglieder – fünf von 14 waren noch am Leben – schlicht angefragt, ob sie wieder „in der Liste der Mitglieder geführt“ werden könnten. Vier akzeptierten, einer nicht: Albert Einstein. Er telegrafierte aus Princeton, wo er am Institute for Advanced Study forschte: „Nach all dem Furchtbaren, das geschehen ist, sehe ich mich außerstande, das Anerbieten der deutschen Akademie anzunehmen. Einstein.“

Lise Meitner, die an Otto Hahns Forschungen zur Kernspaltung eng beteiligt war und im schwedischen Exil überlebte, schrieb 1945 über die Akademie: „Ihr habt nicht sehen wollen, es war zu unbequem.“ Dieser „Unbequemlichkeit“ stellt sich die BBAW, spät, aber immerhin. Eine ausführliche Publikation zu den Nachforschungen bleibt dringend anzumahnen.
Jägerstr. 22/23, bis 29. November. Mo–Fr 9–17 Uhr, Eintritt frei.

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