Offshore-Windkraftanlagen : Vogelfallen auf hoher See

Der "Tatort" hat auf das Thema aufmerksam gemacht. Rotierende Windräder sind auch fern der Küste gefährlich - für Vögel ebenso wie für Fledermäuse. Doch es gibt Wege, das Risiko zu verringern.

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Umstritten. Windräder auf dem Meer töten zahlreiche Zugvögel und vermutlich auch Fledermäuse.
Umstritten. Windräder auf dem Meer töten zahlreiche Zugvögel und vermutlich auch Fledermäuse.Foto: picture alliance / dpa

Windkraftanlagen gelten als Ikonen der Energiewende. Sie erzeugen preiswerten Strom ohne nennenswerten Ausstoß von Kohlendioxid. Doch immer wieder werden Vögel und Fledermäuse von den teils über 150 Meter in die Höhe ragenden Rotoren erfasst. Darauf machte der „Tatort“ am Sonntagabend einmal mehr aufmerksam. Der Schwerpunkt lag auf Offshore-Windkraftanlagen und ihrer womöglich katastrophalen Wirkung auf Zugvögel und Schweinswale. Doch was sind Fakten und was Fiktion?

Wie viele Vögel in Offshore-Windkraftanlagen zu Tode kommen, sei „nicht messbar“, sagt Ommo Hüppop, der seit 1988 die Vogelwarte Helgoland leitet und den Vogelzug über die Deutsche Bucht erforscht. „An Land kann man Kadaver unter den Windrädern zählen, das geht auf See nicht.“ Dennoch wissen Forscher, dass Vögel hauptsächlich während des Frühjahrs- und Herbstzuges mit den Anlagen kollidieren – meist in Nächten und wenn zudem schlechtes Wetter die Sicht nimmt. „Die meisten Vögel sehen nachts so schlecht wie wir“, sagt Hüppop. „Wenn sie bei plötzlich einsetzendem Nieselregen oder Nebel dann die Positionslichter der Windkraftanlagen sehen, fliegen sie darauf zu.“ Das gelte vor allem für Landvögel wie Drosseln, Stare, Lerchen, Pieper, die die Deutsche Bucht überqueren und nicht auf dem Wasser landen können. „Das liegt auch daran, dass die Lichter viel heller sind als Positionslichter an Land, da sie auch Schiffe vor den Anlagen warnen sollen.“

Beleuchtung reduzieren

Machtlos hinnehmen müssten die Betreiber die Kollisionen indes nicht. Schon seit Jahren schlägt Hüppop vor, zum einen die Beleuchtung so zu verändern, dass Vögel nicht mehr angelockt werden. Zum Beispiel durch die Lichtfarbe und kurzes Blinken mit langen Pausen. „Man könnte die Beleuchtung nur dann einschalten, wenn sich ein Schiff nähert“, sagt Hüppop. In Nächten mit besonders schlechter Sicht könnten die Anlagen vorsorglich ausgeschaltet werden. Doch internationale Bestimmungen schreiben bislang Dauerbeleuchtung von Hindernissen vor.

An Land ist das kein Problem und längst gängige Praxis. Auf See könnten automatische Warnsysteme heranfliegende Vögel erfassen und die Anlagen abschalten. „Allerdings ist das technisch keineswegs trivial, insbesondere bei schlechter Sicht“, sagt Hüppop. Neben Radar- und optischen Ortungssystemen schlägt der Forscher daher auch akustische Methoden vor: „Viele Arten haben Zug-Rufe, die als Warnung für niedrigfliegende Vögel dienen könnten.“

Fische verlassen das Gebiet - weniger Futter für Vögel

Die Rotoren sind allerdings nicht die einzige Gefahr für Vögel. Der britische Forscher Martin Perrow von der Firma Ecological Consultancy hat herausgefunden, dass sich Heringsschwärme aufgrund der lauten Bauarbeiten für den „Scroby Sands“ Offshore-Park östlich von England aus den Jagdgründen der Zwergschwalbe entfernt haben. Die Vögel ließen daher ihre Brut im Stich. „Wir wissen, dass in der Deutschen Bucht 20 000 Seetaucher überwintern, die sehr störungsempfindlich sind und für die die Windparkgebiete als Futtergebiete daher dauerhaft ausfallen“, sagt Hüppop. Das Ausweichen in andere Futtergebiete kostet Kraft, was wiederum die Sterblichkeit erhöht.

Die zentrale Frage sei aber, wann der Tod einzelner Vögel in den Windparks den Bestand einer Art gefährdet. Für Onshore-Anlagen haben Analysen gezeigt, dass Windräder den Beständen von Seeadlern und Rotmilanen in einigen Regionen gefährlich werden können, sagt Hüppop. „Aber solche Analysen sind für Offshore-Anlagen sehr schwierig.“

Fledermäuse werden innerlich zerfetzt

Noch schlechter erforscht ist ihre Wirkung auf Fledermäuse. Bei Windrädern auf dem Land wurden umfangreiche Untersuchungen gemacht – mit teils alarmierenden Ergebnissen. Tausende Tiere kommen dort jährlich zu Tode, in den meisten Fällen durch ein „Barotrauma“. Durch Luftdruckunterschiede nahe des Rotorblattes werden die inneren Organe der Tiere zerrissen. Christian Voigt vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) vermutet, dass wandernde Fledermäuse auch an Offshore-Anlagen sterben. Es gebe mehrere Berichte, dass die Tiere auch weite Strecken über Wasser zurücklegen.

„Auf See sind wesentlich mehr dieser Tiere unterwegs als man vermutet hat, und zwar verschiedene Arten wie Mücken- sowie Teichfledermäuse“, bestätigt Lothar Bach aus Bremen, der als selbstständiger Biologe Gutachten erstellt und auf Fledermäuse spezialisiert ist. Mithilfe von Ultraschallsensoren und Wärmebildkameras haben er und weitere Forscher das Verhalten der Tiere vor allem im Ostseeraum studiert. Dabei zeigte sich, dass nicht jede Fledermaus in Rotornähe verloren ist. Im Gegenteil: „Je nach Wetter gibt es zahlreiche Insekten, die in der Nähe der Anlagen umherfliegen – und auf die machen Fledermäuse Jagd“, sagt er. „Immer wieder versuchen sie auch, dort zu landen, vermutlich um sich auszuruhen.“ Kollegen aus Dänemark und Schweden berichteten, dass früher sogar in den Gondeln Fledermäuse gefunden wurden. Inzwischen werden die Lücken verkleinert, damit keine mehr hinein kann.

"Deutschland steht in der Pflicht, diese Tiere zu schützen"

„Wie viele Tiere an den Anlagen umkommen, können wir nicht sagen“, sagt Bach. IZW-Forscher Christian Voigt betont, dass der Forschungsbedarf noch sehr groß ist, gerade im Hinblick auf die vielen Windfarmen, die noch gebaut werden. Insgesamt 17 hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie in Nord- und Ostsee genehmigt, fast alle werden je 80 Windräder umfassen. „Deutschland steht aufgrund seiner zentralen Lage in Europa besonders in der Pflicht, wandernde Arten wie Fledermäuse aber auch Zugvögel zu schützen“, sagt Voigt. „Ich habe den Eindruck, dass einige Anlagenbetreiber bei diesem Thema eine Augen-zu-und-durch-Mentalität haben und darüber gar nicht so viel wissen wollen.“

Dabei gibt es einige Möglichkeiten, um Energiewirtschaft und Umweltschutz einander anzunähern. Für das Festland wurden inzwischen Vorschriften erstellt, wonach bestimmte Windräder je nach Wetter und Tageszeit abgeschaltet werden müssen, um Fledermäuse zu schonen. „Bei Offshore-Anlagen wird das nicht getan“, sagt Voigt. „Noch nicht.“

Auch außerhalb der Rotorreichweite, im Wasser, können Windkraftanlagen Tiere beeinträchtigen. Wenn die Fundamente in den Meeresboden gerammt werden, entsteht ein höllischer Krach, unter dem vor allem Schweinswale leiden. Bei einem Versuch in einem Becken, bei dem ein Tier mit unterschiedlich starken Geräuschen beschallt wurde, zeigte sich: Bereits bei Lärm, der einer Entfernung von mehreren Zehnerkilometern entsprach, nahm die Atemfrequenz zu. Bei intensiveren Lautstärken sprang der Schweinswal sogar häufiger als sonst aus dem Wasser. Inzwischen werden „Blasenschleier“ eingesetzt, um die Lärmbelastung während des Baus zu senken. Dabei handelt es sich um eine „Wand“ aus Luftblasen, die um die Baustelle herum errichtet wird.

Für manche Tiere sind die Windparks durchaus nützlich

Auch wenn solche Maßnahmen nicht jeden Wal oder Vogel werden schützen können, ist es aus Hüppops Sicht falsch, Windkraftanlagen zu verbieten. „Es hilft uns ja nichts, jede Form der Energiegewinnung zu verdammen.“ Schließlich brächten alle ihre Nachteile für die Umwelt, auch die erneuerbaren. So habe der Anbau von Nutzpflanzen für die Biogaserzeugung zum Beispiel dazu geführt, dass kaum noch Äcker brach liegen. Was viele Vogelarten, wie zum Beispiel Feldlerchen, stark in Mitleidenschaft gezogen habe. Außerdem sind die Windparks für manche Tiere sogar von Nutzen. An den Fundamenten tummeln sich Muscheln, die normalerweise auf harten Steinen oder Hölzern siedeln, Fische finden zwischen den Pfeilern Schutz vor Fangflotten, und Seehunde und Kegelrobben können dort in Ruhe jagen.

„Als Forscher müssen wir Lösungen finden“, sagt Hüppop. So sei das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, das für die Zulassung von Windkraftanlagen zuständig ist, immerhin der Empfehlung gefolgt, Offshore-Anlagen möglichst nicht in Küstennähe zu bauen, wo der Vogelzug generell intensiver ist. „Mit solchen Maßnahmen kann der Eingriff von Windkraftanlagen in die Natur angemessen reduziert werden.“

Energiewende als Stoff für den "Tatort": Lesen Sie hier den Leitartikel zum Thema.

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