Online-Vorlesungen und die Folgen : MOOCs bedrohen kleine US-Unis

Die "Revolution" der frei zugänglichen Online-Vorlesungen fordert ihre ersten Opfer. In den USA fürchten kleine Hochschulen, der digitale Wandel könnte ihre Existenz bedrohen.

Michael Krause
Ein Student sitzt mit seinem Laptop auf dem Rasen vor der Uni.
Elite für alle. An staatlichen kalifornischen Unis werden klassische Einführungsvorlesungen in Jura gestrichen und durch den...Foto: mauritius images

„Weltweit stehen die Unis vor einer Revolution.“ So titelte der englische „Guardian“ kürzlich und fuhr fort: „Endlich wird Spitzenlehre allen Menschen zugänglich. Unabhängig davon, wo sie wohnen, und unabhängig davon, wie viel Geld sie haben.“ Gemeint mit der „Revolution“ waren „MOOCs“, Massive Open Online Courses. Das sind im Internet frei verfügbare Vorlesungen zumeist renommierter Hochschulen. US-Spitzenunis wie Harvard, Stanford oder Berkeley bieten inzwischen Dutzende solcher Kurse an. Zehntausende aus der ganzen Welt nehmen daran teil, an den beliebtesten Kursen manchmal sogar Hunderttausende. Die Professorin oder der Professor kommt dabei quasi zu den Studierenden nach Hause. Denn die Vorlesungen werden in oft aufwendig produzierten Filmen online übertragen und sind zu jeder Zeit abrufbar. Im Chat können sich die Studierenden über den Unterrichtsstoff austauschen, Tutoren oder Professoren befragen und Abschlussprüfungen ablegen.

Tatsächlich haben die MOOCs, die ihren Ursprung in den USA haben, einen rasanten Aufschwung genommen. Erst Anfang 2012 wurden im Umfeld der Privatuniversität Stanford die ersten Plattformen „Udacity“ und „Coursera“ für Onlinevorlesungen gestartet. Den Gründern ging es um nicht weniger als den kostenfreien, weltweiten Zugang zum Wissen der Hochschulen. Seither ist viel Risikokapital in diese Unternehmen geflossen. Die schnellen Erfolge halfen dabei, etwa die Stanford-Vorlesung des Udacity-Gründers Sebastian Thrun über Künstliche Intelligenz, für die sich 160 000 Teilnehmer eingeschrieben haben. Heute hat allein die Plattform Coursera über vier Millionen Nutzer.

Es gehört allerdings zum Wesen von Revolutionen, dass sie neben Gewinnern auch Verlierer produzieren. In den USA, wo der digitale Wandel deutlich schneller voran geht als in Deutschland, fürchten zumal kleinere Unis, die MOOCs könnten sie bald in ihrer Existenz bedrohen. Was als „aufregendes Experiment“ begann, wird zunehmend als „Lösung für die Budget- und Zugangskrise“ des Hochschulsystems präsentiert, konstatiert etwa Christopher Newfield, Englisch-Professor in Kalifornien. Tatsächlich hat Anfang des Jahres das Council on Higher Education, der Dachverband amerikanischer Universitäten, damit begonnen, erste MOOCs als Äquivalent zu Präsenzveranstaltungen anzuerkennen. Der Bundesstaat Kalifornien will den Einsatz von MOOCs an staatlichen Hochschulen künftig sogar per Gesetz verankern.

Der Wissenschaftsrat arbeitet an einer Empfehlung zu MOOCs

Auch in Deutschland ist das Interesse an den US-Entwicklungen im Bereich Online-Vorlesungen groß, sagt Nicolas Apostolopoulos, Leiter des Center für Digitale Systeme (CeDiS) an der Freien Universität Berlin: „Der Wissenschaftsrat hat eine Arbeitsgruppe für technologiebasierte Lehre ins Leben gerufen.“ Sie soll bis Ende des Jahres prüfen, welche Potenziale sich aus den neuen technischen Entwicklungen für die Hochschullandschaft ergeben. Und auch an der FU werden in nächster Zeit Empfehlungen für den Einsatz von MOOCs erarbeitet. Neu daran sind im Vergleich zu früheren Online-Vorlesungen vor allem die gestiegenen Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Teilnehmern sowie mit den Lehrenden. Außerdem sind sie meist in kleinere, didaktisch sinnvollere Abschnitte von zehn bis zwanzig Minuten gegliedert, die mit Begleitmaterial und Verständnistests flankiert werden.

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