Organspende : Herzzentrum Berlin soll bei Transplantationen manipuliert haben

Kommissionen finden Hinweise auf Verstöße und Manipulationen in 14 Fällen am Deutschen Herzzentrum Berlin. Ziel der Falschangaben war, Patienten bei der Organvergabe einen Vorteil zu verschaffen.

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Durch die Transplantationsskandale der letzten Jahre sinkt die Bereitschaft, Organe zu spenden.
Schlechtes Image. Durch die Transplantationsskandale der letzten Jahre sinkt die Bereitschaft, Organe zu spenden.Foto: dpa

Am Deutschen Herzzentrum Berlin wurde „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ systematisch manipuliert, um Patienten bei der Vergabe von Organen einen Vorteil zu verschaffen. Insgesamt 14 Verstöße habe man bei 106 Herztransplantationen aus den Jahren 2010 bis 2012 festgestellt, sagte Anne-Gret Rinder, Leiterin der Prüfungskommission der medizinischen Spitzenverbände, am Dienstag vor der Presse. Das Herzzentrum war im April und Juli 2014 von den Prüfern kontrolliert worden. Grundlage dafür ist das nach dem Skandal um Manipulationen bei der Leberverpflanzung 2012 verschärfte Transplantationsgesetz. Es schreibt regelmäßige Überprüfungen aller Transplantationszentren vor.

Die von der Prüfungs- und der Überwachungskommission aufgedeckten Verstöße zielten offenbar darauf ab, den Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan einen „HU“ (High Urgency, höchste Dringlichkeit)-Status zu geben. HU-Patienten sind die ersten, die bei Vergabe eines Spenderorgans berücksichtigt werden. Kranke mit lebensbedrohlicher Pumpschwäche des Herzens benötigen Katecholamine wie Dobutamin oder ähnlich wirkende Kreislaufmittel wie Milrinon. Das Verabreichen dieser Substanzen in hoher Dosis führt zum HU-Status.

In vier Fällen wurde auf dem HU-Antrag vom Herzzentrum ein höherer Katecholamin-Wert angegeben als tatsächlich verordnet, wie aus dem Kommissionsbericht hervorgeht: also zum Beispiel 7,86 Mikrogramm Dobutamin (oberhalb des Grenzwerts für den HU-Status) statt der tatsächlich verabreichten 4,5 Mikrogramm (unterhalb des Grenzwerts).

Komplikationen, Infektionen oder Blutungen wurden angegeben

Bei sechs weiteren Fällen fanden sich Hinweise darauf, dass die Patienten „pünktlich“ zum HU-Antrag hohe Dobutamin- oder Milrinondosen erhielten. Sie wurden nach Antragsabgabe wieder gesenkt oder ganz abgesetzt. Vier Fälle betrafen Kreislauf-Unterstützungspumpen („Kunstherz“). Unterstützungspumpen entlasten das Herz bei der Arbeit und bessern die Symptome, so dass die Patienten normalerweise nicht den HU-Status erhalten. Komplikationen mit der Pumpe, etwa Infektionen, Blutungen oder Schlaganfälle, können jedoch wieder einen HU-Antrag rechtfertigen.

Nach Erkenntnissen der Prüfer wurde in zwei Fällen im HU-Antrag eine Infektion behauptet, die nicht vorlag. In einem weiteren wurden Magen-Darm-Blutungen angegeben, für die es in der Krankenakte keine Hinweise gab. In einem vierten Fall wurde ein Versagen der rechten Herzkammer behauptet, das aus den Unterlagen nicht ersichtlich war.

Die für zahlreiche HU-Anträge zuständige Oberärztin des Herzzentrums war bei den Prüfungen der Kommissionen nicht anwesend. Eine Ladung zur Anhörung sagte sie schriftlich ab. Der Kommissionsbericht kritisiert auch die Reaktion des Herzzentrums, dass in Zusammenhang mit den unrichtigen Katecholaminangaben „auf eine einzuholende Stellungnahme der Oberärztin verweist“, statt selbst Angaben zu machen. „Es ist nicht einsichtig, aus welchen Gründen dem Deutschen Herzzentrum Berlin eine eigene Stellungnahme zu den Feststellungen der Kommissionen nicht möglich ist“, heißt es im Kommissionsbericht. Wegen laufender staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen gebe man keine Auskünfte, teilte eine Sprecherin des Herzzentrums dem Tagesspiegel mit.

Weder Kinder noch Privatpatienten wurden bevorzugt

Nicht beanstandet wurden die überprüften zwölf Fälle von Herzverpflanzungen bei Kindern. Außerdem fanden sich keine Hinweise, dass Privatpatienten bevorzugt transplantiert wurden.

Insgesamt zogen die Prüfungs- und die Überwachungskommission bei der Vorstellung ihres Jahresberichts 2013/14 eine positive Bilanz. Bisher wurden bundesweit insgesamt 33 (von 48) Transplantationszentren und 60 (von 141) Transplantationsprogramme geprüft. Wie die Gesamtbilanz bei der Herztransplantation aussehen wird, ist vorerst offen. Im Gegensatz zu Berlin fanden die Prüfer in Bad Nauheim, Hamburg, Regensburg und Würzburg keine Verstöße. Kontrollen in München-Großhadern und Gießen sind noch nicht abgeschlossen.

Bei Nierenplantationen gab es bislang keine Anhaltspunkte für systematische Verstöße oder Manipulationen. Vereinzelte unrichtige Mitteilungen an die Vermittlungsstelle Eurotransplant seien unabsichtlich und auf Dokumentationsfehler zurückzuführen. Gar keine Auffälligkeiten waren bei Verpflanzungen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) festzustellen.

Das Misstrauen der Öffentlichkeit soll reduziert werden

Die Prüfberichte sollen helfen, das Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber der Transplantationsmedizin abzubauen. „Wir wollen Vertrauen wiedergewinnen“, sagte Hans Lippert, Vorsitzender Überwachungskommission. Die Diskussion sei wieder sachlicher geworden, doch werde die Transplantationsmedizin immer ein „sensibler Bereich“ bleiben.

Auch für die zukünftigen Richtlinien in der Transplantationsmedizin seien die Prüfungen wichtig, sagte Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer. So arbeite man an einem neuartigen medizinischen Kriterienkatalog für die Vergabe von Spenderherzen, einem „Score“, wie es ihn bereits in der Lungen- und Lebertransplantation gebe. Dabei wolle man versuchen, ein Gleichgewicht zwischen dem bislang vorherrschenden Maßstab der „Dringlichkeit“ und der „Erfolgsaussicht“ herzustellen. Denn manche Patienten sind so schwer erkrankt, dass ihnen ein Organ kaum noch hilft.

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