Palliativmedizin : Hilfe am Lebensende

Nicht immer ist die ambulante Versorgung Todkranker der stationären vorzuziehen - auch wenn es die Bertelsmann-Stiftung suggeriert.

von
Zuwendung. Eine Betreuerin hält im Stuttgarter Hospiz St. Martin die Hand einer todkranken Bewohnerin.
Zuwendung. Seelische Betreuung nimmt großen Raum bei der palliativmedizinischen Versorgung ein.Foto: picture alliance / dpa

Wenn Wunsch und Wirklichkeit eklatant auseinanderklaffen, ist das stets bedenklich. Geht es dabei um das Sterben – das sich in gesunden Tagen ohnehin keiner herbeisehnt – ist eine solche Diskrepanz noch schmerzlicher. Drei Viertel aller älteren Menschen wünschen sich, zu Hause zu sterben, nur jeder Fünfte aber beendet hier sein Leben. Die Zahlen, die im Tagesspiegel zu lesen waren, entstammen einem Faktencheck Gesundheit, für den die Bertelsmann-Stiftung drei Studien auswertete: Die Untersuchung „Sterbeort Krankenhaus – Regionale Unterschiede und Einflussfaktoren“ von Karsten Zich aus dem Iges-Institut, die Studie „Strukturen und regionale Unterschiede in der Hospiz- und Palliativversorgung“ von Heiner Melching von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und eine Analyse der Über- und Unterversorgung am Lebensende vom Bonner Palliativmediziner Lukas Radbruch.

Nur sechs Prozent der älteren Bundesbürger sagen, dass sie ihre allerletzte Lebenszeit in einem Krankenhaus verbringen möchten. 45,7 Prozent der Menschen sterben allerdings heute in Deutschland genau dort. In der Hauptstadt sind es sogar 48,8 Prozent. Dass bundesweit nur 30 Prozent der Sterbenskranken palliativmedizinisch versorgt werden, spricht auf jeden Fall für eine deutliche Unterversorgung. Und Berlin schneidet hier in der Datensammlung der Stiftung besonders schlecht ab.

Doch es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Denn bei der Spezialisierten Ambulanten Palliativ-Versorgung (SAPV), auf die Kranke ein Anrecht haben, wenn ihr Leiden in absehbarer Zeit zum Tod führen wird und seine Behandlung besondere Fachkompetenz erfordert, steht Berlin recht gut da. Und hier war die Hauptstadt auch Vorreiter. Schon 1992 wurde die häusliche Versorgung unheilbar Krebskranker als Pilotprojekt in einer onkologischen Schwerpunktpraxis eingeführt. Der gemeinnützige Verein Home Care Berlin e.V. organisiert und berät seit fast 23 Jahren unermüdlich.

Die ambulante Versorgung Schwerkranker ist an der Leistungsgrenze

„Wir stoßen allerdings mit der Versorgung in Berlin an unsere Grenzen, weil die Patientenzahl ständig steigt“, sagt die Geschäftsführerin Simona Blankenburg. Waren es im Jahr 2011 noch 4304 Sterbenskranke, die in Berlin von 87 Ärzten mit SAPV-Zulassung zu Hause behandelt wurden, so sind es im letzten Jahr schon 5622 gewesen, aber nur fünf Ärzte mehr. Auch Pflegekräfte, die sich mit der ambulanten Palliativpflege fachlich auskennen, sind rar und angesichts ihrer anspruchsvollen Aufgaben und des 24-Stunden-Bereitschaftsdienstes schlecht bezahlt. „Wir haben jeden Tag Anrufer am Telefon, die nicht versorgt werden können“, sagt Blankenburg. „Unsere Mitarbeiter sind an der Leistungsgrenze.“

Der Plan B, zu dem die Geschäftsführerin den Anrufern dann oft rät, ist die Klinik. Sie tue das heute mit einem wesentlich besseren Gefühl als früher, sagt Blankenburg. „Hier hat sich in den letzten Jahren wirklich etwas zum Guten verändert.“ In den Palliativstationen, die häufig den Abteilungen für Krebsmedizin zugeordnet sind, sind die Zimmer wohnlicher als im übrigen Gebäude, alle modernen Therapien stehen bei Bedarf zur Verfügung, die Ärzte und Pflegekräfte sind auf die Bedürfnisse von Menschen in der letzten Lebensphase spezialisiert, die Angehörigen dürfen rund um die Uhr da sein. Viele unter den 94 Prozent der Befragten, die angeben, auf keinen Fall in einem Krankenhaus sterben zu wollen, kennen möglicherweise noch keine dieser Stationen von innen. (Das wurde in den Erhebungen nicht erfragt.)

Eine Krankheit kann häusliche Pflege unmöglich machen

„Es gibt Krankheits-Verläufe und persönliche Umstände, die es schwierig oder sogar unmöglich machen, die letzte Lebensphase im häuslichen Umfeld zu verbringen“, sagt die Anästhesistin und Schmerzspezialistin Myriam Kaiser, die im Vivantes-Klinikum Spandau auf der Palliativstation arbeitet. Wer in gesunden Tagen befragt werde, könne sich das oft noch nicht vorstellen. Ihrer Erfahrung nach fühlen sich einige Sterbenskranke durchaus in der Rund-um-die-Uhr-Sicherheit des Krankenhauses geborgen und empfinden es für sich als passender, dort statt zu Hause gepflegt zu werden. Oder sie möchten in der letzten Lebensphase in einem Hospiz betreut sein.

Die überwiegende Mehrheit der Menschen brauche vor dem Tod palliativmedizinische Unterstützung, meint die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin. Leben sie zu Hause oder in einem Pflegeheim, so geht es dabei meist um die Allgemeine Ambulante Palliativ-Versorgung (AAPV), eine Domäne der Hausärzte. Dass es zu ihnen eine Jahrzehnte alte Vertrauensbeziehung gibt und dass sie wirklich Hausbesuche machen, ist allerdings in den Großstädten eher selten.

Thomas Schindler, ein Pionier von Home Care Berlin, ist Allgemeinmediziner mit der Zusatzbezeichnung Palliativmedizin, zu seinem Alltag gehören AAPV wie SAPV. Als „Arzt im Einsatz“ kennt er inzwischen eine beträchtliche Zahl Berliner Wohnhäuser von innen. Einigen Menschen, die er dort besucht hat, vor allem hochbetagten allein Lebenden, musste er aber schon raten, sich ein gutes Pflegeheim oder ein Hospiz zu suchen.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben