Placebos : Keine reine Glaubensfrage

Alles Einbildung. Die zwei Wörter fallen schnell, wenn es um Placebos geht. Das jedoch ist nur die halbe Wahrheit, betonte der Turiner Neurowissenschaftler Fabrizio Benedetti gestern auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.

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Denn es gibt mehr als einen Placeboeffekt. Und nur ein Teil davon hat mit den Erwartungen des Patienten zu tun. Das Gehirn lernt auch völlig unbewusst, auf ein Placebo zu reagieren – egal, ob man nun an die Wirkung eines Medikamentes glaubt oder nicht. Dagegen ist niemand gefeit, nicht einmal Benedetti selbst.

Ein Selbsttest machte ihm das überraschend deutlich. Wie bei allen anderen Versuchsteilnehmern auch klebten seine Kollegen kleine Elektroden auf die Hand von Benedetti und versetzten ihnen einige schmerzhafte Stromschläge. So fühlt sich das normalerweise an, registrierte der Körper. Anschließend rieben die Forscher die Stelle mit einer Salbe ein und verringerten die Intensität der Stromschläge; der Trick gaukelte dem Körper vor, dass die wirkstofffreie Salbe extrem gut und schnell hilft.

Das Täuschungsmanöver funktionierte. Nach einigen Übungsrunden konnte die Placebosalbe tatsächlich Schmerzen lindern, auch wenn die Stromschläge gleich stark blieben. So wie Pawlows Hunden das Wasser im Maul zusammenlief, wenn sie eine Klingel hörten, hatten die Versuchsteilnehmer die Verbindung zwischen Salbe und weniger Schmerz verinnerlicht. Sie waren konditioniert und schütteten nun körpereigene Opiate gegen den Schmerz aus. „Ich war keine Ausnahme“, sagt Benedetti. Dabei kannte er jedes Detail des Experiments und gilt als einer der wichtigsten Placeboforscher weltweit.

Das Wissen um solche Mechanismen beeinflusst nur bewusste Erwartungen. Wer davon ausgeht, dass ihm geholfen wird und dem Arzt oder einem Medikament vertraut, hat weniger Angst und spürt zum Beispiel weniger Schmerzen. Konditionierung dagegen funktioniert unbewusst. Diese Form des Lernens kann neben der Schmerzempfindung noch ganz andere Vorgänge im Körper steuern, darunter das Immunsystem oder die Ausschüttung bestimmter Hormone.

Benedetti geht es nicht darum, dass Ärzte ihren Patienten nun Zuckerpillen verschreiben sollten. „In Ausnahmefällen kann das sinnvoll sein, etwa wenn man bei Schmerzpatienten die Morphindosis verringern will und aller paar Tage das echte Mittel mit einem Placebo vertauscht“, sagt er. Trotzdem ist er froh, dass sich das Wissen um die Placeboeffekte in den letzten Jahren unter der Ärzteschaft herumgesprochen hat. Denn bei jedem Medikament gesellen sich zur eigentlichen Wirkung des Mittels auch Placeboeffekte.

Bei Antidepressiva sei das besonders deutlich. Viele dieser Mittel können sich in klinischen Studien nur schwer gegen reine Placebos durchsetzen. Doch ausgerechnet hier stößt auch die Placeboforschung an ihre Grenzen. „Es ist extrem schwer und ethisch fragwürdig, sich dazu ein passendes Experiment einfallen zu lassen“, sagt Benedetti.

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