Plagiate im Studium : „Ein Ehrenkodex könnte helfen“

Donald McCabe ist der bekannteste Plagiatsforscher der USA. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen - und über aussichtsreiche Strategien gegen das Abschreiben.

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Wer ehrlich arbeitet, wird frustiert, wenn andere mit Copy&Paste durchkommen, sagt McCabe.
Wer ehrlich arbeitet, wird frustiert, wenn andere mit Copy&Paste durchkommen, sagt McCabe.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Herr McCabe, als Plagiatsforscher haben Sie seit 2002 mehr als 133.000 Studierende an rund 100 akademischen Einrichtungen in den USA befragt. Mit welchen Formen des Betrugs haben es Colleges und Universitäten heute zu tun?

Bei Tests und Prüfungen wird nach wie vor geschummelt. Doch das Problem, das an Bedeutung gewinnt, ist das Plagiieren. Überaus problematisch ist, dass viele Studierende es nicht als Betrug ansehen, wenn sie sich fremder Texte bedienen, ohne diese zu kennzeichnen. Wenn sie beim Test abschreiben, haben sie ein Unrechtsbewusstsein. „Aber warum soll es falsch sein, einen Text aus dem Internet zu verwenden?“, fragen sie.

Wie erklären Sie sich diese Ignoranz?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Die einen plagiieren, obwohl man ihnen erklärt hat, dass das Unrecht ist. Aber es ist ihnen egal, sie sehen schlicht nicht ein, warum sie einen eigenen Text formulieren sollen, wenn schon alles dasteht. Die anderen sind verunsichert. Vielleicht haben ihnen einige Lehrer oder Dozenten gesagt, dass sie nicht mit Copy&Paste arbeiten dürfen. Aber einer hat sie gewähren lassen. Und auf diesen Einen werden sie sich berufen, wenn man sie erwischt.

Wie hoch ist die Quote derjenigen, die bis zum Bachelorabschluss betrogen haben?

Ich schätze sie auf 25 Prozent, aufgrund der hohen Dunkelziffer. In meinen anonymisierten Befragungen gibt im Schnitt nur einer von sieben Studierenden zu, unsauber gearbeitet zu haben. Das Problem dabei ist: Wie wird Betrug definiert, wenn viele Plagiate für legitim halten?

Donald McCabe, Plagiatsforscher an der Rutgers-Universität.
Donald McCabe, Plagiatsforscher an der Rutgers-Universität.Foto: Promo

Wie wirkt sich das auf die akademischen Standards aus?

Die Mehrheit der Studierenden arbeitet hart und ehrlich. Doch wenn diese Studenten mitbekommen, dass andere betrügen und ebenso gute Noten bekommen, reagieren sie frustriert. Das Schlimmste ist, wenn sich der systematische Betrug ausweitet, dieses Verhalten von Gruppe zu Gruppe überspringt.

Gibt es in den USA prominente Fälle wie den des deutschen Verteidigungsministers zu Guttenberg, dessen zu weiten Teilen plagiierte Doktorarbeit vor einem Jahr aufflog und der daraufhin zurücktrat?

Nein, bei uns ist das Thema bislang an den Hochschulen geblieben. So gab es vor einigen Jahren Anschuldigungen gegen die Miami University in Ohio. Dort sollen Professoren mit Billigung der Unileitung bei Betrug und Plagiaten weggeguckt haben. Das soll bis hin zu Masterarbeiten gegangen sein, die Uni wollte offenbar mit ihren guten Noten für sich werben.

Können Sie einen bestimmten Typ von Studierenden charakterisieren, der besonders anfällig für Betrugsversuche ist?

Nach meinen Studien sind männliche Studenten, die einen Ingenieur-Bachelor machen und den Master of Business Administration anstreben, besonders anfällig. Die Gründe dafür sind mir nicht ganz klar, womöglich handelt es sich um Leute, die besonders profitorientiert sind und fast alles tun würden, um diesen Karriereschritt zu schaffen. Hinzu kommt, dass der Ingenieurabschluss sehr anspruchsvoll ist und viele glauben, nachhelfen zu müssen.

Was läuft an den Hochschulen falsch, wenn viel betrogen wird?

Schädlich sind große Seminare mit wenig Kontakt zu den Lehrenden. Und Fakultätsmitglieder, die selber keinen Wert auf akademische Standards legen und etwa beim Austeilen von Unterlagen gegen das Urheberrecht verstoßen. Solange es den Professoren und Dozenten nicht gelingt, ihre Studenten mit guten Argumenten davon zu überzeugen, dass sie nicht betrügen dürfen, werden sie betrügen.

Wie groß ist das Risiko, erwischt zu werden? Nutzen alle Unis Plagiatssoftware?

Die Zahl derer, die „Turnitin“ oder Ähnliches verwenden, wächst, heute arbeitet etwa die Hälfte der Colleges und Unis damit. Aber immer sind es nur einige Mitglieder der Fakultät, die konsequent nach Plagiaten fahnden, und selbst sie scannen nur ein Paper im Semester. Doch die Taktik, den Studierenden Angst zu machen, ist ohnehin falsch. Helfen könnte ein Ehrenkodex. Solche Vereinbarungen sind nach den Studentenunruhen der 60er Jahre abgeschafft worden, kommen aber langsam wieder in Mode.

Donald McCabe (67), ist Professor und Plagiatsforscher an der Rutgers Universität (New Jersey). In dieser Woche stellte er seine Studien in Berlin, Bielefeld und Frankfurt am Main vor.

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