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Plagiate in der Wissenschaft : Guttenberg & Co. bleiben im Regal

27.11.2012 14:41 Uhrvon
Greifbar. Auch Plagiate gehören zur Wissenschaft, also in die Bibliothek, sagen Bibliothekare. Eine Kennzeichnung im Buch lehnen viele ab. Foto: TU Berlin/DahlBild vergrößern
Greifbar. Auch Plagiate gehören zur Wissenschaft, also in die Bibliothek, sagen Bibliothekare. Eine Kennzeichnung im Buch lehnen viele ab. - Foto: TU Berlin/Dahl

Universitäten verfolgen Plagiate in wissenschaftlichen Arbeiten – bis zum Entzug der Doktorwürde. Die Selbstreinigung der Wissenschaft reicht aber nur bis zur Schwelle der Bibliothek. Dort bleiben Plagiate im Regal, markiert werden sie meist nur im Online-Katalog.

Unter der Signatur PL 625 G985 steht im Lesesaal der Rechtswissenschaftlichen Bibliothek der Humboldt-Universität ein unscheinbarer Band zum Thema „Verfassung und Verfassungsvertrag: konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“. Der Autor ist Karl-Theodor zu Guttenberg. Das Buch ist für jedermann greifbar. Einen Hinweis darauf, dass dem ehemaligen deutschen Verteidigungsminister 2011 der Doktortitel entzogen wurde, weil seine Dissertation von Plagiaten durchsetzt ist, findet sich nicht in dem Band. Gut denkbar, dass ein Jura-Student in einigen Jahren ahnungslos zu dem Buch greift, um daraus zu zitieren.

Fakultäten und ihre Promotionskommissionen betreiben einen großen Aufwand, um Plagiatoren zu überführen.

In den Bibliotheken findet dies offenbar keine Entsprechung. Der Sinn solcher Verfahren liegt darin, verletzte wissenschaftliche Standards wiederherzustellen und gewissermaßen die faulen Eier aus dem System zu entfernen. Unter Berufung auf diesen hehren Anspruch befasst sich etwa die Universität Düsseldorf noch nach mehr als 30 Jahren mit der Dissertation von Bundesministerin Annette Schavan, die sich nun um ihren Doktortitel Sorgen machen muss.

Doch bis in die Bibliotheken reicht die Selbstreinigung der Wissenschaft nicht. Während die betroffenen Wissenschaftsverlage beanstandete Titel umgehend aus dem Programm nehmen, bleiben die plagiierten Werke in den Regalen. Sie werden nicht einmal durchgehend und transparent als Plagiate gekennzeichnet, wie Andreas Degkwitz, Direktor der Universitätsbibliothek der HU, auf Anfrage eingesteht. Im Fall Guttenberg wird nur gewarnt, wer die Dissertation über den Online-Katalog sucht. Als Anmerkung steht dort in zwei klein gedruckten Zeilen: „Entzug des Doktorgrades am 23. Februar 2011 durch die Promotionskommission der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth.“

Bibliotheksdirektor Degkwitz verteidigt dieses Vorgehen. „Der Katalog ist das Zugangsinstrument für Nutzer der Bibliothek, die wissenschaftlich arbeiten.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ans Regal gehe, sich ein wegen Plagiierens beanstandetes Buch greife und ahnungslos daraus zitiere, sei „sehr gering“. Eine Seite mit einem Hinweis auf die Plagiate und den Entzug der Doktorwürde einzukleben oder die betroffenen Werke zu stempeln wäre „nicht nachhaltig“, sagt Degkwitz. Solche Hinweise könnten herausgerissen werden. Ein Vermerk im Online-Katalog dagegen sei dauerhaft. Eine ernsthafte wissenschaftliche Arbeit müsse zudem die Fachdiskussion zum Thema reflektieren. Dabei könne es kaum verborgen bleiben, wenn ein Autor unsauber gearbeitet habe. Für die Einhaltung der wissenschaftlichen Standards und deren Überprüfung seien die Institute und Fakultäten zuständig, nicht die Bibliotheken. Der HU-Bibliothekar lehnt es auch ab, Plagiate ganz aus dem Bestand zu entfernen.

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