Wissen : Polarisierende Prognosen

In 30 Jahren könnte die globale Erwärmung Eisbären ausgerottet haben – heißt es. Doch viele Gebiete in der Arktis sind kaum erforscht. Entsprechend gewagt sind Vorhersagen

Dagny Lüdemann

Den Eisbären schmilzt der Lebensraum unter den Tatzen weg. Daran zweifelt kaum noch jemand. Aufnahmen des europäischen Satelliten Envisat zeigen den Rückgang des Eises am Nordpol – der Heimat der Eisbären. Doch dass sie deshalb schon in 30 Jahren ausgestorben sein könnten, ist eine mutige These. Denn nur ein Bruchteil ihres riesigen Lebensraums ist bisher lange genug erforscht worden, um Aussagen über die Entwicklung dieser Raubtiere treffen zu können. Es steht noch nicht einmal fest, wie viele Eisbären es heute weltweit gibt.

Eisbären (Ursus maritimus) leben am Treibeis des Nordpolarmeeres und den umliegenden Landstrichen. 19 bekannte Populationen gibt es, die sich auf Kanada, Russland, Norwegen, Dänemark (Grönland) und die USA verteilen (siehe Grafik). Während des arktischen Winters, wenn die Buchten zugefroren sind, jagen Eisbären auf dem Packeis nach Ringel- und Bartrobben. Selten erwischen sie ein junges Walross. Meistens legen sie sich an Atemlöchern auf die Lauer, bis eine Robbe zum Luftholen auftaucht. Dann schlagen sie mit ihren Pranken zu.

Im Sommer schmilzt das Meereis entlang der Küsten, sodass die Raubtiere von ihrer Beute abgeschnitten sind. Eisbären sind zwar gute Schwimmer und legen weite Strecken von einer Eisscholle zur anderen zurück – doch im Wasser sind die Robben flinker. Deshalb halten sich Eisbären ab August an Land auf und fasten. Einige kommen auch in besiedelte Gebiete auf der Suche nach Fressbarem. Vor allen im kanadischen Churchill, Hauptstadt des Nunavut-Territoriums, kommt es immer öfter zu Begegnungen zwischen Mensch und Eisbär. Im vergangenen Jahr hatten Einheimische den Behörden gemeldet, dass die Polarbärpopulation in der West-Hudsonbai gewachsen sei. Daraufhin wurden die Jagdquoten erhöht. Doch Nachforschungen von Wissenschaftlern, die in diesem recht gut erschlossenen Gebiet Eisbären mit Sendern ausstatten, ihre Wanderungen verfolgen und sie von Hubschraubern aus zählen, ergaben, dass die Zahl der Tiere in Wahrheit abgenommen hatte.

Die Biologen Ian Stirling und Andrew Derocher von der kanadischen Naturschutzbehörde gehen davon aus, dass nur deshalb mehr Tiere an Land gesehen wurden, weil sich die Fastenzeit durch die globale Erwärmung derart verlängert hat, dass sie ausgehungert in Menschennähe nach Nahrung suchten. Denn seit einigen Jahren taut das Eis immer früher.

Während Eisbärmännchen vier Monate hungern, müssen Weibchen sogar acht Monate von ihren Fettreserven zehren, weil sie ihre Neugeborenen im Schutz einer Schneehöhle säugen. Die Jungen – meist zwei – werden im Dezember geboren. Erst im März sind sie alt genug, um mit der Mutter die Höhle zu verlassen.

Tierschutzorganisationen kämpfen dafür, dass der Eisbär in der internationalen Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN als „stark gefährdet“ eingestuft wird. Erst im Jahr 2006 war Ursus maritimus in die Liste aufgenommen worden, in der er bislang nur als „gefährdet“ gilt. Noch immer werden pro Jahr knapp 1000 Eisbären von Jägern erlegt. In den USA darf nur die einheimische indigene Bevölkerung Eisbären jagen, genau wie in Grönland und Russland. In Norwegen ist die Jagd verboten, und die Inuit in Kanada müssen Quoten einhalten, die bislang allerdings auf unsicherer Datenbasis festgesetzt werden. Auch die Sport- und Trophäenjagd auf Eisbären ist in Kanada erlaubt. Touristen können die Jagderlaubnis kaufen – eine lukrative Einnahmequelle, von der viele Inuit leben.

Um einschätzen zu können, wie gefährdet Eisbären durch den Klimawandel wirklich sind, müsste ihre Zahl erst einmal genauer ermittelt werden. Derzeit gibt es nur für zwei der 19 Eisbärpopulationen Langzeitdaten. In der West-Hudsonbai werden seit 1981 demografische Daten über die Tiere gesammelt. Dieses Gebiet ist das einzige, in dem bislang ein Schrumpfen der Eisbärpopulation in Abhängigkeit zum Abschmelzen des Meereises festgestellt werden konnte. Dort gibt es schätzungsweise 22 Prozent weniger Eisbären als noch zu Beginn der achtziger Jahre, das Durchschnittsgewicht der dort lebenden Weibchen ist von 290 auf 230 Kilogramm gesunken und immer weniger Eisbärmütter bringen ihre Jungen durch den Winter, wie Ian Stirling und Andrew Derocher in der Zeitschrift „Wildlife Professional“ berichten. In der ebenfalls gut erforschten Süd-Beaufortsee konnte ein Rückgang der Population nicht statistisch belegt werden. In der Baffinbai vermuten Forscher eine Überjagung – es sind aber noch weitere Daten nötig, um dies zu bestätigen. Derzeit entwickeln die Forscher von der kanadischen Tierschutzbehörde eine einheitliche Monitoringmethode für die Arktis.

Wie wenig man bis heute über die Tiere weiß, zeigt sich schon an den unterschiedlichen Angaben zu ihrer Anzahl: Einige Forscher sprechen von nur 16 000 Eisbären weltweit, andere gehen von 35 000 aus – also mehr als doppelt so viele. Die häufig genannten Zahlen von 22 000 bis 25 000 Eisbären sind ein Mittelwert, auf den sich Experten geeinigt haben. Da es aus den meisten Regionen keine Angaben darüber gibt, wie viele Eisbären früher dort lebten, lässt sich nicht sagen, welche Schwankungen normal sind. Und die Eisbären wandern auf einer Fläche von bis zu 200 000 Quadratkilometern, wodurch sie nur schwer einem Gebiet zuzuordnen sind.

Auch Steven Amstrup, Eisbärforscher beim Geological Survey (USGS), dem Geologischen Dienst der Vereinigten Staaten, ist der Ansicht, dass das vorhandene Wissen nicht ausreicht, um stichhaltige Aussagen über die Zukunft der Tiere treffen zu können. Doch trotz aller Vorsicht machen sich die Forscher öffentlich gegen eine Verharmlosung des Problems stark. „Die Medien behandeln Minderheitsmeinungen gleichwertig zu Ergebnissen bisheriger Langzeitstudien“, beklagen Derocher und Stirling. Dabei seien die Ergebnisse durchaus alarmierend.

Dass es noch 22 000 oder auch 25 000 Eisbären auf der Welt geben soll, klingt zunächst beruhigend. Doch man muss auch bedenken, dass diese Säugetiere zur Aufzucht ihrer Jungen sehr lange brauchen. Eine Eisbärin bekommt maximal alle drei Jahre zwei Junge, von denen unter normalen Bedingungen nur ein Drittel das Erwachsenenalter erreicht. Diese Jungtiere werden erst mit vier oder fünf Jahren geschlechtsreif. Und Forscher befürchten, dass manche Weibchen keinen Partner finden, da die Jäger in Alaskas und Grönland vornehmlich Männchen erlegen. Sollte sich die Fastenzeit der Eisbären durch die Erwärmung der Erde weiter verlängern, werden sicherlich Eisbären verhungern, es sei denn sie wandern in kältere Gebiete aus oder suchen sich neue Nahrungsquellen.

Eine Möglichkeit zur Anpassung steht ihnen jedenfalls offen: Sie könnten sich mit Grizzlybären paaren – und ihr Nachwuchs wäre besser für ein Leben in wärmeren Gebieten gerüstet. Dass das möglich ist, haben Forscher vor zwei Jahren erstmals beobachtet: Sie fanden einen Eisbär-Grizzly in freier Wildbahn. In Zoos war es zuvor schon gelungen, Grizzly- und Eisbären zu kreuzen.

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