POSITION : Berlin darf die Transregionalen Studien nicht fallenlassen

Seit vier Jahren verleiht das Berliner Forum Transregionale Studien der in Gang befindlichen Internationalisierung der Geistes- und Sozialwissenschaften eine neue, vielversprechende Qualität. Nur in Berlin mit seiner starken Tradition wissenschaftlicher Weltoffenheit und Fernkompetenz konnte es Wurzeln schlagen.

Jürgen Kocka
Jürgen Kocka, Historiker
Jürgen Kocka.Foto: WZB/David Ausserhofer

Es hilft, die Wasser der intellektuellen Globalisierung auf die Mühlen Berlins zu lenken, indem es die Wettbewerbsfähigkeit und Reputation der Stadt als eines internationalen Wissenschaftsstandorts erheblich verstärkt. Es arbeitet erfolgreich. Doch jetzt droht ihm das Aus, weil die Berliner Senatsverwaltung plant, die ihm zugesagten Mittel zu streichen. Das wäre ein immenser Verlust.

Im Kern arbeitet das Forum daran, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die vor allem Expertise zu einzelnen Weltregionen wie Ostasien, die muslimischen Länder oder Lateinamerika besitzen, mit Vertretern der systematisch definierten Fächer wie Geschichte, Kunstwissenschaft oder Jurisprudenz in neuer, produktiver Weise zusammenzubringen. Das geschieht durch intensive Kooperation im Rahmen neuer Forschungsprogramme über mehrere Jahre hinweg. Dadurch werden die oft eine separate Randexistenz fristenden „Regionalwissenschaften“ (area studies) in die Mitte der Forschung geholt. Und dadurch werden die im Westen entstandenen und oft westlich geprägten geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen mit ungewohnten Beobachtungsfeldern und mit kritischen Partnern konfrontiert.

Sie können so ihren empirischen Nutzen vergrößern und zugleich ihre begrifflich-theoretischen Voraussetzungen neu reflektieren. Das führt zu einer aufregenden Korrektur ihrer eingebauten Provinzialität. Das Forum stellt ein Labor für die Entwicklung neuer Forschungsergebnisse und unkonventioneller wissenschaftlicher Konstellationen dar, das geeignet ist, die bisherige Landschaft zu verändern, über Regional- und Disziplingrenzen hinweg.

Dazu hat es neue Programme entwickelt, derzeit im Bereich der Rechtswissenschaften, der Stadt- und Religionssoziologie, der Philologien, der Kunstgeschichte und in den Beziehungen zwischen Europa und der muslimischen Welt. Zur Zusammenarbeit in diesem Rahmen lädt das Forum vor allem jüngere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus aller Welt als Fellows ein. 120 waren es in den letzten drei Jahren. Dafür setzt das Forum den allergrößten Teil seiner finanziellen Mittel ein. Die Gäste arbeiten in engem Kontakt mit den Berliner Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Eine neue Qualität grenzüberschreitender Forschung

Die Idee zum Forum ist in vielen Anläufen seit den 1990er Jahren entwickelt worden. 2006 empfahl die Berliner Wissenschaftskommission, die nach Wegen suchte, die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu stärken, die Gründung des Forums. Berlin mit seinen starken Universitäten, vielen einschlägigen Forschungsinstituten, großen Museen und kosmopolitischen Traditionen besitze die Ressourcen, die man nur in origineller Form zu bündeln brauche, um eine neue Qualität grenzüberschreitender Forschung zu begründen.

Dies sei angesichts fortschreitender Globalisierung möglich und erforderlich, erklärte die Kommission. 2009 kam es zur Gründung des Forums, in dem die Berliner Universitäten, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Wissenschaftskolleg und mehr als 20 Forschungseinrichtungen aktiv zusammenarbeiten. 2012 wurde die Einrichtung durch eine internationale Wissenschaftlergruppe mit Bestnoten evaluiert. Auf dieser Basis entschied sich der Bund zur zusätzlichen Förderung in Höhe von mehreren Millionen Euro – auch dieser Zuschlag wäre gefährdet, wenn jetzt Berlin seine Zusage revidierte.

Das Forum baut wissenschaftliche und kulturelle Brücken

Das Forum ist als wissenschaftliche Parallele zum geplanten Humboldt-Forum ausgedacht worden. Es verbindet internationale Forscherinnen und Forscher langfristig mit der Stadt. Es ist international sichtbar und angesehen. Es baut wissenschaftliche und kulturelle Brücken, unter anderem in die arabische und muslimische Welt, die zurzeit auch politisch relevant sind. Es wäre ein Akt unbedachter Selbstverstümmelung, wenn die sehr selektive Sparpolitik des Senats dieses in Deutschland, wenn nicht gar in Europa einzigartige Institut jetzt zerstören würde. Die Gefahr ist akut. Das Abgeordnetenhaus kann sie entschärfen.

Der Autor ist Historiker, emeritierter Professor der Freien Universität Berlin und ehemaliger Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Er war Mitglied der Berliner Wissenschaftskommission, die 2006 die Gründung des Forums Transregionale Studien empfohlen hat.

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