POSITION : Deutschlands Zukunft ist mehrsprachig

Die Schule muss ihr monolinguales Verständnis überwinden.

Konrad Ehlich
Der Linguist Konrad Ehlich war bis 2007 Leiter des Instituts für Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität München und lehrt heute an der FU Berlin.
Der Linguist Konrad Ehlich war bis 2007 Leiter des Instituts für Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität...Foto: Wikipedia/Stefan Flöper

"In Deutschland wird Deutsch gesprochen." Wie oft wird in den letzten Jahren dieser scheinbar triviale Satz in der öffentlichen Diskussion vorgebracht. Er sieht wie eine Tatsachenfeststellung aus. In Wahrheit ist er eine sprachenpolitische Forderung. Denn die Bevölkerungsentwicklung der letzten 50 Jahre hat in Deutschland zu einer anderen sprachlichen Realität geführt. Ein relevanter Teil dieser Bevölkerung ist in das Land eingewandert. Diese Menschen haben die Sprache – und in vielen Fällen die Sprachen – des Landes mitgebracht, aus dem sie kommen. Diese Veränderungen wurden sehr lange von der Politik geleugnet. Sie werden bis heute von größeren Gruppen der Bevölkerung als eine Bedrohung wahrgenommen. Die Politik erntet die Früchte ihrer Versäumnisse und ihrer Leugnungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Sprache ist Zugang zum Wissen

Sprache ist für jeden Menschen etwas Fundamentales. Sie bietet einen Zugang zur Welt und einen Zugang zum Wissen. Sie ist zugleich ein Stück Heimat und Geborgenheit, und man kann mit Sprache vieles erreichen. Allerdings erfahren das Kinder in unterschiedlichem Umfang. Für die heutige Wissensgesellschaft ist sprachliche Qualifizierung eine Grundvoraussetzung. Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist auf Sprache angewiesen. Der Umfang der sprachlichen Qualifizierung entscheidet über den Verlauf der eigenen Biografie mit. Sprachaneignung geschieht in Etappen – und alle davon sind wichtig.

Der Familie fällt die wichtige Aufgabe zu, dem Kind ein sprachliches Grundvertrauen zu vermitteln. Dies geschieht am besten in der Sprache, die den Familienmitgliedern am vertrautesten ist. Die Begegnung mit anderen, mit Spielkameraden bietet Bewährungsproben für das, was Sprache im alltäglichen Handeln leisten kann. In der Kita kann Sprachkenntnis erweitert und sprachliches Miteinander eingeübt werden. Die ganze Schulzeit ist dann ein fortgesetzter Prozess der Sprachaneignung. Die Sprache des Wissens, die Bildungssprache, tritt als neues wichtiges Werkzeug in die Lebenswelt des Kindes ein und es erweitert seine Handlungsmöglichkeiten – wenn diese Etappe von Sprachaneignung gelingt.

Lebenswelt beschränkt sich nicht mehr auf die Muttersprache

Die berufliche Qualifizierung und die Tätigkeiten im Beruf sind für immer mehr Menschen fundamental von Sprache bestimmt. Immer mehr Menschen werden im Lauf ihres Lebens mehrfach in Situationen kommen, in denen sie ihre Sprachenkenntnisse schnell und effizient erweitern müssen, weil ihr Beruf sie in andere Teile Europas oder der Welt führt. Die Lebenswelt beschränkt sich also nicht mehr auf die eine Sprache, die für die ganze Biografie hinreichend ist. Aber das Denken über Sprache ist in der Gesellschaft noch immer weitgehend von einer solchen Auffassung geprägt. Nachdem sich das Hochdeutsche – wie vergleichbare Standardsprachen in anderen Teilen Europas – durchgesetzt hatte, entwickelte sich ein Sprachdenken, in dessen Mittelpunkt das einsprachige, das monolinguale Individuum steht. Mehrsprachigkeit galt als schädlich für die intellektuelle wie für die emotionale Entwicklung des Menschen. Diese Auffassung ist schlicht falsch. In großen Teilen der Welt bedienen sich Menschen mehrerer Sprachen für ihre alltägliche Kommunikation.

Inzwischen zeigen zahlreiche Forschungen, dass das Sprachvermögen nicht auf nur eine Sprache festgelegt ist. Im Gegenteil: Das Kind kann sich gleichzeitig und nacheinander mehrere Sprachen aneignen. Erwachsene tun sich dabei etwas schwerer, aber die Möglichkeiten des Sprachenlernens hören nicht auf.

"Sprache, Volk und Land sind eines"

Schon um das Hochdeutsche, das als Standardsprache oder Hochsprache gelernt, gelehrt und in den meisten alltäglichen Lebensbezügen gesprochen und geschrieben wird, durchzusetzen, war eine intensive Sprachpolitik nötig. Für sie galt lange die Grundgleichung des „Projekts Nation“: Sprache, Volk und Land sind eines. Diese Gleichung ist das politische Programm seit der Französischen Revolution bis heute. Die Unterscheidung von Fremdsprachen und Muttersprache ist dem Programm verpflichtet – und bleibt es, wenn die neuen Aufgaben einer Sprachenbildung für das 21. Jahrhundert nicht erkannt und umgesetzt werden. Mehrsprachigkeit denken ist mehr als lediglich ein wenig Zusatzunterricht in der einen oder anderen „Herkunftssprache“.

Dass Menschen, die ihr Leben in diesem Land verbringen werden und verbringen wollen, die Sprache des Landes, also Deutsch, so gut es ihnen möglich ist, erwerben, liegt in ihrem eigensten Interesse und in dem ihrer Kinder. Dass diese Gesellschaft, die ein Miteinander unterschiedlicher Menschen ermöglichen und gewährleisten will und soll, die Sprachen aller, die zu ihr gehören, wertschätzt, dies ist im Rahmen des Einsprachigkeitsdenkens noch nicht wirklich als ein zentrales gesellschaftliches Thema erkannt. Mehrsprachigkeit denken, das ist auch mehr, als zur Standardsprache noch mehr oder minder rudimentäre Kenntnisse einer sogenannten „Lingua franca“, derzeit des Englischen, hinzuzusetzen. Es geht vielmehr darum, die sprachlichen Befähigungen in der Fülle ihrer Möglichkeiten zu entfalten.

Integration ist nicht Assimilation, sondern ein wechselseitiger Prozess. Er kann gelingen, wenn Achtung der Sprachen der anderen als Voraussetzung für die Achtung der eigenen Sprache praktiziert wird. Dafür, dass das gelingt, trägt die Gesellschaft als Ganze Verantwortung.

Mehrsprachigkeit ist eine Grundqualifikation

Mehrsprachigkeit ist kein Manko, sondern ist eine Grundqualifikation für die offene, bewegliche und bewegte Welt des 21. Jahrhunderts. Ein Land, das aus eigenstem Interesse offen ist für Migration, investiert in die Veränderungen des Denkens über Sprache und des Handelns mit Sprache. Qualifizierung der Lehrenden und Veränderung der Lehrpläne bereiten für eine mehrsprachige Qualifizierung der jungen Menschen vor. Das sprachliche Vermögen jedes einzelnen Kindes muss individuell gefördert werden. Dazu muss aber die Schule ihr monolinguales Grundverständnis überwinden.

Mehrsprachigkeit ist eine Bereicherung der Gesellschaft und jedes Einzelnen. Es besteht kein Grund zur Furcht, zur Angst vor Sprach- und Identitätsverlust. Im Gegenteil. Die Zukunft dieses Landes und die Zukunft Europas wird mehrsprachig sein. Damit dies gelingt, ist Mut und gesellschaftlicher Einsatz nötig.

Der Autor ist Linguist, war bis 2007 Leiter des Instituts für Deutsch als Fremdsprache an der LMU München und lehrt heute als Honorarprofessor an der FU Berlin.

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