Probleme der Ingenieurausbildung in Deutschland : Dem Ingenieur macht man es schwer

Im Ingenieursstudium läuft vieles nicht so, wie die Industrie es sich wünscht. Immer mehr Studierende kommen auf einen Professor, viele brechen das Studium ab.

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Eine junge Frau sitzt am Steuer eines Fahrsimulators.
Fahrt aufnehmen. MINT-Programme für jungen Frauen sollen auch Ingenieurstudiengänge attraktiver machen. Aber die Zahlen...Foto: picture-alliance/ dpa

Ingenieure bilden das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Dennoch lässt das Ingenieursstudium in Deutschland manches zu wünschen übrig. Das Betreuungsverhältnis verschlechtert sich seit Jahren. Die Abbrecherquoten sind überdurchschnittlich. Der Anteil an Absolventen geht gegenüber dem in anderen Fächern zurück. Frauen springen weiterhin nicht zahlreich in die Bresche, ihr Anteil stagniert. Weiterhin vermissen Unternehmer bei Berufseinsteigern wichtige Kompetenzen. Und während die Industrie Absolventen bevorzugt, die breit angelegte Studiengänge studiert haben, geht der Trend an den Hochschulen zu spezialisierten Programmen.

Betreuungsrelationen haben sich deutlich verschlechtert

All dies fördert die Studie „15 Jahre Bologna-Reform – Quo vadis Ingenieurausbildung“ des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und der Stiftung Mercator zutage. Dafür wurden 1300 Studierende der Ingenieurwissenschaften, fast 400 Lehrende an Hochschulen, über 1400 Fach- und Führungskräfte sowie gut 250 Berufseinsteiger vom Institut für Innovation und Technik in der VDI/VDE Innovation und Technik GmbH befragt.

Die Betreuungsrelation hat sich in den vergangenen Jahren in den Ingenieurwissenschaften „deutlich verschlechtert“, heißt es, besonders an den Universitäten. Im Jahr 2013 kamen dort 95 Studierende auf eine Professur. Im Jahr 2005 waren es noch 58. Auch an den Fachhochschulen hat sich die Betreuungsrelation verschlechtert, auf eine Professur kommen 44 Studierende (2005: 32). Gerade an den Universitäten werde „der überwiegende Teil der Lehre nicht mehr von Professor/innen geleistet“, sondern zunehmend an die wissenschaftlichen Mitarbeiter übertragen. Die Frage stelle sich, ob die Professoren eine angemessene Betreuung, etwa der Abschlussarbeiten, leisten können, schreiben die Autoren der Studie.

Ingenieur-Studentinnen brechen ihr Studium seltener ab

Ob die schlechte Betreuung auch ein Grund für die überdurchschnittlich hohen Abbrecherquoten bei den Ingenieuren ist, lässt die Studie offen. Immerhin ist die Abbrecherquote an Universitäten aber deutlich zwischen den Absolventenjahrgängen 2010 und 2012 gesunken: von 48 auf 36 Prozent. Möglicherweise ein Effekt der Umstellung auf Bachelor und Master, wird gefolgert. An den Fachhochschulen blieb die Abbrecherquote annähernd gleich (von 30 Prozent auf 31 Prozent). Studentinnen der Ingenieurwissenschaften brechen seltener ab als Studenten.

Muss Deutschland sich um den Ingenieursnachwuchs sorgen? Mit einem Anteil von 22 Prozent der Studienanfänger ist die Fächergruppe zwar besonders stark nachgefragt. Aber beim Anteil an Absolventen an allen Abschlüssen liegt Deutschland mit 14 Prozent nur etwas über dem OECD-Mittelwert von 12 Prozent. Noch im Jahr 2000 betrug der Anteil 19 Prozent, und Deutschland kam damit auf Platz 3 in der EU. Elf Jahre später liegt es nur noch auf Platz 6.

Der Frauenanteil stagniert bei einem Viertel der Studierenden

Dass Frauen in mögliche Lücken stoßen, zeichnet sich nicht ab. Ihr Anteil stagniert bei rund einem Viertel. Deutschland liegt damit unter dem OECD-Mittelwert. Im Bachelor ging der Frauenanteil sogar zurück: von 29 Prozent im Jahr 2008 auf 24 Prozent im Jahr 2013. „Dies wirft die Frage auf, wie wirksam die Vielzahl der laufenden Aktivitäten zu ,Frauen in MINT’ ist – andersherum könnte man fragen, ob der Frauenanteil vielleicht ohne diese Aktivitäten deutlich gesunken wäre“, heißt es in der Studie.

Besonders populär sind die Ingenieurwissenschaften allerdings bei ausländischen Studierenden. Ihr Anteil liegt an den Universitäten bei deutlich überdurchschnittlichen 21 Prozent. Besonders stark vertreten sind Studierende aus China, gefolgt von Studierenden aus Kamerun, Marokko und Tunesien. Bei den ausländischen Studierenden liegt die Abbruchquote – mit Ausnahme der Studierenden aus Asien – allerdings deutlich über der der deutschen Studierenden.

Führungskräfte erwarten mehr Basiswissen und Praxistauglichkeit

Die Führungskräfte erwarten von den Absolventen weit bessere methodische und soziale Kompetenzen, ein besseres Grundlagenwissen, höhere Praxistauglichkeit und eine weit höhere Fähigkeit zu fächerübergreifendem Denken als sie an Absolventen wahrnehmen, besonders an den Bachelors. Womöglich ist das auch ein Grund dafür, dass der Studie zufolge in den letzten zwei Jahren 31 Prozent der für Bachelorabsolventen ausgeschriebenen Stellen nicht besetzt werden konnten. Bei den Stellen für Masterabsolventen wurden demnach 21 Prozent nicht besetzt.

Während die Industrie Absolventen mit einer breiten Grundausbildung schätzt, steuern die Hochschulen in eine andere Richtung. Sie versuchen, „sich mit spezialisierten und ,trendigen' Studiengängen zu profilieren und damit mehr Studenten für sich zu gewinnen“, formulieren die Autoren der Studie. Innerhalb von nur sieben Jahren sei die Zahl der ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge um 48 Prozent angestiegen. Von 2223 im Wintersemester 2007/2008 auf 3295 im Wintersemester 2014/2015.

71 Prozent der Uni-Studierenden wollen in den Master

Aus den Ingenieurwissenschaften kam gegen die Bologna-Reform besonders großer Widerstand, denn sie bedeutete die Abschaffung des Markenzeichens „Dipl.-Ing.“. Der Vorstellung der Kultusministerkonferenz, die Mehrheit der Absolventen müsse mit dem Bachelor in den Beruf wechseln, wurde besonders heftig widersprochen. Unter den Bachelor-Studierenden der Ingenieurwissenschaften an Universitäten sagen heute 71 Prozent, sie wollten auf jeden Fall den Master aufsatteln. Diese hohe Quote entspricht der Lage in anderen Fächern. An den Fachhochschulen sind nur 47 Prozent der Ingenieurstudierenden sicher, dass sie in den Master wollen. Die Autoren erklären dies damit, dass zum Bachelor-Abschluss an Fachhochschulen eine kaum kürzere Regelstudienzeit führt als zum alten Diplom (üblicherweise sieben statt vorher acht Semester).

Nur 34 Prozent der Unternehmen suchen verstärkt nach Bachelor-Absolventen

Während 59 Prozent der Bachelorstudierenden an Fachhochschulen ihre Einstiegschancen in den Beruf als gut oder sehr gut bewerten, sehen das nur 48 Prozent der Bachelorstudierenden an Unis so. Bei den Unternehmen sind Master-Absolventen stärker nachgefragt. 46 Prozent der Führungskräfte gaben an, dass ihr Unternehmen in den letzten zwei Jahren stark nach Masterabsolventen gesucht hat, nur 34 Prozent gaben das für Bachelorabsolventen an. Etwa zwei Drittel der Führungskräfte erklärten, die Absolventen von Universitäten und FHs seien ihnen gleichermaßen willkommen. Von denen, die eine Präferenz hatten, bevorzugten 24 Prozent Bachelor-Absolventen mit FH-Abschluss und 12 Prozent Bachelors von Unis. Beim Master ist es genau andersherum, die Uni-Absolventen sind hier etwas beliebter.

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