Promis mit Burnout : Was ist psychisch krank?

Viele Promis haben sich zum Burnout bekannt. Das könnte helfen, das Stigma psychischer Krankheiten zu mildern, glauben Experten. Es wirft aber auch die Frage auf: Wo endet die Gesundheit des Geistes?

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Berühmte Burnout-Patienten: Gesangstalent und Pop-Diva Mariah Carey hat sich lange geziert. Schließlich offenbarte sie sich mit ihrem Leiden dann doch der Öffentlichkeit.Alle Bilder anzeigen
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09.07.2012 16:14Berühmte Burnout-Patienten: Gesangstalent und Pop-Diva Mariah Carey hat sich lange geziert. Schließlich offenbarte sie sich mit...

Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Freiburg genießt einen ausgezeichneten Ruf. Trotzdem war dem gut aussehenden Mittfünfziger der Gedanke peinlich, beim Verlassen des Gebäudes von Bekannten gesehen zu werden. Schließlich war er Pilot. Eine psychische Krankheit passte da ausgesprochen schlecht ins Image. Das scheint sich inzwischen geändert zu haben. „Seit der Burnout-Welle kann mein Patient offen darüber reden, dass er hier behandelt wird. Er hat festgestellt, dass auch einige Kollegen betroffen sind“, berichtet Mathias Berger, der die Klinik leitet.

Eigentlich dürfte das Bergers Patient gar nicht überraschen. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts hat ergeben, dass fast jeder vierte männliche und jede dritte weibliche Erwachsene im Jahr 2011 zumindest zeitweilig unter psychischen Störungen wie Depressionen oder Schlafproblemen litt. Und bei einer von fünf Frauen zwischen 45 und 65 Jahren wurde schon einmal eine Depression diagnostiziert. Nur redet kaum jemand darüber. Negative Klischees wie das vom „gewalttätigen“ Schizophrenen oder der Depressiven, die sich nur „ein bisschen mehr zusammenreißen“ müsste, machen vielen Menschen Angst. Die Stigmatisierung psychisch Kranker treffe sie und ihre Angehörigen wie eine „zweite Krankheit“, heißt es beim Aktionsbündnis Seelische Gesundheit, einer Initiative der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN).

Das ist beim Burnout anders. Burnout kann man zugeben. Burnout gilt als die Krankheit der Tüchtigen. Wer ausgebrannt ist, muss schließlich einmal für etwas gebrannt haben, das liegt schon sprachlich nahe. Seit Prominente wie Mariah Carey sich outen und sogar, wie Miriam Meckel, Bücher darüber schreiben, ist Burnout irgendwie in Ordnung. „Als Türöffner für Gespräche über seelische Erkrankungen ist der Begriff ein Segen, es wirkt der Tabuisierung entgegen“, sagt deshalb Bergers Kollege Wolfgang Maier, Direktor der Klinik für Psychiatrie an der Uni Bonn. Die beiden Psychiatrieprofessoren begrüßen das, sie wünschen sich eine Gesellschaft, in der über seelische Leiden so offen gesprochen werden kann wie über erhöhte Cholesterinwerte oder schmerzende Kniegelenke.

„In dieser Gesellschaft werden wir ein Wort wie Burnout nicht mehr nötig haben“, fügt Berger aber sofort hinzu. Denn auch wenn es ein Türöffner ist, ist das Wort mit Risiken und Nebenwirkungen behaftet: Zum Beispiel könnte es passieren, dass Ärzte auf eine gründliche Untersuchung verzichten, wenn ihre Patienten schon mit dem Etikett „Burnout“ in die Praxis kommen. „Grunderkrankungen wie eine beginnende Multiple Sklerose, Blutarmut oder ein Problem mit der Schilddrüse, die allesamt mit Müdigkeit und mangelnder Belastbarkeit im Beruf einhergehen, könnten auf diese Weise übersehen werden“, fürchtet Berger.

Zudem ist es fraglich, ob durch die modische Diagnose wirklich Vorurteile gegen psychische Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depression abgebaut werden. Als Schalke-Trainer Ralf Rangnick vor kurzem ausfiel, legte sein Arzt Wert auf die Feststellung, dass seine Erkrankung heilbar sei und „auch keine Depression“. „Das könnte im Umkehrschluss nahelegen, dass Depressionen unheilbar sind“, sagt Maier. Depression als unbeeinflussbares Schicksal der Schwachen, das mit einem Stigma behaftet bleibt, Burnout dagegen als behebbare Störung der Leistungsträger der Gesellschaft – das wäre nach Ansicht des Psychiaters eine verhängnisvolle Botschaft.

Das „Burnout“ wirft aber auch eine grundsätzliche Frage auf: Wo hört psychische Gesundheit auf? Wo beginnt eine echte Krankheit der Seele? Der Burnout, ungeachtet seines englischen Namens schon vielfach als "deutsche Krankheit" gehandelt, taucht im international geltenden Klassifikationssystem Psychischer Erkrankungen der Weltgesundheitsorganisation, dem ICD-10, nicht auf. Auch in der Neufassung ICD-11 ist damit nicht zu rechnen. Einzig in einem Anhang ist unter Ziffer Z 73.0 „Burnout gleichbedeutend mit Zustand der totalen Erschöpfung“ aufgelistet – nicht als Krankheit, sondern unter „Schwierigkeiten der Lebensbewältigung“.

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