Psychologie : Die Geschichte der Angst

Der Kopf lässt sich besser manipulieren als der Bauch: Die Emotionsforschung bestimmt den 29. Weltkongress der Psychologie in Berlin.

Bas Kast
Angst Foto: Vario images
Jetzt erobern die Gefühle die Wissenschaft. -Foto: Vario images

Ich fühle, also bin ich – so könnte das unausgesprochene Motto des Internationalen Psychologiekongresses lauten, der diese Woche in Berlin stattfindet. Mehrere hundert Vorlesungsveranstaltungen und Kurzseminare gibt es, dazu ganze Hallen von der Dimension eines Hangars, in denen sich ein Poster ans Nächste reiht: Forscher aus mehr als 60 Ländern präsentieren hier ihre Studien. Und ein Einzelthema ist es, das über alle Studien hinweg am meisten Vertreten ist: die Gefühle.

Es ist eine kleine Revolution, die sich in dem Fach binnen zwei Jahrzehnten vollzogen hat. Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts war die Psychologie dominiert vom Behaviorismus, jener Lehre, die alle Tiere, egal ob Ratte, Taube oder Mensch, als Reiz-Reaktions-Maschine betrachtete, die sich beliebig programmieren lässt wie ein Pawlow’scher Hund.

Da es noch keine Hirnscanner gab, tat man einfach so, als gäbe es auch kein Gehirn: Unser Oberstübchen galt den Behavioristen als Blackbox. Nur das beobachtbare Verhalten („behavior“) war erforschbar. Nur damit also hatte sich die Psychologie zu beschäftigen. Unser Ich mit seinen Gedanken und Gefühlen galt als No-Go-Area. All das, was den Laien zu Recht am meisten interessiert – Glück, Liebe, Erinnerungen, Bewusstsein, Identität und so weiter – wurde ausgeklammert. Ironischerweise war die Psyche Jahrzehntelang nicht Gegenstand der akademischen Psychologie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete sich eine kleine Gruppe von Künstliche-Intelligenz-Forschern, die sich sehr wohl für Denkprozesse interessierten, und verstärkt in den achtziger Jahren kam es zur „kognitiven Wende“, als man Hirnscanner entwickelte, die plötzlich Licht in die Blackbox brachten. Statt auf das Verhalten, fixierte man sich bald auf den Verstand (Kognition); untersuchte das Denken, das Gedächtnis und die neuronalen Mechanismen des Lernens.

Erst in den neunziger Jahren wurde die kognitive Wende von der emotionalen abgelöst, die wohl noch eine Weile anhalten wird. „Wir befinden uns definitiv in einem Zeitalter der Emotion“, sagte Klaus Scherer, Emotionspsychologe an der Universität Genf, zum Auftakt des Kongresses am Montag.

Die bislang mit Abstand am genauesten untersuchte Emotion ist die Angst. Zum einen hat das medizinische Gründe: Angststörungen gehören mit Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt. Zum anderen lässt sich die Angst, im Gegensatz zu Gefühlen wie etwa Stolz oder Scham, relativ einfach experimentell studieren: Zumindest gewisse Formen der Angst kann man schon mit einfachsten Mitteln auch im Labor auslösen und testen – man braucht nur das Bild einer Schlange. Auch zahlreiche Tiere lassen sich leicht in Angst versetzen, während es eine Herausforderung sein dürfte, in einer Ratte Gefühle wie Stolz oder Scham auszulösen.

Einer der führenden Angstforscher ist der schwedische Neurowissenschaftler Arne Öhman vom Karolinska-Institut in Stockholm, der in einem Vortrag auf dem Kongress einen Überblick über das Thema bot. Öhman rückte die Beobachtung der Kliniker, dass so viele Menschen unter Angststörungen leiden, in eine entwicklungsgeschichtliche Perspektive. Seine Argumentation: Die Arten, auch der Mensch, haben sich nicht zuletzt im Verlauf eines gnadenlosen Jäger-Beute-Rennens zu dem entwickelt, was sie heute sind. Unterliegt ein Raubtier im Rennen mit der Beute, entgeht ihm nur ein Abendessen. Zieht dagegen das Beutetier gegen den Jäger den Kürzeren, verliert es sein Leben. „Deshalb war der Druck auf die Beute, wachsam zu sein, so hoch“, sagte Öhman. „Damit haben wir eine Prädisposition für Angststörungen.“

Angst ist ein Gefühl, das unseren Vorfahren das Überleben sicherte: Eine Schlangenphobie ist alles andere als einfach nur „irrational“ insofern, als es tatsächlich Schlangen gibt, deren Gift tödlich ist. Ähnlich ist es mit offenen, weitläufigen Plätzen. Solche Orte, an denen man leicht Feinden zum Opfer fallen kann, waren für unsere haarigen Ahnen in der afrikanischen Savanne eine echte Gefahr.

Angst ist aber nicht nur ein archaisches Überbleibsel der Evolution. Im Gegenteil, das Gefühl erfüllt nach wie vor eine schützende Funktion. Beispielsweise hat der portugiesisch-amerikanische Neurologe Antonio Damasio, ein Pionier der „emotionalen Wende“, eine Patientin beschrieben, die aufgrund einer Verkalkung ihres Mandelkerns keine Angst mehr zu empfinden scheint. Der Mandelkern ist eine kleine Hirnstruktur tief im Innern des Gehirns, die als eine Art neuronale Angstzentrale fungiert. Da diese Angstzentrale im Kopf der „Frau Furchtlos“ chronisch außer Betrieb ist, ist sie immer fröhlich und entgegenkommend. Auch von Fremden lässt sie sich umarmen und brennt förmlich darauf, mit jedem zu plaudern. Diese Offenheit ist nicht immer von Vorteil – so wird sie auch häufig ausgenutzt. Angst warnt, Angst macht wachsam.

Und nicht nur die Angst, sondern viele Gefühle sind unsere Schutzengel im Alltag, wie Ekel: Er warnt unter anderem vor giftigen Speisen. Verdorbenes Fleisch brauchen wir nur kurz zu riechen – schon lassen wir die Finger davon.

Über diese und andere „Funktionen“ der Gefühle sprach am Dienstag der Holländer Nico Frijda, emeritierter Professor der Universität Amsterdam, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Emotionspsychologie. Zusammengefasst lässt sich sagen: Emotionen geben uns gewisse Ziele und bereiten unseren Körper, unser Gehirn und damit unsere Psyche, darauf vor, sie zu erreichen. Um beim Beispiel Angst zu bleiben: Wer beim Anblick einer Schlange Angst spürt, dessen Puls erhöht sich, während sich die Aufmerksamkeit auf die Schlange konzentriert. Adrenalin wird ausgeschüttet, wir sind in Alarmbereitschaft, bis wir das von der Angst vorgegebene Ziel (der Gefahr namens Schlange zu entkommen) erreicht haben.

Die Angst diktiert uns aber nicht haargenau, wie wir der Gefahr entkommen sollen. Sollen wir einen Stock nehmen und zuschlagen? Wenn ein Stock in der Nähe ist, vielleicht ja. Und wenn nicht? Sollen wir wegrennen? Und wenn ja, wohin? All das wird von der Angst nicht vorgegeben, obwohl sie uns auf all diese Aktionen vorbereitet. „Das unterscheidet ein Gefühl von einem Reflex“, sagte Frijda. „Reflexe sind starre Reiz-Reaktions-Abläufe, Gefühle geben uns Flexibilität, sie geben uns die Möglichkeit, unser Verhalten auf die konkrete Situation abzustimmen.“ Das heißt aber nicht, dass die Gefühle – und damit ihre Ziele – selbst flexibel sind. Gefühle lassen, wie jeder weiß, oft nicht mit sich reden. Sie hören nicht auf den Verstand. Frijda sah das noch radikaler: „Sogar ein reines Verstandesurteil basiert letztlich auf emotionalen Präferenzen“, sagte er. „Der Verstand ist verzögerte Emotion.“

Auch dies ergibt vor dem Hintergrund der Evolution einen Sinn: Jeder Vorfahre, dem es möglich war, mit Hilfe des Verstands seine Emotionen über Bord zu werfen, war vermutlich kein Überlebenskünstler. Wer sein Durstgefühl mit dem Verstand abschalten kann, überlebt nicht lange. Wer trotz Ekel in verdorbenes Fleisch beißt, riskiert eine Vergiftung. Wer angesichts einer Schlange nicht wegrennt, na ja, viel Glück. Unser Verstand ist aus dieser Sicht ein Apparat, der dabei behilflich sein kann, die Ziele der Gefühle zu verwirklichen, ein Diener. Oder, wie der schottische Philosoph David Hume schon im 18. Jahrhundert schrieb: „Die Vernunft ist nur der Sklave der Affekte und soll es sein.“

Inzwischen findet man auch immer genauer heraus, wie Gefühle unseren Verstand beherrschen. Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Verbindungen von den Gefühlsarealen des Gehirns, wie etwa vom Mandelkern, zu den Verstandesarealen der Großhirnrinde weitaus zahlreicher sind als umgekehrt: die Gefühle fahren auf einer fünfspurigen Autobahn zum Verstand, die Gedanken auf einer winzigen Landstraße zu den Gefühlen. Kein Wunder, wenn da die Gefühle dominieren.

Zugleich können Gefühle uns auch unbewusst manipulieren, am bewussten Verstand vorbei. Man kann Testpersonen Fotos von angsterfüllten Gesichtern zeigen, allerdings so kurz (um die 20 Millisekunden lang), dass die Leute den Eindruck haben, sie hätten nichts gesehen. Wie Arne Öhman und andere nachgewiesen haben, sind diese „subliminalen Angstreize“ durchaus in der Lage, den Mandelkern zu aktivieren, auch wenn die clevere Großhirnrinde davon zunächst nichts mitbekommt. Anschließend kann der Mandelkern den Körper in Alarmbereitschaft versetzen, obwohl einem die Ursache für die ganze Aufregung überhaupt nicht bewusst ist: Eine heimliche, unheimliche Angst hat uns erfasst.

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