Psychologie : Einsamkeit kann krank machen

Anhaltende Gefühle der Isolation setzen den Körper unter Stress. Wer allein ist, hat oft auch ein schlechteres Verhältnis zu sich selbst.

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Menschen bewerten die Zeit, die sie in Gesellschaft anderer verbringen, meist positiver. Foto: dapd
Menschen bewerten die Zeit, die sie in Gesellschaft anderer verbringen, meist positiver.Foto: dapd

„Nur um den Einsamen schleichen Gespenster“, hat der Dichter Jean Paul geschrieben. Er könnte auch an das Gespenst der Krankheit gedacht haben. Schon länger ist bekannt, dass Menschen im statistischen Durchschnitt kürzer leben, wenn sie wenige Sozialkontakte haben. Im Juli des letzten Jahres zeigte eine Analyse von 148 Studien nun sogar, dass Einsamkeit das Leben ebenso stark verkürzen kann wie Rauchen oder starkes Übergewicht. Nur ist die Frage nach dem Warum damit noch nicht geklärt. Ihre Beantwortung hat sich der Psychologe John Cacioppo von der Universität Chicago zur Lebensaufgabe gemacht.

Als er und seine Kollegen mal vorgeschlagen hätten, ihre Forschungen als „soziale Neurowissenschaft“ zu bezeichnen, hätten viele diese Begriffspaarung als Widerspruch empfunden, erinnert sich Cacioppo. Hat es der Hirnforscher beim Scannen und Testen nicht stets mit dem Gehirn eines Individuums zu tun? Der Mensch sei trotzdem von seiner Biologie her auf Gemeinschaft ausgelegt, kontert der Sozialpsychologe.

Menschen bewerten Untersuchungen zufolge die Zeit, die sie in Gesellschaft anderer verbringen, meist positiver. Ob jemand einsam ist, möchte Cacioppo aber nicht an der Menge und Intensität von dessen sozialen Kontakten festmachen. Nicht jeder fühlt sich einsam, nur weil er oft allein ist.

Umgekehrt kann man sich trotz guter sozialer Einbettung und unzähliger Facebook-Kontakte einsam und unverstanden fühlen. Für die Forscher maßgeblich ist deshalb das subjektive Empfinden, sozial isoliert zu sein. Psychologen messen es zum Beispiel mit einem an der Universität von Kalifornien in Los Angeles entwickelten Fragebogen. Darin wird etwa gefragt, wie oft jemand Gesprächspartner vermisst, ob er sich vom Kontakt mit anderen Menschen abgeschnitten fühlt und unter zu großer Distanz leidet, aber auch, ob er enge Vertraute hat, mit denen er persönlichste Probleme besprechen könnte, kurz: ob er oder sie sich nach mehr Gemeinschaft mit anderen sehnt.

Cacioppo hat bei Menschen, die in der Fragebogen-Skala hohe Werte erreichten, einen erhöhten Widerstand der Blutgefäße festgestellt, der für Bluthochdruck anfällig macht. Auch das Stresshormon Cortisol war deutlich erhöht.

Beides spricht dafür, dass chronische Einsamkeitsgefühle das sympathische Nervensystem aktivieren, das in Gefahrensituationen unsere Fähigkeiten zu Kampf oder Flucht verbessert. „Das wirkt so, als bereite Einsamkeit den Körper auf eine drohende Herausforderung vor“, berichtet das Wissenschaftsmagazin „Science“ (Band 331, Seite 138). Aus evolutionsbiologischer Sicht sei das sinnvoll, denn wer allein sei, habe den überlebenswichtigen Schutz der Gruppe verloren, argumentiert Cacioppo.

Zusammen mit Molekularbiologen hat er im Jahr 2007 auch die Genaktivität in Zellen des Immunsystems bei Freiwilligen untersucht, die zuvor den Fragebogen der Universität von Kalifornien ausgefüllt hatten. In der Gruppe der Teilnehmer mit besonders hoher chronischer Einsamkeit fand er eine erhöhte Aktivität der Gene, die Entzündungen fördern. Im letzten Jahr veröffentlichte er eine Studie, die Hinweise darauf liefert, dass Einsamkeitsgefühle auch den Schlaf bei gleicher Dauer weniger erholsam machen.

Am spektakulärsten dürften allerdings die Befunde sein, die die Einsamkeitsforscher dem Blick ins menschliche Gehirn verdanken: So haben sie im Jahr 2008 23 Studenten unter den Hirnscanner gelegt und ihnen Fotos lächelnder Menschen gezeigt. Diejenigen von ihnen, die sich selbst zuvor als einsamer eingeschätzt hatten, hatten in einem Teil des Belohnungssystems im Gehirn weniger Aktivität. Ein Zeichen dafür, dass sie sich über eine freundliche Kontaktaufnahme spontan weniger freuen konnten. Auch die Übergangszone zwischen Schläfen- und Scheitellappen, die mit der Fähigkeit in Verbindung steht, sich in andere hineinzuversetzen, war bei ihnen weniger aktiv. Ziehen Einsame sich also von anderen Menschen zurück, weil ihr Gehirn so strukturiert ist, dass sie von der Nähe weniger haben? Andere Studien weisen darauf hin, dass Einsame auch ein schlechteres Verhältnis zu sich selbst pflegen, sich zum Beispiel weniger bewegen und schlechter in der Lage sind, das eigene Verhalten zu kontrollieren, etwa beim Essen und Trinken.

Eng, aber kompliziert dürften die Verbindungen zwischen Einsamkeit und Depression sein. „Wir vermuten, dass Depressionen auch zunehmen, weil vielen Menschen enge Sozialkontakte fehlen“, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Ulrich Voderholzer von der Schön-Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Wissenschaftliche Erhebungen, die das beweisen könnten, fehlen zwar noch, doch das Beziehungsgeflecht spielt bei seelischen Leiden eine wichtige Rolle. „Wir fragen immer nach den wichtigsten Menschen im Leben und versuchen herauszufinden, ob unser Patient sich geliebt und wertgeschätzt fühlt.“

Möglicherweise ist eine Depression das Bindeglied zwischen chronischen Einsamkeitsgefühlen und körperlichen Leiden. „Dass Depressionen das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle deutlich erhöhen, ist inzwischen erwiesen“, sagt Voderholzer. Nicht alle Menschen, die sich chronisch einsam fühlen, werden allerdings depressiv. „Einsame fühlen sich eher hilflos, Depressive eher hoffnungslos“, beschreibt der Psychologe Eberhard Elbing von der Uni München den größten Unterschied. Am Tiefpunkt einer Depression können Menschen für ihre nächsten Angehörigen keine Gefühle mehr empfinden. „Sie fühlen sich wie versteinert und ziehen sich von anderen Menschen zurück“, sagt Voderholzer.

Deutlich anders geht es Menschen, die sozial isoliert sind und sich mehr Kontakt wünschen. Auch Elbing hält es für wahrscheinlich, dass ihre Zahl in einer Gesellschaft, in der mehr Menschen allein leben und Beziehungen häufiger nur Lebensabschnitte umfassen, wachsen wird. Eine Verhaltenstherapie kann helfen, Beziehungen anders zu bewerten, sagt Voderholzer. „Außerdem kann man auch ganz praktisch am Verhalten gegenüber anderen arbeiten und sich neue Fertigkeiten der Kontaktaufnahme aneignen“, ergänzt er. Um die Gespenster zu verscheuchen, die Seele und Körper bedrohen.

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