Psychologie : Sind wir Menschen doch keine geborenen Optimisten?

Die meisten Leute sehen die Welt durch eine rosarote Brille, lautet eine Psychologenweisheit. Aber jetzt kommen Zweifel an ihr auf.

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Immer nur lächeln. Wie das geht, zeigt das brasilianische Olympia-Maskottchen.
Immer nur lächeln. Wie das geht, zeigt das brasilianische Olympia-Maskottchen.Foto: imago

Menschen sind geborene Optimisten. Unvernünftig wie sie sind, neigen sie dazu, ihre Aussichten zu überschätzen und durch eine rosarote Brille in die Zukunft zu sehen. Schlechte Neuigkeiten werden dagegen ausgeblendet, könnten sie doch die hoffnungsfrohen Erwartungen schmälern. Schlechte Chancen beim Lottospielen? Einer wird gewinnen, und das kann ich sein. Rauchen verursacht Krebs? Mich wird’s nicht treffen. Klimawandel? Wird schon nicht so schlimm werden. Der Berliner Großflughafen BER öffnet 2017? Ganz bestimmt.

Vom „optimism bias“, einem optimistisch verzerrten Bild der Wirklichkeit, sprechen die Psychologen. Diese Neigung soll es uns leichter machen, uns zu motivieren oder Depressionen abzuwehren. Mehr noch, sie ist ein Zeichen seelischer Gesundheit. Klingt nach einem Dogma der Psychologie, nach seit Jahrzehnten etabliertem Lehrbuchwissen. Sogar die Weltfinanzkrise von 2007 wird auf diese Neigung zurückgeführt.

Aber so unerschütterlich, wie es scheint, ist die Annahme nicht. Forscher um Ulrike Hahn vom Birkbeck College der Universität London zweifeln sie an. Die Studien, auf die der angebliche „Optimismus-Bias“ gründet, sind ihrerseits verzerrt, lautet eines ihrer Argumente, wie sie im Fachblatt „Cognitive Psychology“ darlegen.

Üblicherweise wird eine „unrealistische“ Zuversicht festgestellt, wenn Versuchspersonen sich mit dem Durchschnitt der Bevölkerung vergleichen. Dann nehmen sie anscheinend an, dass ihnen ein Unglück seltener als den anderen zustößt. Sie unterschätzen das Verhängnis, das ihnen blühen kann.

Optimismus-Studien haben eingebaute Fehler

Allerdings haben solche Untersuchungen grundsätzliche Schwächen in ihrer Methodik, bemängeln Kritiker wie Hahn schon seit längerem. Sobald ein negatives Ereignis seltener als zu 50 Prozent auftreten kann, besteht die Gefahr, dass selbst völlig vernünftige Personen schlagartig als verträumte Schönfärber dastehen.

Dieser Effekt ist zudem „spiegelverkehrt“. Auch ein erwartbar positives Ereignis wird zu gering eingeschätzt. Plötzlich erscheinen Menschen dann sogar als unverbesserliche Pessimisten. Doch wird in den Studien eben häufig nicht nach solchen guten Aussichten gefragt. In den Fällen, in denen es geschieht, findet sich kein Hinweis auf übertriebenen Optimismus, sondern auf das grundsätzliche Problem, dass das eigene Betroffensein von guten wie schlechten Ereignissen zu gering eingestuft wird. Ein Phantom der Statistik, kein real existierendes Phänomen, behaupten Hahn und ihre Kollegen.

In ihrer neuen Veröffentlichung erweitern die Londoner Wissenschaftler ihre methodische Kritik an der Optimismus-Forschung auf einen neueren Typ von Untersuchung. In dieser geht es darum, wie sehr Versuchspersonen bereit sind, ihre Risikoeinschätzung aufgrund von neuen Informationen – etwa zu der Wahrscheinlichkeit von Krebs – korrekt zu verändern.

Die bisherigen Studien zeigen anscheinend, dass Versuchsteilnehmer sich schwer damit tun, ihr Weltbild aufgrund von schlechten Nachrichten neu zu justieren. Eher behalten sie ihre rosig getönte alte Zukunftsprognose bei.

Positiv oder negativ - aus beidem werden falsche Schlüsse gezogen

Die Forscher belegten hingegen, dass der Hang, ungünstige Neuigkeiten auszublenden, umgekehrt wurde, wenn es um gute Mitteilungen ging. Etwa um die Chance, 90 Jahre alt zu werden. Menschen waren ebenso wenig in der Lage, aus positiven Informationen die richtigen Schlüsse zu ziehen, sie unterschätzten ihre Chancen. Computersimulationen perfekt „vernünftiger“ Personen dokumentierten zudem einen studientechnisch bedingten systematischen Trend zum Optimismus.

Auch bei den Untersuchungen zum mangelhaften Lernen aus schlechten Neuigkeiten gibt es also grundsätzliche Mängel, die in der Methode liegen, lautet das Fazit der Wissenschaftler. Sie ließen sich nicht völlig beheben. Dennoch, als die Forscher mit korrigierten Verfahren Informationen sammelten, konnten sie keinen übertriebenen Hang zum Schönfärben mehr feststellen.

Eine völlige Absage an den Optimismus ist jedoch auch aus Sicht der skeptischen Psychologen nicht begründet. „Natürlich gibt es jede Menge Belege für einen überzogenen Optimismus in Alltagssituationen, etwa Englands Fußballfans“, sagt der Studien-Mitautor Punit Shah vom Londoner King’s College. „Aber diese Beispiel zeigt nur, dass Leute in bestimmten Situationen optimistisch sind, nicht, dass sie es ganz allgemein sind.“

Wer weiß, vielleicht eröffnet der BER doch 2017.

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