Psychologie : Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben

Ob Kennedy-Mord, Mondlandung oder Diana-Tod: Verschwörungstheorien sind erstaunlich weit verbreitet. Dafür gibt es gute Gründe, sagen Psychologen.

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Bildbeweis. Manche Menschen glauben, die Mondlandung habe nie stattgefunden.
Bildbeweis. Manche Menschen glauben, die Mondlandung habe nie stattgefunden.Foto: AFP

Es ist ein Glaubenskrieg, dessen Spuren sich im Internet, auf Tausenden von Seiten, nachverfolgen lassen. Und täglich werden es mehr. Sobald ein Artikel über Verschwörungstheorien erscheint, ein Blog-Eintrag sich dem Thema widmet, wimmelt es in den Kommentaren der Leser darunter nur so von Anschuldigungen und Verteidigungsreden, von vermeintlichen Beweisen und Gegenbeweisen. Immer weg vom Thema des Artikels hin zum Grundsätzlichen: dem Vorwurf der Naivität, der Lüge, des Wahnsinns. Die anderen wollen nicht begreifen, was wirklich passiert ist, so die Überzeugung jeweils beider Lager. Wer’s glaubt, wird selig, wir dagegen kennen die Wahrheit.

Misstrauen in die Institutionen

Die Wahrheit, das ist für die einen die offizielle Erklärung eines Ereignisses, die die anderen wiederum nur als Ablenkungsmanöver von Mächten begreifen, die geheim sind oder ihre Pläne zumindest im Verborgenen verfolgen. Anhänger von Verschwörungstheorien sind alles andere als eine Randgruppe: Das Misstrauen in die Institutionen und in die öffentlichen Erklärungen dramatischer Ereignisse ist weitverbreitet, wie Befragungen immer wieder zeigen.

Viele glauben an einen Mord an Prinzessin Diana

Als etwa das ZDF 2012 eine repräsentative Erhebung durchführte, äußerten 38 Prozent der unter 39-jährigen Deutschen, dass sie an eine Beteiligung der US-Regierung an den Terrorangriffen vom 11. September glaubten. 45 Prozent der Befragten waren sich sicher, dass der ehemalige Ministerpräsident Uwe Barschel 1987 im Genfer Hotel Beau Rivage ermordet wurde. Und 43 Prozent hielten es für möglich, „dass Prinzessin Diana 1997 einem Mordanschlag zum Opfer fiel“.

Dass solche Vorstellungen weitverbreitet sind, „legt nahe, dass sie bestimmte soziale Funktionen oder psychologische Bedürfnisse erfüllen“, schreiben die britischen Psychologen Viren Swami und Rebecca Coles in einem 2010 erschienenen Artikel. „Angesichts dieser Rolle verdienen Verschwörungstheorien die gleiche akademische Analyse wie andere religiöse, politische oder soziale Überzeugungen“.

Die gesellschaftliche Akzeptanz von Verschwörungstheorien ist gestiegen

Tatsächlich haben sich in den vergangenen Jahren etliche Wissenschaftler, vor allem Psychologen, mit dem Thema beschäftigt: Wie unterscheiden sich Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, von jenen, die keine Verschwörung vermuten? Verfügen sie über bestimmte Persönlichkeitseigenschaften? Gibt es biografische Besonderheiten? Welche Rolle spielen gesellschaftliche Entwicklungen? Das sind nur einige der Fragen, die sie untersuchen. Ihr Interesse zeigt: Die gesellschaftliche Akzeptanz ist gestiegen. Ein mit einem Stigma versehenes Phänomen, das früher vielfach als Hirngespinst belächelt wurde, wird nun zumindest als Forschungsgegenstand ernst genommen.

Manchmal muss die Fantasie Informationen ersetzen

Verschwörungstheorien dienen vorrangig dazu, Wissenslücken zu schließen, die bei Ereignissen, die für den unbeteiligten Einzelnen nicht überschau- und überprüfbar sind, zwangsläufig entstehen. Wer kann schon beurteilen, wer hinter dem Attentat auf John F. Kennedy steckt, ob die Mondlandung wirklich stattgefunden hat oder Elvis Presley 1977 infolge eines Herzversagens starb? Das Leben in einer hoch vernetzten Welt bringt mit sich, dass wir vieles durch die Medien erfahren, was sich unserem unmittelbaren Einfluss und Beurteilungsvermögen entzieht. Fehlen entscheidende, plausible Informationen, suchen wir unwillkürlich nach ihnen – und wenn die Wirklichkeit sie nicht liefern kann, muss eben die Fantasie herhalten und sie gegebenenfalls ersetzen.

Es sei ein menschliches Grundbedürfnis, „die kausale Struktur der Umwelt“ zu verstehen, schrieb der österreichische Psychologe Fritz Heider schon 1958. „Wenn ich zum Beispiel auf meinem Schreibtisch Sand vorfinde, werde ich die Ursache dieses Ereignisses herauszufinden versuchen. Ich unternehme diese Nachforschung nicht aus bloßer Neugierde, sondern weil ich die Umwelt nur dann vorhersagen und kontrollieren kann, wenn ich dieses relativ unbedeutende Symptom mit einem zugrunde liegenden Kernereignis in Zusammenhang bringe.“ Diese Ursachen, so Heider, stellten „relevante Konstanten der Umwelt“ dar, „sie sind es, die unseren Erfahrungen Bedeutung verleihen“. Und sie zu kennen erhöhte im Zweifelsfall, vor allem in früheren Zeiten, unsere Überlebenschancen.

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