Rätsel "Tabbys Stern" : Haben Astronomen Hinweise auf Außerirdische entdeckt?

Forscher beobachten einen mysteriösen Lichtverlust an „Tabbys Stern“. Eine Theorie: Eine weit entwickelte Zivilisation baut dort einen riesigen Energiepark.

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Verhüllt. Die Computergrafik zeigt einen Stern – umschlossen von Kollektoren, mit denen Außerirdische ihren Energiebedarf decken.
Verhüllt. Die Computergrafik zeigt einen Stern – umschlossen von Kollektoren, mit denen Außerirdische ihren Energiebedarf decken.Abb.: LYNETTE COOK/SCIENCE PHOTO LIBRA

Errichten 1480 Lichtjahre von der Erde entfernt Außerirdische eine gewaltige Megastruktur, um ihren Energiehunger zu stillen? Oder wirbelt dort nur ein Schwarm von Kometen um einen Stern und narrt die Astronomen? Die Helligkeit von „Tabbys Stern“ flackert auf verwirrende Weise, bislang können Astronomen das Phänomen nicht erklären. Doch allein die Möglichkeit, hier erstmals auf die Spur einer außerirdischen Zivilisation gestoßen zu sein, elektrisiert die Forscher – und führt zu heftigen Auseinandersetzungen.

Tabby, das ist Tabetha Boyajian, Astronomin an der Universität Yale. Sie leitet das Projekt „Planet Hunter“ (Planetenjäger), bei dem Hobbyforscher die vom Weltraumteleskop Kepler gelieferten Daten nach Auffälligkeiten durchstöbern. Denn trotz ausgeklügelter Algorithmen ist der Mensch in Sachen Mustererkennung einem Computer oftmals doch noch überlegen.

Unregelmäßige Verdunklung

Von 2009 bis 2013 überwachte Kepler die Helligkeit von etwa 150 000 Sternen auf der Suche nach Planeten. Bei geeigneter Lage seiner Umlaufbahn zieht ein Planet von der Erde aus gesehen regelmäßig vor seinem Stern vorüber und schwächt dessen Helligkeit ein klein wenig ab. Die Mission war überaus erfolgreich. Mehr als 2300 Exoplaneten hat Kepler entdeckt. In den meisten Fällen lassen sich die regelmäßigen Verdunklungen leicht automatisch aufspüren, aber nicht immer. Schwierig wird es beispielsweise, wenn nicht nur einer, sondern gleich mehrere Planeten abwechselnd vor dem Stern vorüberziehen.

Hier kommen Boyajians Planetenjäger ins Spiel. Mehrere Objekte haben sie bei ihrer Inspektion der Lichtkurven bereits entdeckt, darunter den „seltsamsten Stern des Universums“. Tabbys Stern, Katalognummer KIC 8462852, zeigt kurzzeitige Helligkeitsabschwächungen, die zwar Vorübergängen von Planeten ähneln, aber völlig unregelmäßig auftreten. Im Extremfall schwächen sie die Helligkeit des Sterns um bis zu 20 Prozent ab, ein Vielfaches dessen, was selbst große Planeten vermögen.

Eine aufregende Möglichkeit

Kurz nachdem Boyajian und ihr Team auf der wissenschaftlichen Online-Plattform „Arxiv“ über den seltsamen Stern berichtet hatten, formulierte Jason Wright von der Universität von Pennsylvania eine kühne These. Gewaltige künstliche Gebilde, gebaut durch eine fortschrittliche außerirdische Zivilisation, könnten die Helligkeitsänderungen verursachen. Tatsächlich diskutieren Astronomen seit Jahrzehnten, ob nicht die Suche nach Megastrukturen in fernen Planetensystemen geeigneter ist, um Außerirdische aufzuspüren, als die Suche nach Radiosignalen.

Denn während ET vielleicht andere, uns unbekannte Kommunikationsmittel nutzt, steigt der Energiehunger einer Zivilisation mit dem technischen Fortschritt. Irgendwann, so argumentierte bereits 1960 der Physiker Freeman Dyson, benötigen die Außerirdischen die gesamte Energie ihres Sterns. Wird bei Tabbys Stern eine „Dyson-Sphäre“, eine Hülle aus Sonnenkollektoren errichtet? Wright und seine Kollegen blieben vorsichtig. Es sei zwar eine aufregende Möglichkeit, wahrscheinlicher bleibe aber eine natürliche Erklärung für das seltsame Phänomen.

Die Helligkeit von Tabbys Stern hat abgenommen

So argumentierten im November 2015 Eva Bodman und Alice Quillen von der Universität von Rochester (New York), ein Schwarm von Kometen könne die unregelmäßigen Verfinsterungen des Sterns erklären. Doch dann kam Bradley Schaefer von der Universität von Louisiana. Er hatte sich die Mühe gemacht, historische Himmelsaufnahmen bis zurück in das Jahr 1889 zu untersuchen und stieß auf ein weiteres Rätsel. Die Helligkeit von Tabbys Stern hat von 1889 bis heute um 20 Prozent abgenommen. So etwas haben Astronomen bei einem normalen Stern niemals zuvor beobachtet. Durch Kometenschwärme ist das nicht zu erklären, wohl aber durch den langsamen Aufbau einer gigantischen Struktur.

Um Schaefers Analyse ist seither ein heftiger Streit entbrannt. Der deutsche Hobbyforscher Michael Hippke und der Nasa-Wissenschaftler Daniel Angerhausen schauten sich Schaefers Daten kritisch an und kamen zu dem Schluss, die vermeintliche Helligkeitsabnahme sei nur durch Qualitäts- und Kalibrierungsunterschiede der verwendeten Fotoplatten vorgetäuscht. Schaefer wiederum warf Hippke und Angerhausen „Anfängerfehler“ vor. Tatsächlich ist Schaefer ein ausgewiesener Experte in der Kunst, historische Fotoplatten auszuwerten.

Bei der nächsten Verdunklung wird genau hingeschaut

Um gleichzuziehen, taten sich Hippke und Angerhausen mit einem Expertenteam um Michael Lund von der Vanderbilt-Universität in Nashville zusammen. Schaefers Kritik war nicht unberechtigt, gaben sie zu, korrigierten eine Reihe von Fehlern – und kamen doch zum gleichen Schluss. Die Genauigkeit der historischen Daten reiche nicht aus, um den behaupteten Helligkeitsabfall zu bestätigen.

Wer hat nun recht? Eine erneute Auswertung der Kepler-Daten könnte die Frage beantworten. Denn diese Daten sind erheblich genauer und müssten eine solche Abnahme bereits über die vier Betriebsjahre des Teleskops hinweg zeigen. Ben Montet vom California Institute of Technology und seine Kollegen haben jetzt eine solche Analyse vorgenommen und eine langsame Helligkeitsabnahme gefunden. „Sie ist in Übereinstimmung mit Schaefers Trend“, sagt Montet. „Wir finden nichts Vergleichbares bei anderen Sternen dieses Typs.“ Allerdings ist das Ergebnis noch vorläufig und muss nun unabhängig überprüft werden.

Kometen oder Megastruktur – was sich hinter Tabbys Stern verbirgt, können nur weitere Beobachtungen zeigen. Boyajian hat ein weltweites Projekt ins Leben gerufen, um den Stern zu überwachen. Die nächste Helligkeitsschwankung soll bei möglichst vielen unterschiedlichen Wellenlängen beobachtet werden. Je nachdem, bei welcher Wellenlänge die Abschwächung stärker ausfällt, können die Forscher bestimmen, ob Gas oder Staub das Sternenlicht verdunkelt. Ist die Abschwächung jedoch bei allen Wellenlängen gleich, dann könnte ein undurchsichtiges, festes Objekt die Ursache sein.

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